Marieluise Beck und die undankbaren Russen

Marieluise Beck und die undankbaren Russen
Auf dem Bild: Die Wachablösung am Grab des Unbekannten Soldaten vor der Kreml-Mauer. Moskauer Kreml wurde in seiner jetzigen Form in den Jahren 1482-1495 erbaut.
Die schweizerische NZZ veröffentlichte einen Gastkommentar der deutschen Grünen Politikerin Marieluise Beck über den richtigen Umgang mit Russland. Im Artikel schlägt Beck Visafreiheit für Russland vor. Im Gegenzug sollen die Russen die Macht der jetzigen Kremlherren zum Bröckeln bringen.

Von Wladislaw Sankin

Marieluise Beck gehört mit ihrer „bürgerlich-aristokratischen Ausstrahlung“, „charmantem strahlenden Lächeln“ und „königinnenblauen Seidenmantel“ zweifelsohne zum Liebling deutscher Presse. Das Laudatio zu ihrem Abschied aus dem Bundestag in der „Welt“ lässt verstehen, warum. Wie kein anderer deutscher Politiker vermittelt M-L. Beck den Eindruck, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen.

Selbst ihr legendärer Abschied vom Pazifismus infolge der Jugoslawienkriege ist in ihrer Ausführung irgendwie niedlich und emphatisch. So ist es auch mit ihrem notorischen Interventionismus – als Ostbeauftragte und „Russlandexpertin“ gehört es zur Selbstverständlichkeit einer Marieluise Beck, die aufrührerischen Kräfte in anderen Staaten auf Biegen und Brechen zu unterstützen. Weil Marieluise Beck für diese Länder nur das Schöne träumt, egal wie manchmal abstrus und aggressiv ihre Auslassungen gegen die legitime Staatenlenker von Staaten wie Russland ausfallen.

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So auch ihr letzter Vorstoß. In einem Beitrag bei der Neuen Zürichen Zeitung zählte die langjährige Abgeordnete der Grünen wieder aufs Neue die Kremlsünden auf: Desinformation und Propaganda, unermüdliche Arbeit an der Spaltung des Westens und Angriffskrieg (!) in der Ukraine. Der Westen darf nicht nachgeben und muss stark, stark, stark sein, so Beck.  

Dann schwingst sie um. Da Russland "allein" von Gas und Öl lebt und sein marodes System nur durch Repression (noch) aufrechterhält, müssen die guten Menschen im Westen in Russland

Modernisierung des Landes auf der Grundlage demokratischer Prinzipien nach Kräften unterstützen. 

Was in ihrem Verständnis Modernisierung ist und wie sie diese in einem von ihr sanktioniertem Land unterstützen kann, erläutert Frau Beck nicht. Für sie ist es natürlich der Kreml, der sein Land und seine Bürger abschottet.

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Daher weiß Frau Beck ganz genau, was für ein Heilmittel diese böse Macht im Kreml beseitigen kann – Visafreiheit:

Der Propagandamaschine des Kreml, die die Köpfe ihrer Bürger vergiftet, sollten wir die Freiheit entgegenstellen. Kein Visa-Regime mehr, das ein Gefühl der Demütigung hervorruft. Je mehr russische Bürger den Westen mit seiner Meinungs- und Pressefreiheit, einem Leben ohne korrupte Abzocke und selbstbewussten Bürgern erleben, desto schneller wird das autoritäre Regime im Kreml bröckeln.

Der Vorschlag der prominenten Politikerin, vorgetragen in einem schweizerischen Medium, fand allerdings in Deutschland kein Echo – nur ein spezielles antirussisches Progagandaportal "Stopfake" repostete ihn. Dafür blieb der wohlgemeinte Annäherungsversuch in Russland nicht unbemerkt.

Zunächst wurde der Beitrag, wie viele andere russlandkritische Beiträge der ausländischen Medien, in einer Art Pressespiegel (Portal inosmi.ru) ins Russische übersetzt – damit Menschen in einem Land, in dem es laut Beck keine Meinungsfreiheit gibt, aus erster Hand wissen, was und wie es der offizielle Westen denkt und meint. Das Thema griffen danach das Militärportal topwar und das linksorientierte Portal Svpressa.ru (freie Presse) auf.

Oleg Borissowitsch Nemenski, geboren 1979, ist Politologe und Historiker.

In seinem Artikel „Neuer deutscher Plan: Kreml wird durch Visafreiheit besiegt“ wunderte sich der Svpressa-Journalist über Marieluise Beck. Die Idee der Visafreiheit fand er aber nicht schlecht – wofür die Ukraine faktisch Selbstmord beging, sollten die Russen sozusagen frei Haus bekommen. Warum die deutschen Politiker sich aber anmaßen, besser zu wissen, was für ihr Land besser ist, als die Russen selbst, fragte er den führenden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, den Deutschlandkundler Alexander Kamkin.

Der Wissenschaftler wies daraufhin, dass im Moment im Westen die Lehrlinge einstiger Sowjetologen am Werke sind, die wieder mit Schmähschriften ihre eigene Existenz unterstreichen. Den Vorschlag, das Visum für die Russen abzuschaffen, fand er aber gut – so kann an den Reisen zur Botschaft und bei Gebühren viel Zeit und Geld gespart werden.

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Die Feindschaft der Grünen speziell zu Russland erklärte Alexander Kamkin damit, dass Russland mit seinem Kurs der Verteidigung nationaler Interessen in den meisten Fragen den Gegenpart für die Grünen als einer „aggressiv ultraliberalen transatlantischen Partei“ bietet, die

überall Kult der gleichgeschlechtlichen Ehen, Drogenkonsum, Pädophilie, Zerstörung nationaler Staaten und die Verwandlung Europas in eine Einsammlung der amorphen grauen Massen einpflanzen will.

Dabei könnten die Grünen laut Experten mit nur maximal neun Prozent bei den nächsten Bundestagwahlen rechnen und nicht alle ihre Unterstützer die Partei wegen ihrer Russlandkritik wählen.

Dennoch kämpfen die kleineren Parteien um Aufmerksamkeit mit solchen Methoden der Schmutzbewerfung ihrer (außen)politischen Gegner:

Es ist einfacher, die Aufmerksamkeit mit lautem Bekleckern zu erregen, anstatt etwas Schaffendes zu leisten.

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Der Artikel bei "svpressa" bekam über 43.000 Zugriffe und wurde 318 Mal kommentiert - zumeist sarkastisch. So schoss Frau Beck in doppelter Hinsicht daneben. In Deutschland nahm kaum jemand von ihrem Vorschlag Notiz. In Russland schon, aber anscheinend nicht so, wie sie es sich gewünscht hätte.

Etwas Versöhnliches hatte der Deutschlandkenner Kamkin dennoch. Man sollte sich lieber nicht beim Deutschlandbild auf Politiker wie Beck orientieren:

Jemand ist von der deutschen Autoindustrie begeistert. Jemand – vom deutschen Fußball. Noch jemand hat wieder einen anderen Fetisch. Und wieder jemand liest Goethe im Original.