Notfalls kein TV-Duell: Erpressung durch Bundesregierung bei Merkel-Fernsehauftritten

Notfalls kein TV-Duell: Erpressung durch Bundesregierung bei Merkel-Fernsehauftritten
Früher ging Merkel zu Schulz nach Brüssel, jetzt will Schulz Merkel in Berlin ersetzen. Auf dem Photo: Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Parlamentschef Martin Schulz in Brüssel am 19. Dezember 2013 bei EU-Gipfel.
Angela Merkel könnte beim direkten Fernsehduell mit Ihrem Herausforderer Martin Schulz nicht gut wegkommen. Merkels Vertreter wehren sich notfalls mit Drohungen gegen neue Formate beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten.

Kein Publikum, maximale Kontrolle durch Moderation und so wenig Duelle wie möglich - solche Strategie verfolgen Medienvertreter der amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihren Verhandlungen mit Fernsehsendern. Und wieder wie früher: Regierungssprecher Stefen Seibert macht dabei einen Partei-Job.

Der Unmut bei den Sendern über Merkels Medienpolitik beim Wahlkampf ist groß. Insbesondere der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist empört. Er wirft der CDU-Politikerin vor, das TV-Duell am 3. September durch massiven Druck ihrer Vertrauten zu einem reinen Kanzlerformat gemacht zu haben.

Die Einigung ist unter Erpressung durch das Kanzleramt zustande gekommen. Solche Vereinbarungen nennt man sittenwidrig, sagt Brender in der aktuellen Ausgabe des Spiegel

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Die Absicht dahinter sei glasklar: Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf. 

Als Fernsehformat sei das eine Missgeburt. Merkel mache einen Wahlkampf "im Schlafmodus". Ein Fernsehduell, "das Funken schlägt, würde dabei nur stören", so Brender weiter.

Nach Os­tern hat­ten die Sen­der ihre Ein­la­dun­gen an die Kanz­le­rin und ihren Herausforderer ver­schickt: ARD und ZDF für ein öf­fent­lich-recht­li­ches Fern­seh­du­ell, Sat.1 und RTL für ein pri­va­tes. Die SPD wäre für zwei Ter­mi­ne zu ha­ben ge­we­sen, doch das Kanz­ler­amt ließ schnell wis­sen, dass Mer­kel nur für ei­nen zur Ver­fü­gung ste­he.

2011 herrschte noch Vielfalt. Vor den anstehenden Landtagswahlen zeigen SWR und MDR dem Publikum nur noch, was den Regierungsparteien genehm ist

Die Hoff­nun­gen auf Ver­än­de­run­gen ga­ben die Chef­re­dak­teu­re der vier Sen­der trotz­dem nicht auf. Lo­cke­rer als in frü­he­ren Jah­ren woll­ten sie den Schlag­ab­tausch gern ge­stal­ten, we­ni­ger ste­ril. Beispiele aus anderen Ländern, etwa in Frankreich hätten sie zum Umdenken inspiriert, schreibt der Spiegel.

Der Plan war, die Sen­dung auf­zu­tei­len. Zwei Jour­na­lis­ten soll­ten die ers­ten 45 Mi­nu­ten be­strei­ten, die an­de­ren bei­den die zwei­te Hälf­te. Es gab auch die Idee, den Zwei­kampf erst­mals vor Stu­dio­pu­bli­kum statt­fin­den zu las­sen, wie es in den USA üb­lich ist, dem Mut­ter­land des TV-Du­ells.

Doch schon beim ers­ten Tref­fen mit den Un­ter­händ­lern der bei­den Kan­di­da­ten wur­de klar, dass dar­an nicht zu den­ken sei. Mer­kels Me­di­en­be­ra­te­rin Eva Chris­ti­an­sen und Regierungssprecher Stef­fen Sei­bert lehn­ten Pu­bli­kum ka­te­go­risch ab.

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Wäh­rend das Du­ell für Schulz die ver­mut­lich letz­te Chan­ce ist, sei­nem Wahl­kampf je­nes Feu­er zu ver­lei­hen, das bis­lang fehl­te, sieht die Kanz­le­rin im Auf­ein­an­der­tref­fen eher das Ri­si­ko, urteil Spiegel. Am liebs­ten hät­te sie die De­bat­te wohl ganz ver­wei­gert. Die Sendervertreter seien über solch Lustlosigkeit und Arroganz des Merkels Regierungssprecher Stefen Seibert fassungslos gewesen.

Angela Merkel mit Google-Brille anlässlich eines Karrieretags für Mädchen im Kanzleramt; Berlin, Deutschland, 27. April 2016.

Statt sich kritischen Fragen und kontroversen Themen zu stellen, lässt sich Merkel, wie man die­ser Tage wie­der se­hen konnte, am liebs­ten von freund­li­chen YouTubern interviewen.

Das ist nichts, was sie for­dert. Sie ist eine Meis­te­rin des Un­ge­fäh­ren, sol­che For­ma­te sind für sie un­ge­fähr­lich, sagt Bren­der.

Weder Wahl noch Kampf gibt es bei Angela Merkel im Wahlkampfjahr 2017. Bis jetzt hat sie in Interviews es kon­se­quent ver­mie­den, Schulz über­haupt zu er­wäh­nen, ganz so, als gäbe es kei­nen Her­aus­for­de­rer. Wenn er dann Merkel im Stu­dio ge­gen­über­sitzt, wird das nicht funk­tio­nie­ren. Auch dies ist ein Grund, war­um Mer­kel ein zwei­tes Du­ell par­tout ver­hin­dern woll­te

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Im Unterschied zur Kanzlerin hat Schulz dagegen großes Interesse gerade für das Duell-Format. Das Du­ell könnte gar ein stra­te­gi­scher Wen­de­punkt sein, heißt es in Schul­z' Umfeld. Bis­her habe man ver­sucht, die ei­ge­nen Leu­te zu mo­bi­li­sie­ren – SPD-An­hän­ger, die nach ver­lo­re­nen Land­tags­wah­len und de­sas­trö­sen Um­fra­ge­wer­ten ent­täuscht sind. Ab dem Du­ell will Schulz sich ver­stärkt den Un­ent­schlos­se­nen aus dem Mi­lieu der Grü­nen oder der Uni­on wid­men.

Ihm stehen jedoch nicht viel Themen zur Auswahl, bei denen er sich als glaubwürdiger Herausforderer gegen Merkel punkten könnte: Rüs­tungs­po­li­tik, die Bil­dungs­po­li­tik so­wie das The­ma Ren­te. Ältere Wähler, die größtenteils Fernseher konsumieren, könnten ihm wenigstens das letzte Thema abnehmen. 

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