Bildungsnation Deutschland: Vor sich hinrottende Schulen und Lehrer ohne pädagogisches Rüstzeug

Bildungsnation Deutschland: Vor sich hinrottende Schulen und Lehrer ohne pädagogisches Rüstzeug
Obwohl der Bundesrechnungshof in diesem Jahr einen Haushaltsüberschuss von 6,2 Milliarden Euro verkünden konnte und alle Parteien die Wichtigkeit der Bildung beschwören, zeugt der derzeitige Realzustand eher von geringer Wertschätzung des Sektors.

Zu Wahlkampfzeiten ist gut Reden und das Thema Bildung scheint allen Parteien bedeutend für die Zukunft des Landes zu sein. So versprechen die Parteien "gute Bildung" (Linke), "weltbeste Bildung" (FDP) oder "beste Schulen" (SPD).

Die CDU sieht sich als "Garant für gute Bildung und Ausbildung" und betont daher auch im Regierungsprogramm für die kommende Legislaturperiode ein "Deutschland, in dem wir gut und gerne leben". Man versichert darin, die Länder mit ausreichend Mitteln auszustatten, um hochwertige Bildung zu gewährleisten, finanzschwachen Städten und Gemeinden wird nach eigenen Angaben der Partei bereits jetzt mit rund sieben Milliarden Euro bei der "überfälligen Sanierung von Schulen und Einrichtungen" geholfen.

"Verdrängtes Desaster": Marode Toiletten, Schimmel und wöchentlich eine Million Schulstunden Ausfall

Angesichts des Zustandes der Schulen sowie der Diskrepanz zwischen prognostizierten Schülerzahlen, mangelnder Schulgebäude und fehlendem Lehrpersonal bleibt jedenfalls zu hoffen, dass sich in dieser Richtung nach den Wahlen etwas bewegt.

In Schulnoten ausgedrückt könnten einige Orte in der vermeintlichen Bildungsnation Deutschland als versetzungsgefährdet gelten. Als "mangelhaft" wird die Leistung eines Schülers eingestuft, wenn diese den Anforderungen nicht entspricht, jedoch erkennen lässt, dass die notwendigen Erfordernisse vorhanden sind und Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können. Wenn aber befunden wird, dass die Mängel in absehbarer Zeit wohl nicht behoben werden können, lautet die Note "ungenügend".

Die Sendung Titel Thesen Temperamente beleuchtete jüngst den desolaten Zustand deutscher Schulen. Demnach

rottet das Schulwesen im Land der Dichter [...] vor sich hin.

Laut der Stiftung Bildung glänzt der Bildungssektor derzeit mit einem akuten Renovierungsbedarf in Höhe von 30 Milliarden Euro. Doch das Problem geht weit über katastrophale Zustände an und in den Gebäuden hinaus.

Vielmehr gibt es kaum regulären Unterrichtsbetrieb, da pro Woche rund eine Million Unterrichtsstunden ausfallen. In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren wurden 1.800 Grundschulen geschlossen, während eigentlich mehr als 2.000 eröffnet werden müssten. In dieser Notsituation werden nicht nur Gymnasiallehrer aus dem laufenden Betrieb abgegriffen, um in Grundschulen zu unterrichten. Auch Lehrkräfte ohne pädagogische Ausbildung kommen zum Einsatz, da nicht genügend Lehrer ausgebildet sind. Die Sendung erwähnt, dass dieses Problem besonders stark ausgeprägt ist in Sachsen, aber auch in Niedersachsen wird viel improvisiert. Lokal eingrenzen lässt es sich wohl eher generell nicht.

Versäumnisse, Sonntagsreden und leere Versprechen

Jörg Dräger, ein Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, welche sich dem Thema widmete, weil seitens staatlicher Stellen zu wenig Informationen vorlagen, verweist auf klare Versäumnisse der Bildungspolitik. So habe es keine zuverlässigen Prognosen bezüglich neuer Schülerzahlen gegeben. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kündigt ein Wachstum der Schülerzahlen allein in den kommenden neun Jahren um 15 Prozent an.

In einer holprigen Erklärung versucht Thorsten Heil, Pressesprecher der Kultusministerkonferenz, zu vermitteln, dass die Situation nun zeitig unter Kontrolle sein wird und die Versäumnisse und Fehlberechnungen auf bewusste Entscheidungen zurückzuführen seien.

In PR-Sprech bringt er als Argument die Vorsicht der Kultusminister an, man hätte angesichts der Zuwanderung von Schülern "statistische Unschärfen" vermeiden wollen. Bildungspolitiker verfolgen statistische Schärfe also um jeden Preis?

Neue Prognosen über Schülerzahlen verkündet die Kultusministerkonferenz jedenfalls erst für Herbst 2018.

Kontrastprogramm: reiche Umgebung, armes Schulwesen

Während die Sprecherin der Bildungsgewerkschaft betont, dass die Realität meist aufgrund unzureichender Finanzierung weit hinter den Wahlversprechen der Parteien herhinkt, da die Finanzierung fehle, fragt sich, wo die bereits veranschlagten Milliarden hinfließen und warum angesichts eines satten Haushaltsüberschusses von über sechs Milliarden Euro ausgerechnet der Bildungssektor zu verfallen scheint.

Das Paradoxon maroder Schulen auch mitten in prosperierenden Regionen Deutschlands hinterfragt die Stiftung Bildung in ihrem Blogeintrag "Privater Reichtum, öffentliche Armut: bröckelndes Gymnasium am Starnberger See".

Obwohl der Landkreis Starnberg laut Statistik einer der reichsten in ganz Deutschland ist, gibt es ein ramponiertes örtliches Gymnasium, es regnet in die Gebäude. Zum Teil sei dies auf das Steuersystem zurückzuführen, wodurch Einnahmen der Kommunen zwecks Finanzausgleich nicht immer vor Ort bleiben. Doch ein weiteres Problem scheint vor allem überforderte und querelenlastige lokale Politik zu sein, schließlich wird ein Großteil der Sanierungskosten vom Landkreis getragen. Derweil beklagen die Kommunen die mangelnden Finanzierungskapazitäten.

Bildung statt Rüstung

Auch auf der großen Bühne, im Bund, sind Finanzierungsprioritäten Streitthema. Erst Anfang August - also bereits im Wahlkampf - bemängelte Außenminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel die von Verteidigungsministerin von der Leyen geplante Erhöhung des Rüstungsetats.

Er schlägt stattdessen vor, das Geld, das wir ausgeben, vernünftiger auszugeben:

Wir sollten lieber sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Bildung investieren." Denn: "Wenn wir stark bleiben wollen, müssen wir auf die Bildung unserer Kinder setzen. Sicherheit schaffen wir nicht alleine durch das Militär."

Eine Wahlkampfaussage, aber immerhin vom Außenminister und Vizekanzler. Sozialverbände verweisen derweil darauf, dass die finanzielle Situation des Landes bereits jetzt eine deutliche Verbesserung auch im Bereich der Bildung erlaubt.