Merkwürdiges Geschichtsverständnis der Kanzlerin: Russland rätselt über Merkels Krim-Vergleich

Merkwürdiges Geschichtsverständnis der Kanzlerin: Russland rätselt über Merkels Krim-Vergleich
Die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel am 23. November 2012.
In Ihrem großen FAZ-Interview hat Angela Merkel die Trennung der Krim von der Ukraine mit der deutschen Teilung verglichen. In Russland fragen sich viele, ob die Kanzlerin wirklich versteht, worum es geht.

Zwei Sätze der Kanzlerin, gesagt am Anfang Ihres großen Interviews der Zeitung „FAZ am Sonntag“, sorgten in Russland für Entrüstung: Vertreter des Föderationsrats und Außenministeriums, Experten und Journalisten kritisierten die deutsche Kanzlerin scharf für ihren Krim-DDR-Vergleich.

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Die außenpolitische Sprecherin des Außenministeriums Maria Sacharowa musste sich offenbar in Sarkasmus hüllen, um die Fassungslosigkeit über das Geschichtsverständnis der deutschen Regierungschefin zu übertünchen. Es seien sicherlich russischen Hacker gewesen, die Angela Merkel den Zusammenhang zwischen der Wiedervereinigung der Krim im Jahr 2014 und der deutschen Wiedervereinigung von 1990 nahelegten. Noch vor zweieinhalb Jahren habe der Vergleich, vorgetragen vom russischen Außenminister Lawrow auf der Münchner Konferenz im März 2015, für empörtes Raunen im Saal gesorgt.

Nun ist die gleichzeitige Erwähnung der Geschichte mit der Krim und der Wiedervereinigung Deutschlands, wenn auch ein recht ungeschickt ausgedrückter, aber tatsächlich bestehender Standpunkt der deutschen Spitze“, betonte Sacharowa in ihrem Facebook-Eintrag.

Die offizielle Krim-Flagge weht über die Demonstranten am 15. März 2014 in Simferopol. Auf dem Hintergrund ist Statue des Grunders der UdSSR Wladimir Lenin.

In Wirklichkeit zeigte die Merkel-Aussage - und das deutete Sacharowa in ihrer Ironie an, - wie tief der Graben zwischen dem offiziellen Berlin und Moskau sowohl in der geschichtlichen Erinnerung als auch in der Beurteilung der jüngsten Ereignisse ist. Denn Merkel stellte nicht das russische Volk als ein geteiltes dar, sondern die Trennung der Krim von der Ukraine als trauriges Missverständnis der Geschichte:

Denken wir mal an die Geschichte der Deutschen Einheit: Wenn ich jetzt zum Beispiel so höre, die russische Annexion der Krim müsse man einfach akzeptieren, dann überlege ich: Was wäre denn passiert, wenn man damals so mit uns in der DDR umgegangen wäre, nach dem Motto, ist ja klar, dass Deutschland geteilt bleibt, daran wird sich nichts mehr ändern?

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Um Zweideutigkeiten zu entgehen, fügte sie hinzu:

Ich finde es mutig, dass es damals Menschen gab, die bereit waren, ein ganzes Leben an etwas festzuhalten; die Teilung Deutschlands hat dann ja zum Glück kein Menschenleben gedauert.

Demnach spielte das Referendum auf der Krim und die Meinung der dort lebenden Bürger für Merkel gar keine Rolle, obwohl sie so betont über die Menschen redete. 

Das Mitglied des Verteidigungs- und Sicherheitsausschusses im russischen Föderationsrat (Parlamentsoberhaus) Alexej Puschkow war dementsprechend in seiner Kritik viel deutlicher:

Zu Merkels Kenntnis: Wenn man etwas mit der Wiedervereinigung Deutschlands vergleicht, muss damit gerade die Wiedervereinigung der Krim mit Russland nach einer künstlichen Trennung verglichen werden“, sagte der Sicherheitspolitiker.

​Er betonte dabei, dass sich die Bundeskanzlerin nicht mit falschen Vergleichen beschäftigen sollte. Stattdessen sollte sie sich an die Rolle Moskaus beim Fall der Berliner Mauer erinnern.

Nicht Kiew ist das deutsche Volk zu Dank verpflichtet“, schrieb er ferner auf Twitter.

Nach den Politikern zogen die Experten nach.

Merkel motiviert Kiew zu Säuberungen

So warf Juri Potschta, Professor an der Russischen Universität der Völkerfreundschaft, in einem Gespräch mit dem Portal rueconomics.ru Merkel Geschichtsvergessenheit vor.

