Merkel im YouTube-Livestream: "Sprache ist eine Vorstufe der Eskalation"

Merkel im YouTube-Livestream: "Sprache ist eine Vorstufe der Eskalation"
Angela Merkel in der YouTube Zentrale in Berlin, Deutschland, 16. August 2017.
Angela Merkel wagte sich in die Zentrale von YouTube in Berlin, um sich live eine Stunde lang den Fragen vierer YouTube-Stars zu stellen. Ungleichheit, Automobilindustrie, die Türkei, Jugend und das Thema Flüchtlinge wurden angesprochen. Sehr politisch aber wurde es nicht.

Die Fragen der YouTube-Stars ItsColeslaw, AlxiBexi, Ishtar Isik und MrWissen2go sollen zuvor nicht abgesprochen worden sein. Einspieler führten in die Fragen-Themen ein. Zu Beginn des Streamings schauten rund 51.000 Zuschauer zu, gegen Ende waren es 55.000. Dabei haben die YouTube-Stars zusammen drei Millionen Fans. 

Angela Merkel mit Google-Brille anlässlich eines Karrieretags für Mädchen im Kanzleramt; Berlin, Deutschland, 27. April 2016.

Als erstes befragte "ItsColeslaw" Angela Merkel. Sie interessierte sich für das Problem der Gehaltsunterschiede in Pflegeberufen. Merkel antwortete, dass es trotz der Bemühungen der Regierung noch so sei, dass die Arbeit mit Menschen schlechter bezahlt würde als die Arbeit mit Maschinen. Aber die Bürokratie wurde für die Angestellten in den Pflegeberufen vereinfacht, damit mehr Zeit für den Menschen bleibt. 

ItsColeslaw spricht mit ihren Videos zu sexuellen Themen besonders Teenager an. Sie fragte Merkel nach ihrer "Nein-Stimme" bei der Ehe für Alle. Merkel betonte, dass die Ehe für Alle eine Abstimmung war, die ihre Partei freigegeben hat. Für sie persönlich sei die Ehe aber ein Bündnis zwischen Mann und Frau. 

Die YouTubern bemängelte auch die Ungleichheit in der Bildung zwischen den Ländern. Bei der Erschaffung gemeinsamer Standards in den Bundesländern zum Abitur habe man Fortschritte erzielt. In den Kernfächern wurden bereits Fortschritte erzielt. 

Wir werden helfen, dass Schulen ans Breitbandnetz geschlossen werden.  

Nach den einzelnen Interviews teilten die Moderatoren ausgewählte Kommentare zur Sendung und die Ergebnisse zu Umfragen zum Thema. Auf die Frage, ob wir in Deutschland in einer gerechten Gesellschaft leben, antworteten 60 Prozent mit Nein. Für Lisa Sophie, oder ItsColeslaw nach ihrem Youtube-Namen, ist dies kein überraschendes Ergebnis. 

Angela Merkel antwortete: 

Der Kampf um Gerechtigkeit ist nie vorbei... 60 Prozent ist eine Zahl, an der man arbeiten muss. Aber gerecht können wir nur sein, wenn wir uns etwas erarbeiten. 

Der nächste Gast "AlexiBexi" hatte durchaus unbequemere Themen parat. Und dies, obwohl er als für seinen Humor bekannt ist.  

Deutschland ist die Autonation. Wenn ich die letzten Wochen zurückschaue, sehen sie Deutschland noch als Autonation? 

Angela Merkel: 

Fehler müssen schonungslos beim Namen genannt werden, zu mehr Ehrlichkeit und Transparenz. 

Der YouTuber wollte von Angela Merkel wissen, wie die Kontrollen aussehen können, die zur Wiederherstellung des Vertrauens mit den Verbrauchern führen sollen. Ab September sollen "Real Drive Emission Tests" hinzukommen. Denn zuvor habe man, so Merkel, nur unter eingeschränkten Bedingungen getestet. Auch Stichproben auf der Straße sollen helfen. 

Der Star selbst fährt ein Elektroauto findet aber, dass Deutschland hier nicht innovativ genug ist. Merkel musste im Interview einräumen, dass es Versäumnisse gab und nennt hier das Beispiel der Deutschen Post. Man hätte einen elektrischen Kleintransporter für die Post entwickeln sollen. Die E-Autoquote hält Merkel für falsch:

"Was machen wir, wenn sie nicht erfüllt wird? Mein Regierungssprecher fährt elektrisch, bei mir ist es schwierig, da ich ein gepanzertes Auto fahre. Da gibt es noch nichts."

