Berlin: Geflüchtete Kinder aus Syrien und dem Irak finden Halt & Gemeinschaft im Kung Fu

Berlin: Geflüchtete Kinder aus Syrien und dem Irak finden Halt & Gemeinschaft im Kung Fu
Geflüchtete Kinder aus Syrien finden Halt, Gemeinschaft und Disziplin im Shaolin Kultur Verein in Berlin (Foto: Alexander Pałucki)
Der Shaolin Kultur Verein knüpfte ersten Kontakt mit einem Flüchtlingslager im Norden Berlins. Was mit einem ersten Besuch begann und in eine beliebte Vorführung Vorort mündete, zog eine bis heute andauernde Beziehung mit sich, die wertvolle Früchte getragen hat. Eine RT Deutsch-Reportage.

Vor knapp zwei Jahren sind Maher, Radhwan und Ismail im Zuge des Krieges in ihren Ländern, nach Deutschland gekommen. Die drei Jungs sind erst seit knapp acht Monaten im Training. Auf eine Initiative von Tatiana Herrmann wurde der erste Kontakt geknüpft. Sie ist auch die Gründerin des Shaolin Kultur Vereins, der im Jahr 2012 ins Leben gerufen wurde. Der Kung-Fu Lehrerin geisterte die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise und die vielen Fragen, die damit verbunden sind, im Kopf herum. Sie sprach von Ungewissheit in ihrer Umgebung. Sie beobachtete auch Unsicherheit und Unbehagen vor den Neuankömmlingen. Also entschloss sie sich ein Flüchtlingslager selber zu besuchen, um sich ein eigenes Bild von den Menschen und der Sachlage zu machen.

Maher (16 J.), Radhwan (14 J.) und Ismail (14 J.) proben die nächste Vorführung (Foto: Alexander Pałucki)

Zwischen den jugendlichen Flüchtlingen und der erfahrenen, Berliner Kung-Fu-Meisterin ist ein unsichtbares Band von Vertrauen und Nähe zu erkennen. Auch der Gehorsam und die Intimität, kardinal für eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, war für alle Anwesenden klar zu erkennen. So war es aber nicht von Anfang an: Frau Herrmann sprach von einer stetigen Entwicklung, die anfangs natürlich alles andere als geordnet und strukturiert war: Disziplin, Ruhe und Verantwortungsbewusstsein kamen erst mit Mühe und viel Arbeit zum Vorschein. Das sei aber auch das, wofür „Kung-Fu“ steht, es bedeutet „harte Arbeit“, so Frau Herrmann.

Die Gold-Medalistin des World Traditional Wushu Festival ergänzte außerdem:

Das Kung-Fu wird benutzt damit wir den Menschen entwickeln, damit wir die Tugenden bei dem Menschen entwickeln. Dass der Körper sich entwickelt; die Kraft und die Schnelligkeit entwickelt wird. Für mich aber, und in unserem Verein, ist es am wichtigsten, dem Menschen eine Möglichkeit zu schaffen, sich selbst zu entwickeln, und zu formen: den Charakter zu stärken, selbstbewusster zu werden (...), hilfsbereit zu werden.

Getauschte Rollen: Schüler werden kurzzeitig zu Lehrern

Auf dem 1. Interkulturellen Sportfest in Berlin-Neukölln lernen wir die Schüler von Tatiana Herrmann erstmals kennen. Hier hat die Shaolin-Gruppe die Gelegenheit Berliner Grundschulkindern die Kunst des Kung-Fu vorzustellen. Maher (16) und Radhwan (14) sind Brüder und kommen aus dem Irak. Der ältere von den beiden erwähnt im Interview mit RT Deutsch, dass er aus Kurdistan kommt, was ihm sehr wichtig ist. Später möchte er Kung-Fu-Meister werden und andere lehren. Der jüngere Bruder, Radhwan, teilte uns mit, dass er sich sehr freut sein bisher erlangtes Wissen über Kung-Fu kleineren Kindern zu zeigen und sie mit ersten Schritten einzuweisen. Ismail (14) ist ein Junge aus Syrien und erklärt uns begeistert die Bedeutung von Kung-Fu in seinem Leben. Er ist sich der harten Arbeit, die hinter ihm liegt bewusst und schreckt nicht zurück vor der, die noch bevorsteht. Alle drei Kinder sind mit ihren Familien in der ersten Flüchtlingswelle im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen. Alle Jungs nahmen zeitgleich das Training bei Frau Herrmann auf.

Die Situation in den Flüchtlingslagern sei sehr schwer, so Frau Herrmann. Vielköpfige Familien teilen sich meist sehr kleinen Wohnraum. Ihrer Einschätzung nach fehlt es den Kindern an Zuneigung und Aufmerksamkeit, da die Familien mit den kleineren Geschwistern bereits vollkommen überfordert sind. Das Kung-Fu-Training ist eben der eröffnete Raum und eine frische Gelegenheit, um diese Gemeinschaft und Nähe für die Kinder neu einzuführen. Selbstwertgefühl, Empathie und Willensstärke werden Schritt für Schritt aufgebaut, so die Kung-Fu-Meisterin.

Die Kung-Fu-Schüler, Ismail und Radhwan, bei einer Besprechung mit ihrer Meisterin (1. Interkulturelles Sportfest in Berlin-Neukölln, Foto: Alexander Pałucki)

Perspektiven

In Anbetracht der verschiedenen Narrativen, Anekdoten und Erfahrungsberichte, die die Flüchtlingskrise bisher hervorbrachte, sei dies ein Beispiel, in dem Integration eine sichtbare und erfahrbare Form annimmt und wenig mit den abstrakten Begrifflichkeiten zu tun hat, die sonst zu hören waren. Das philosophische Prinzip hinter der Arbeit des Shaolin Kultur Vereins könnte lauten: Integration ist „Kung-Fu“.