TV-Duell zwischen Merkel und Schulz: Vom Zaudern der Demokratie

TV-Duell zwischen Merkel und Schulz: Vom Zaudern der Demokratie
Beim TV-Duell begegneten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz.
Es war der mit verhaltener Spannung erwartete Höhepunkt des Bundestagswahlkampfs. Allerdings, Höhepunkte lieferte dieser kaum. Zu ähnlich waren die Positionen, zu durchschaubar die inszenierten Attacken des Herausforderers Martin Schulz. Wichtige und zukunftsweisende Themen blieben auf der Strecke.

Bei dem ansonsten ereignis- und kampflosen Vorwahlkampf hofften wohl Millionen von Zuschauern zumindest auf ein spannendes Rededuell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem SPD-Herausforderer Martin Schulz. Enttäuscht waren anschließend die Zuschauer, die sich neue Erkenntnisse erhofft hatten und politische Akzente, die es unter anderem dem Millionenheer der Nichtwähler erlaubt hätten, sich eine fundierte Meinung über die politischen Inhalte beider Parteien und deren Spitzenkandidaten zu machen.

Recht gut unterhalten dürften sich wohl diejenigen gefühlt haben, für die derlei TV-Duelle schon längst kein Ausdruck mehr für den „Zauber der Demokratie“ sind, wie ihn etwa Bild-Redakteur Julian Reichelt verspürte. Vielmehr glich das sogenannte TV-Duell einem weiteren Anzeichen für die Wandlung vom Streit um politische Inhalte hin zur lauen Fernsehunterhaltung am sonntäglichen Abend.

Ebenfalls vorhersehbar und entsprechend enttäuscht zeigte sich auch die Opposition im Bundestag. Linke-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch sprach von einem „großkoalitionären Therapiegespräch“:

Martin Schulz hat sich nicht von der Union abgesetzt“, monierte Bartsch.

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Er hielt Schulz vor, nach der Wahl eine Fortsetzung von Schwarz-Rot als Juniorpartner mittragen zu wollen. Der entsprechenden Frage, ob sich Schulz vorstellen könnte, erneut in eine Koalition mit der Union einzutreten, beantwortete Schulz mit dem Hinweis, dass er zunächst einmal angetreten sei, um die Bundestagswahl zu gewinnen.

Die Grünen kritisierten, Schulz habe keine Ideen für die Zukunft gehabt:

Dass von Merkel keine Dynamik für Veränderung kommt, war zu erwarten, aber auch von Martin Schulz kamen keine Impulse für einen echten sozialen und ökologischen Wandel in diesen dramatischen Zeiten", gab sich Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt enttäuscht.

FDP-Chef Christian Lindner kritisierte, es sei eher um Vergangenheitsbewältigung und nicht um die Zukunft des Landes gegangen:

Das Duell erinnerte an Szenen einer alten Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss“, sagte Lindner und ergänzte: „Jeder weiß, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt, das Rennen um die Plätze 1 und 2 ist gelaufen. Das Rennen um Platz 3 gewinnt dadurch weiter an Bedeutung."

Der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU, Carsten Linnemann, sagte:

Schulz ist rhetorisch geschickt, ein Meister der markigen Worte. Sein Problem ist aber, dass seine Einwände nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Schließlich hat die SPD im Bundestag die Entscheidungen der großen Koalition immer mitgetragen."

Nicht nur einmal stellten die Moderatoren des Abends fest, dass zwischen den beiden Kontrahenten keine auffälligen politischen Differenzen bestehen und wechselten daher das Thema. Während des vermeintlichen politische Schlagabtauschs fiel auf, dass Schulz nur bei wenigen Themen wirklich in Fahrt kam und authentisch wirkte. Ein Beispiel war ein außenpolitisches Thema: Das deutsche Verhältnis zur Türkei.

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Selbstverständlich fielen dabei seitens Schulz Floskeln wie „klare Kante“ gegenüber dem türkischen Staatsoberhaupt Erdoğan zeigen zu wollen. Die Beitrittsverhandlungen würde Schulz unmittelbar beenden, sollte er das Mandat zur Ausübung der bundesdeutschen Richtlinienkompetenz erhalten. Schade nur, dass auch Merkel sich klar positionierte und im letzten Augenblick ebenfalls erklärte, dass sie sich für die Beendigung der Beitrittsverhandlungen mit Ankara stark machen werde.