AlexiBexi mokierte, dass die Ladesäulen oft versteckt seien und das Laden Geld koste. Merkel sieht durch die Befreiung der KFZ-Steuer und Zuschüssen genügend monetäre Vorteile für E-Autobesitzer und hält die Möglichkeit des kostenlosen Ladens daher für überflüssig. 

Die meist gestellte Frage seiner Netz-Gemeinschaft sei die Frage nach Breitband in Deutschland: 

Warum kommt Breitband nicht in die Gänge? 

Merkel bezeichnete die ländlichen Gebiete als "Sorgenkind". Es wurden bereits vier Milliarden Euro bereitgestellt. 

Zwei persönliche Fragen stellte AlexiBexi dann noch. Diese ergaben, dass das Lieblingsemoji Merkels ein Smilie sei, der ab und an mit einem Herz versehen werde. Wenn Merkel ein T-Shirt bedrucken würde, so wäre darauf eine Welle ihres Landkreises zu sehen.

Auf die Umfrage, ob die Autolobby einen zu großen Einfluss auf die Politik hat, bejahten dies 62 Prozent. 

Ishtar Isik, die Kosmetikexpertin mit Migrationshintergrund begann mit der Frage, ob die junge Stimme gehört werden würde. Sie einigte sich mit Merkel, dass die Wahl an sich ein Privileg sei. Junge Leute würde Merkel mit Podcasts, Facebook und auch via Instagram erreichen. Sie kann verstehen, dass ein 73-seitiges Parteiprogramm "abstoßend wirken kann". Zum Thema Feminismus lobte Merkel die Errungenschaften von Alice Schwarzer. 

Auf die Frage hin, was Merkel gegen Sexismus in der Partei macht, folgte ein Aufklärungsunterricht zu den Unterschieden zwischen Mann und Frau: 

(Als Frau ist man schon) von der Länge des Körpers nicht so dominant, die tiefe männliche Stimme strahlt Macht aus und wirkt einschüchternd. (Ich habe versucht) vermeintlich weibliche Themen Familie, Erziehungsthemen, dass sie so ein bisschen in einem anderen Ton egal (behandelt werden) egal welcher Fachminister ist, darauf zu achten, dass jedes Thema gleich wichtig ist.  

MrWissen2go, der politischste YouTuber hätte gerne mehr Fragen zum Thema Flüchtlinge gestellt, aber die Zeit mit zehn Minuten pro Kandidat, war begrenzt. Er begann mit der Türkei und dem inhaftierten Journalisten Deniz Yücel. 

Es ist kompliziert, würde man in den Beziehungsstatus (zwischen Deutschland und Türkei) bei Facebook schreiben.

 Angela Merkel: 

Wir haben Meinungsverschiedenheiten, aber wir scheuen uns auch nicht, diese Meinungsverschiedenheiten kundzutun. 

Die Warnungen an die Touristen musste nach den Inhaftierungen ausgesprochen werden. Dies habe die Türkei ein wenig nachdenklich gemacht, aber nicht ausreichend. Die Vor-Beitrittshilfen wurden gekürzt. Aber Merkel will den anderen 50 Prozent, die nicht für Erdogans Referendum gestimmt hat, nicht die Tür vor der Nase zumachen. Deutschtürken, die sich im Land bedroht fühlen, rief sie dazu auf, sich an die Behörden zu wenden. 

Schulz: Trump ist ein Risiko für die ganze Welt

Nach Erdogan kam die Sprache auf Trumps Tweets. Merkel antwortete, dass "Sprache eine Vorstufe der Eskalation" ist. Es gibt Meinungsverschiedenheiten mit Trump zum Thema Klima, aber auch Gemeinsamkeiten im Anti-Terror-Kampf und eine gemeinsame Haltung zur Aggression Russlands. 

Die Bilder von 2015 der humanitären Notlage und Masseneinwanderung sollen sich in Deutschland, wenn es nach Merkel geht, nicht wiederholen. Vor einer Islamisierung müsste man sich in Deutschland nicht fürchten, da es Prinzipien gibt. MrWissen2go wollte wissen, wie Angela Merkel die langen Tage als Politikerin durchsteht. 

Ein bisschen hängts an dem, was der Herrgott einem mitgegeben hat. Hängt von der Konstitution ab.

Unter dem Hastag #DeineWahl wurde mitdiskutiert. Forderungen wurden laut, auch Martin Schulz in die YouTube Zentrale in Berlin einzuladen.