Tag der Einheit: Hat Ostalgie doch Grund und Boden? Neues zum Ost-West Vergleich

Tag der Einheit: Hat Ostalgie doch Grund und Boden? Neues zum Ost-West Vergleich
Sprengung eines ehemaligen FDGB-Erholungsheimes in Klink nahe Waren Müritz (Mecklenburgische Seenplatte) am 28. September 2017. Das Heim wurde 1974 gebaut, nach der Wende privatisiert und in ein Hotel umfunktioniert. Jetzt muss das Hotel einem Neubau weichen.
Die Tendenz, für die ostdeutsche Misere nach der Wende die DDR selbst mit ihrer "Misswirtschaft" und "totalitärem Regime" verantwortlich zu machen, wird immer wieder von den ehemaligen DDR-Bürgern in Frage gestellt. Spricht da nur noch (N)Ostalgie?

Das Gefälle zwischen den sogenannten neuen  und alten Bundesländern ist sprichwörtlich. Obwohl die Ostdeutschen selbst oft mit den Füßen abstimmten und sowohl vor als auch nach der Wende gen Westen wanderten, sehnen sich immer noch viele nach einer DDR zurück, in der vieles besser war. Das lässt sich auch im Materiellem belegen, hat die Zeitung Junge Welt (JW) in ihrem Artikel "The dark side of the 'Wende'" ausgerechnet.

So argumentiert der Autor Matthias Kraus, dass man in der DDR mit 477 DDR-Mark nach Abzug der Wohn- und Lebenskosten noch größeren finanziellen Freiraum hatte als es heute mit durchschnittlich 830 Euro Rente in den neuen Bundesländern der Fall ist. Die finanzielle Förderung der Jugend war in der DDR auch ausgefeilter: Kein Bafög könne zum Beispiel die Auszahlungen an 11- und 12-Klässler ersetzen.

Doch es gab nicht genug Konsumgüter, für die man dieses Geld ausgeben konnte, wäre dann an dieser Stelle die Gegenargumentation. Auch vom „Freiraum“ in der DDR könne man nur schwer sprechen. Ja, bei der Reisefreizügigkeit stand die DDR der heutigen Bundesrepublik nach.

Doch die JW lässt sich von solchen Argumenten nicht in die Irre führen. Mit dem kostenlosen Empfang des Westfernsehens in der späten DDR habe man am Bildschirm eine für den Empfänger „hervorragende“ Situation gehabt, im Gegensatz zum heutigen „Einheitsbrei“ die völlig kontroversen Programme selbst auswerten zu können, schreibt das Blatt in einem anderen Artikel.

Auch im rechtlichen Terrain, der Sphäre, an der die Kritiker der DDR als eines „Unrechtsstaates“ am meisten nagen, habe die DDR laut der Zeitung teilweise bessere Praktiken wie kürzere Wege zum Gericht, verständliche Justizsprache und niedrige Kriminalitätsrate.

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Außerdem hatte die DDR eine ausgewachsene Infrastruktur, die in die entlegensten Landgegenden mit Eisenbahnanschlüssen, Verkaufs- und Poststellen, Dorfkneipen, Bibliotheken und Kindergärten reichte, eine hohe Beschäftigungsquote und Lust aufs Kinderkriegen. Heute gibt es Abwanderung, Überalterung und ein Gefälle zwischen riesigen Ballungsräumen und großen, mittlerweile vernachlässigten Regionen - Strukturen, die denen in der Dritten Welt immer mehr ähneln.

Angesichts der bevorstehenden Wiedervereinigungsfeier sind das unbequeme Wahrheiten, die sich zu großen Teilen durch Arbeitsmarktsstatistiken belegen lassen. Die Auswertung des Marketingsunternehmens Joblift, die über 100 Jobbörsen umfasste, haben ergeben, dass in einem alten Bundesland nach wie vor viel öfter Jobs entstehen als im Osten – mit 423.099 Jobanzeigen im Osten im Monat pro Bundesland, waren es in Westdeutschland 1.255.120 – fast drei Mal so viel.

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Zwar gebe es in den neuen Bundesländern eine auffällige Dynamik – mit 43 Prozent höherem Zuwachs und deutlich höherem Angebot an unbefristeten Stellen ist dieser Trend vor allem auf dem Nicht-Akademiker Markt zu verzeichnen. In den alten Bundesländern werden die Stellen mit Hochschulabschluss 20 Prozent häufiger angeboten:

Während in westdeutschen Ländern jedoch vor allem hoch qualifizierte Fachkräfte wie Softwareentwickler begehrt sind, sind es in Ostdeutschland vorrangig Ausbildungsjobs, etwa in der Pflege, die auf hohe Nachfrage stoßen, fassen die Jobanalysten zusammen.

Dieses Gefälle spiegelt sich auch im Gehaltsvergleich wider: Während das Bruttodurchschnittsgehalt einer Fachkraft in Deutschland bei 57.150 Euro liegt, verdient ihr Pendant in Ost-Deutschland im Schnitt jährlich 42.385 Euro, ergibt eine Studie des Jobportals StepStone. Insgesamt verdient man im Osten in gleichen Berufen bis zu 20.000 Euro weniger, kommt aus einer im Jahr 2016 durchgeführten Online-Umfrage bei den Fach-und Führungskräften hervor.

Dass die beiden ungleiche Teile Deutschlands nach 27 Jahren - die Epoche rückt langsam an die Gesamtdauer der deutschen Trennung heran - immer noch große Unterschiede in (verloren gegangener) Lebensqualität, politischem Verhalten, Medienkonsum und so weiter haben, ist unumstritten. Aber eine fachliche ent-ideologisierte Diskussion darüber, bei der auch ehemalige DDR-Bürger allen politischen Couleurs das gleiche Mitspracherecht haben, hat bis jetzt nicht stattgefunden.