Der Fall von Oury Jalloh erneut offen: Weitere Todesfälle in Dessauer Polizeirevier

Der Fall von Oury Jalloh erneut offen: Weitere Todesfälle in Dessauer Polizeirevier
Mitglieder der Initiative "In Memorian of Oury Jalloh" und der Schweizer Brandexperte Kurt Zollinger vom Forensischen Institut Zürich kontrollieren die Versuchsanordnung, mit der der Tod von Oury Jalloh nachgestellt wird, Dippoldiswalde, 18. August 2016.
Der Fall des in einer Zelle verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh wird erneut überprüft. Bislang hatten Polizei und Staatsanwaltschaft erklärt, dass der Mann aus Sierra Leone das Feuer selbst gelegt hatte. Testreihen haben Zweifel an der Darstellung genährt.

Nach Informationen der Tageszeitung Die Welt läuft mittlerweile offiziell ein neues Ermittlungsverfahren wegen des Todes von Oury Jalloh. Die Zeitung spricht von einer "spektakulären Wende". Ausgangspunkt ist ein im Auftrag der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau durchgeführter Brandversuch, der zu einem neuen Ergebnis geführt hatte.

Zusätzlich zu dem Tod des Asylbewerbers aus Sierra Leone bestehen weitere Verdachtsmomente gegen Beamte beim Polizeirevier Dessau. Bereits im Jahr 1997 hatten Passanten einen toten Mann in der Nähe des Reviers entdeckt, der zuvor wegen Trunkenheit am Steuer dort eingeliefert worden war. Fünf Jahre später starb ein Obdachloser in genau jener Zelle, in der später Oury Jalloh verbrannte. Laut Obduktion erlitt der Mann einen Schädelbasisbruch.

Die Welt verweist nun auf sechs Bewertungen zu dem Brandversuch. Aus ihnen würden sich "erhebliche Zweifel" an der bisherigen Version der verdächtigen Beamten ergeben. Würden diese sich bestätigen, müsste ein Dritter die Matratze in Brand gesetzt haben, auf die Polizisten den 36-Jährigen an Händen und Füßen fixiert hatten.

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Diese Behauptung hatten die Kläger in den bisherigen Verfahren schon immer angezweifelt. Angehörige und Aktivisten sprechen von Mord. Sie verweisen etwa darauf, dass das Feuerzeug, mit dem der Brand gelegt worden sein soll, bei der Durchsuchung der Zelle nach dem Todesfall nicht gefunden wurde. Es war erst nachträglich zu den Asservaten gelangt. Bereits vor vier Jahren war zudem ein von der Initiative in Auftrag gegebenes Gutachten zu dem Schluss gekommen, dass Jalloh den Brand überhaupt nicht selbst gelegt haben konnte.

Staatsanwaltschaft Halle geht auch möglichen Anhaltspunkten für Mord nach

Nicht zuletzt dieses Gutachten trug mit dazu bei, dass die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau erneut ein Ermittlungsverfahren einleitete. Dies wird allerdings nicht mehr von der Staatsanwaltschaft geführt, bei der sich das Desaster ereignet hatte, sondern von der Staatsanwaltschaft Halle. Im neuen Verfahren sollen die Todesumstände vollständig aufgeklärt werden, teilt die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg mit. Sollte es Anhaltspunkte für einen Mord geben, müssten mögliche Täter strafrechtlich verfolgt werden.

Bislang wurde nur der zum Zeitpunkt des Todes von Jalloh eingesetzte Dienstgruppenleiter vom Landgericht Magdeburg wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt. Ihm wurde zur Last gelegt, die Vorschriften zur regelmäßigen Kontrolle der Zelle missachtet zu haben. Zuvor waren der Beamte und ein Kollege noch in erster Instanz vom Landgericht Dessau-Roßlau freigesprochen worden. Dieses Urteil hob der Bundesgerichtshof allerdings auf, sodass der Fall an die Justiz in Sachsen-Anhalt zurückverwiesen wurde.

Sollte Feuer vorhergehende Misshandlung vertuschen?

In einem weiteren Prozess in Magdeburg wurde bereits der Verdacht erörtert, ob Jalloh das Opfer eines Mordes geworden sein könnte. Im Urteil wird zudem diskutiert, ob mit dem Brand in der Zelle eine Straftat verdeckt werden sollte - etwa um eine zuvor erfolgte Misshandlung des Asylbewerbers durch Polizisten zu vertuschen.

Das letztgenannte Motiv hat die Kammer nicht generell ausgeschlossen, da ein Indiz hierfür ein Bruch des Nasenbeins des Oury Jalloh hätte sein können", hieß es im Urteil.

Doch handfeste Beweise für eine solche Tat lagen den Richtern nicht vor. Gleichwohl listeten sie Auffälligkeiten auf wie die fehlende Videoaufzeichnung bei der Bergung der Leiche, eine mögliche nicht dokumentierte Begehung der Zelle von Jalloh durch Polizisten vor dessen Tod sowie rassistische Äußerungen von zumindest einem Beamten.

Den Brandversuch vom vergangenen Jahr werteten nun Rechtsmediziner und Chemiker aus. Die Wissenschaftler widerlegten die bisherige Behauptung, Jalloh sei an einem so genannten Hitzeinhalationsschock gestorben. Die Staatsanwaltschaft Halle steht nun vor der Aufgabe, die genauen Todesumstände aufzuklären und gegebenenfalls mögliche Täter zu ermitteln.