Kanzlerin Merkel habe sich definitiv vergriffen, bei ihrem Vergleich zwischen dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten und der Wiedervereinigung der Krim mit Russland.

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Zur Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands ist es nur gekommen, weil die Großmächte sich dafür ausgesprochen hatten. Großbritannien und Frankreich hatten an dieser Entscheidung indes stark gezweifelt“, erinnert der Wissenschaftler.

Doch hat Moskau – für alle überraschend – sich für diesen Schritt eingesetzt und dabei die eigenen Interessen hintenangestellt.“ 

Maßgebend sei die Entscheidung Russlands und der USA gewesen.

Aber eigentlich könne bei der Wiedervereinigung Deutschlands von einem Zusammenschluss zweier Staaten keine Rede sein:

Die Bundesrepublik hat Ostdeutschland praktisch verschlungen. Die Menschen in der DDR hat ja niemand gefragt," betonte der Politologe.

Russland hatte seine Truppen zügig aus der DDR abgezogen und die Bundesrepublik setzte dort eine Politik des Diktats in Gang, erklärte der Professor.

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmaier bei der Ankunft in der lettischen Hauptstadt Riga am 23. August 2017.

Merkels Erklärung sei „eine politische Unverschämtheit“, sagte Potschta weiter. Damit werde Kiew ganz offen dazu getrieben, die Interessen der Menschen auf der Krim und im Donbass zu missachten.

So nach dem Motto, man müsse ja nur so vergehen wie die BRD beim Anschluss der DDR“, so der Politologe.

Damals hatte die Bundesrepublik unverzüglich mit Säuberungen auf allen Verwaltungsebenen begonnen, um die Sowjetkader zu entfernen. “Selbst die Lehrstühle an den Hochschulen seien gesäubert worden. „Alle sind unter diese Presse geraten“ – selbst die Dozenten der „unschuldigen“ Sprachwissenschaften.

"Eine Dummheit, wenn ich so sagen darf"

Der Historiker und Politologe Dmitri Kulikow geht in seiner Einschätzung noch weiter in die Geschichte und erinnert die deutsche Kanzlerin, wie es zur deutschen Teilung gekommen ist. Die Potsdamer und Jalta-Konferenz, die die Teilung Deutschlands in Folge der Niederlage in einem Angriffskrieg einläuteten, blende Merkel völlig aus. Dabei sei es gerade die Sowjetunion gewesen, die in den Jahren 1952-53 mit Wiedervereinigungsinitiativen an der Blockbildungspolitik der Westmächte scheiterte, so Kulikow.

USA, Frankreich und Großbritannien - diejenigen Staaten, die Merkel heute für ihre Bündnispartner hält, haben sich auch an der Teilung Deutschlands beteiligt. Nach diesen Beschlüssen war Deutschland nicht nur geteilt, sondern auch seiner Souveränität beraubt. Diese Staaten, ausgenommen der USA, waren zunächst, im Unterschied zu Sowjetunion, gegen die Wiedervereinigung Deutschlands. Das dürfte Merkel bekannt sein," sagte er weiter.

Am Ende bezweifelte der Politologe in seiner Radiosendung, ob Angela Merkel wirklich verstanden hat, worüber sie sprach, so faktenfrei war ihre Argumentation. Die Aussage sei demnach schlichtweg eine Dummheit.

Krim-Frage im deutschen Parteispiegel

Russland und die meisten westlichen Staaten streiten sich über die sogenannte Krim-Frage. Während Russland die Abspaltung der Krim von der Ukraine nach dem Staatstreich in Kiew und die darauffolgende Eingliederung ins russische Staatsgebiet als Wiedervereinigung feiert, sieht der Westen genauso wie die Ukraine darin eine Annexion oder gar Okkupation.

Nur selten findet im Westen eine Debatte über die rechtliche Seite oder den geostrategischen Aspekt des Konflikts statt. Teile der deutschen Eliten sind aber mittlerweile bereit, die Krim-Frage vorläufig von der Agenda zu nehmen, um die Beziehungen mit Russland nicht weiter zu belasten. Diese Stimmungen gibt es in Teilen der FDP und SPD sowie ganz klar aufseiten der AfD, die sogar bereit ist, den russischen Anspruch auf die Krim anzuerkennen.

Die Partei der Linken ist in dieser Frage gespalten, die Parteispitze favorisiert allerdings eine mäßigende Rhetorik gegenüber Russland. Nur die CDU und die Grünen kritisieren nach wie vor Russland wegen der Krim scharf. Im FAZ-Interview nannte Angela Merkel auch eine pragmatische Ausklammerung der Krim-Frage, die der Parteichef der FDP, Christian Lindner, vorgeschlagen hat, inakzeptabel.