Innenpolitisch jedoch blieben sowohl Schulz als auch Merkel erstaunlich leidenschaftslos. Ohnehin hatte Schulz die Chance nicht genutzt, die anfängliche parteiinterne Euphorie über seine Kandidatur dafür zu nutzen, den SPD-Markenkern der „sozialen Gerechtigkeit“ zur Ausarbeitung der sprichwörtlichen „klaren Kante“ gegenüber der Unions-Politik zu nutzen. Zukunftsthemen, wie sie wohl Millionen Bürgern unter den Nägeln brennen, fanden kaum oder überhaupt keinen Einzug in den lauen TV-Talk, darunter Themen wie Bildung, Armut, Gesundheit, Klimawandel, Digitalisierung, Löhne, Wohnungsnot oder das Verhältnis zu Russland.

Vor wenigen Tagen gratulierte Bundeskanzlerin Angela Merkel der reichsten Verlegerin Deutschlands, Friede Springer, zu ihrem 75. Geburtstag, Berlin, 15. August 2017.

Allzu einstudiert wirkten dabei allgemeine auf die Zukunft bezogene Aussagen, wie Martin Schulz sie in seinem Schlussplädoyer unterbrachte:

In dieser Zeit ist das beste Mittel der Mut zum Aufbruch, um die Zukunft zu gestalten, und nicht die Vergangenheit zu verwalten."

So ein Satz klingt nett, sagt aber inhaltlich nichts aus. Ein Spiegelbild des grundsätzlichen Dilemmas der SPD. Es war im Nachhinein ebenfalls erstaunlich, dass gerade das Thema Bildung, dass sich die Genossen immerhin im Endspurt um die Gunst der Wähler auf die Fahnen geschrieben hatten, derartig unterging. Dies mag daran gelegen haben, dass gerade in diesem politischen Segment, die SPD bei den Wählern gegenüber der Union zuletzt das Nachsehen hatte.

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Beim Thema innere Sicherheit verwies Schulz mit Ansätzen von Leidenschaft darauf, dass er als „Sohn eines Polizisten“ gedenke, „sehr viel Geld“ für die Polizei zur Verfügung zu stellen, sollte er nach der Wahl das Amt des Kanzlers bekleiden. Dumm nur, dass auch das Thema Sicherheit für die Wähler bislang offensichtlich bei CDU und CSU besser aufgehoben zu sein scheint.

Angela Merkel brauchte denn auch nicht viel zu tun, außer gravierende rhetorische Fehler zu vermeiden, um den zaghaft attackierenden Schulz abblitzen zu lassen und auf ihre Aura der "Mutter der Nation" zu setzen.

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hält das Format des TV-Duells für überholt:

Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung. Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell. In diesem Nebeneinander demonstrierten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz inhaltlich eigentlich nur, dass eine große Koalition jederzeit wieder möglich ist“, konstatiert Gäbler.

Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Stuttgart-Hohenheim, sagte dem „Handelsblatt“ am Montag:

Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz."

Der Politikberater Michael Spreng sagte, Schulz habe bei einigen Themen punkten können, etwa bei Maut, Türkei und Rente:

Aber diese Punkte waren nicht so stark, dass jetzt die Umfragen in die Höhe schießen“, sagte der frühere Berater des ehemaligen Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU).

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In Blitzumfragen von ARD und ZDF lag Merkel am Sonntagabend vorn. Allerdings waren die Zahlen der Umfrageinstitute infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen sehr unterschiedlich. Nach ARD-Angaben lag Merkel mit 55 zu 35 Prozent klar vorn. Im ZDF war es viel knapper: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. 39 Prozent der Befragten waren unentschieden. Die Forschungsgruppe sprach sogar von einem „Patt“. Dagegen hieß es in der ARD, Merkel sei in ihren drei TV-Duellen als Kanzlerin noch nie so klar vorn gewesen.

Die Versuche von Martin Schulz, Angriffslust zu verbreiten, wurden von Merkels nur selten ungelenk wirkenden stoischen Nüchternheit vollkommen absorbiert. Gerade der Umstand, dass Merkel eben nicht wie eine Fernsehkanzlerin wirkt, ließ sie im Duell oftmals authentischer erscheinen als ihren Herausforderer. Dessen Ansätze ein vor allem von Emotionen lebendes US-amerikanisches Kandidaten-Duell in die deutschen Wohnzimmerstuben zu tragen, verpuffte.

Bei dem Vorwurf an die CDU-Vorsitzende, sie wolle die Rente mit 70 einführen, schaffte es Schulz das einzige Mal, Merkel aus der Reserve zu locken und sie zu der Aussage zu verleiten, dass es mit ihr die Rente mit 70 unter keinen Umständen geben werde.  

Die SPD liegt seit Wochen in den Umfragen im Schnitt 15 Prozentpunkte hinter der Union. Das Duell wurde von den vier Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat.1 veranstaltet und ausgestrahlt. Es wurde erwartet, dass bis zu 20 Millionen Zuschauer den Schlagabtausch verfolgen.

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