Neue Studie: Diesel-Gate fordert in Europa angeblich 5.000 Menschenleben pro Jahr

Neue Studie: Diesel-Gate fordert in Europa angeblich 5.000 Menschenleben pro Jahr
Symbolbild
Laut einer wissenschaftlichen Studie sterben jedes Jahr etwa 10.000 Menschen an den Folgen zu hoher Feinstaub- und Stickoxidwerte. Dabei geht nach Ansicht der Forscher rund die Hälfte der Todesfälle auf die Manipulationen deutscher Hersteller wie VW zurück.

Forscher aus Österreich, den Niederlanden, Schweden und Norwegen veröffentlichten nach Untersuchungen in 28 EU-Staaten ihre Schlussfolgerungen am Montag im britischen Fachblatt "Environmental Research Letters". Der Studie zufolge, die im Auftrag des Norwegischen Meteorologischen Instituts in Kooperation mit dem International Institute for Applied Systems durchgeführt worden war, kosteten die Abgasmanipulationen bei Dieselmotoren, wie sie etwa beim größten deutschen Autobauer VW aufgedeckt wurden, jährlich etwa 5.000 Menschen in Europa das Leben.

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Die generellen Feinstaub-Emissionen der Dieselmotoren führten demnach bei etwa 10.000 EU-Bürgern zum frühzeitigen Tod. Besonders tragisch sei dabei die Tatsache, dass es nach Analyse des internationalen Forscherteams möglich gewesen wäre, 4.750 Todesfälle zu verhindern, hätten sich die Autobauer an die gesetzlichen Vorschriften gehalten und ihre Kraftfahrzeuge tatsächlich nur so viel Feinstaub wie unter Laborbedingungen ausgestoßen.

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Überdurchschnittliche Diesel-Verbreitung in Europa

Besonders problematisch seien in diesem Zusammenhang die Stickoxide. Forscher des Massachusetts Institute of Technology machten in diesem Zusammenhang bereits Anfang 2017 auf eine mögliche Verbindung zwischen erhöhtem Stickoxid-Ausstoß und der Häufigkeit vorzeitiger Todesfälle aus. Die höchsten Opferzahlen durch zu hohe Stickoxid-Werte verzeichnen nach Analysen des internationalen Forscherteams Deutschland, Italien und Frankreich. Dies läge zum Teil an der im EU-Durchschnitt hohen Bevölkerungszahl der genannten Staaten. Doch auch die Diesel-Emissionen seien mitverantwortlich für die hohen Todeszahlen.

Laut Studie stieg der Anteil an Diesel-betriebenen PKW in Europa seit den späten 1990er Jahren auf etwa 50 Prozent. Demnach befahren aktuell rund 100 Millionen Diesel-Fahrzeuge die Straßen Europas – mehr als doppelt so viele wie der Rest der Welt zusammen. Wobei deren Stickoxid-Emissionen vier bis fünf Mal so hoch sind wie in offiziellen Zertifizierungsvorgaben vorgesehen. Mit Diesel betriebene Fahrzeuge stoßen zwar weniger Kohlendioxid aus als Ottomotoren, dies wird durch den erhöhten Stickoxid-Ausstoß jedoch wieder wettgemacht.

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Stickoxide sind ein Bestandteil des so genannten Feinstaubs. Dieser legt sich auf die Lungen, dringt in den menschlichen Blutkreislauf ein und verursacht unter anderem Atemwegsbeschwerden. Doch die Liste der Symptome ist lang: Auch Seh- und Zahnprobleme, sowie Appetitlosigkeit und starke Kopfschmerzen werden mit der Überschreitung der Stickoxid-Grenzwerte in Verbindung gebracht.

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Wertverlust bis zu 20 Prozent für die Eigentümer

Einen unumstößlichen Beweis dafür, dass tatsächlich die Stickoxide für all diese gesundheitlichen Schäden verantwortlich sind, kann auch die jüngst veröffentlichte Studie nicht liefern. Bei mehreren Gelegenheiten zeigte sich jedoch bereits bei älteren Untersuchungen, dass dort, wo viele Stickoxide auftraten, auch andere Gifte verbreitet waren - zum Beispiel Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe oder Schwefeldioxid. 

Der deutsche Autokonzern Volkswagen hatte im September 2015 eingeräumt, in weltweit rund elf Millionen Diesel-Fahrzeuge eine illegale Abschalte-Software eingesetzt und diese bei Tests von Schadstoff-Emissionen verwendet zu haben. Unter Laborbedingungen genügte das Fahrzeug folglich den gesetzlichen Vorgaben, nicht jedoch im Normalbetrieb auf der Straße. Doch mittlerweile wurde bekannt, dass auch andere Hersteller wie Audi, Skoda und Porsche bei den Emissionswerten tricksten, möglicherweise auf Kosten von Menschen. Je nach Schätzung beträgt der Wertverlust der Fahrzeuge für den Halter dadurch bereits zwischen 10 und 20 Prozent des Kaufpreises.

Rückrufzwang in Deutschland

Aktuell bezahlen vor allem die Kunden die Diesel-Zeche: Verweigern Sie den Rückruf, kann ihnen das Kraftfahrt-Bundesamt die Betriebserlaubnis entziehen und die TÜV-Plakette verweigern. Anders verhält es sich im Absatzmarkt USA. Dort werden Diesel-Kunden von VW aktuell mit 5.000 Dollar je Fahrzeug entschädigt. Der deutsche Autokonzern muss die Autos auf Wunsch sogar zurückkaufen. Und beim Rückruf wird nicht nur die Manipulationssoftware entfernt. Oben drauf gibt es eine 10-Jahres-Garantie und ab 2018 werden bestimmte Verschleißteile gratis ausgetauscht.