Job ohne Ausweg: Leiharbeit in Deutschland auf neuem Rekordniveau

Job ohne Ausweg: Leiharbeit in Deutschland auf neuem Rekordniveau
Ein Mann sucht im Abfalleimer nach Verwertbarem
Die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag brachte es ans Licht. Die Leiharbeit boomt demnach in noch größerem Maße als bislang angenommen – trotz des deutschen Status als Exportweltmeister.

Als im Rahmen der sogenannten Agenda 2010 der Leiharbeitssektor massiv ausgebaut wurde, galt der Vorstoß als eine der Lösungen, um den „kranken Mann Europas“ wieder auf Touren zu bringen. Doch der einmal aus der Flasche gelassene Geist mochte nicht mehr in diese zurückkehren – eine Entwicklung, die Kritiker dieses wirtschaftspolitischen Instruments vorausgesehen hatten.

Mehr zum Thema: Neues aus den Unterklassen: Hartz-IV-Empfänger härter bestraft als Straftäter

Die amtierende große Koalition verschärfte die Regeln für Leiharbeit und Werkverträge. Seit April gilt ein Gesetz, das den Einsatz von Leiharbeitern auf 18 Monate beschränkt, danach muss das Unternehmen sie übernehmen. Doch die nun veröffentlichten Zahlen sprechen eine gänzlich andere Sprache. Die Leiharbeit boomt wie nie zuvor.

So registrierten die Behörden im Dezember 2016 993.000 Arbeitnehmer, die sich mit Leiharbeitsverhältnissen über Wasser halten – zum entspannten Bad reicht es dabei fast nie. Dabei entsprechen 993.000 Leiharbeitsverhältnisse einem Anstieg gegenüber dem Vorjahr 2015 von 4,4 Prozent. Die Zahlen entstammen einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag.

Die Schere zwischen arm und reich geht in Deutschland weiter auseinander.

Im Vergleich zum Jahr 2013 stieg die Anzahl der Leiharbeiter demnach um ganze 16,4 Prozent. Gegenüber 2013 habe sich die Zahl sogar verdreifacht. Der stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion kritisiert die ungebremste Entwicklung in deutlichen Worten:

Leiharbeit ist organisierte Lohndrückerei, die mittlerweile eine fatale Rolle auf dem Arbeitsmarkt spielt. Die einzigen, die davon profitieren, sind Arbeitgeber.

Mehr zum Thema:  Gut, dass wir darüber gesprochen haben – Der Armutskongress in Berlin

Das sieht Lars Peter Feld, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg, im Deutschlandfunk-Interview gänzlich anders. Für Feld ist die Leiharbeit vielmehr ein Instrument, um auch arbeitslose Menschen wieder dem Markt zur Verfügung zu stellen. Ihm zufolge handelt es sich keineswegs um Lohndrückerei:

Das kann man so nicht sagen, denn auf der anderen Seite haben wir ja eine Situation, in der in Deutschland immer noch eine relativ große Zahl von Menschen nicht beschäftigt ist, arbeitslos ist. Das sind vor allen Dingen Personen, die eine geringere Qualifikation haben. In dem Bereich hat sich Arbeitslosigkeit sehr verfestigt über die Jahre, und die Leiharbeit bietet auch eine Möglichkeit, für Geringqualifizierte einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden.

Zumindest unbestritten ist die Tatsache, dass deutsche Unternehmen gerne Gebrauch vom lukrativen „arbeitsmarktpolitischem Instrument“ der Leiharbeit machen. So liegt der Durchschnittslohn in der Leiharbeit den Angaben der Bundesregierung zufolge bei knapp 58 Prozent des allgemeinen Durchschnittlohns. In Zahlen bedeutet dies, dass einem Lohn von 3.133 Euro bei Vollbeschäftigung, für die gleiche Arbeit, 1.816 Euro pro Monat bei Leiharbeit gegenüberstehen. Die Menschen ohne Beschäftigung, von denen Professor Feld spricht, haben da oft keine andere Wahl als das Angebot anzunehmen, das sie nicht ablehnen können. Dem Prekariat entkommen sie dadurch jedoch nicht.

Mehr zum Thema: "Eine schöne Sache": IWF und Peter Hartz wollen Agenda 2010 retten

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) forderte im Südwestrundfunk (SWR), Leiharbeiter "müssten ab dem ersten Tag genau dasselbe bekommen wie alle anderen Beschäftigten". Auch die Vorgabe der Regierungskoalition, wonach ein Leiharbeiter nach 18 Monaten in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen werden muss, scheint nicht auf das nötige Wohlwollen unter den Arbeitgebern zu treffen.

Denn eines wird deutlich anhand der aktuellen Zahlen: Was die Leiharbeit vor allem prägt, ist die kurze Zeitdauer der Beschäftigung und die sehr geringe Chance, vom Arbeitgeber übernommen zu werden. So verweist Linken-Fraktionschef Klaus Ernst auf den Umstand, dass 54 Prozent der Leiharbeitsverhältnisse spätestens nach drei Monaten beendet seien. Nur 22,3 Prozent dauern demnach länger als neun Monate und bei 14,1 Prozent der Leiharbeiter dauert das Arbeitsverhältnis länger als 15 Monate.

Unter den Bundesländern mit dem höchsten Prozentsatz an Leiharbeitern zählen Thüringen mit 3,9 Prozent und Bremen mit 4,7 Prozent Leiharbeitern unter der Arbeitnehmerschaft. Diese setzen somit neue Akzente in punkto prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse. Ernst zeigt sich denn auch davon überzeugt, dass Leiharbeit „mittlerweile eine fatale Rolle auf dem Arbeitsmarkt“ spielt.

Mehr zum Thema:  Neues aus den Unterklassen - Der Boom des Niedriglohns

Davon, vom Arbeitgeber übernommen zu werden, können die allermeisten Leiharbeiter ebenfalls nur träumen. Knapp 50 Prozent der Leiharbeiter, waren 30 Tage nach Beendigung der Vertragslaufzeit noch immer ohne neue Arbeit. 26 Prozent fanden demnach nach 30 Tagen einen sozialversicherungspflichtigen Job. Für jeden fünften Leiharbeiter bedeutet das: Einmal Leiharbeit, immer Leiharbeit. Ernst zeigt sich daher davon überzeugt, dass von „von einer Brücke in reguläre Beschäftigung keine Rede sein“ könne:

Vielmehr handelt es sich um eine Form prekärer Beschäftigung, die durch kurze, sich aneinanderreihende Arbeitsverhältnisse mit niedrigen Löhnen geprägt ist.

Leiharbeiter würden mit Dumpinglöhnen abgespeist, hätten schlechtere Arbeitsbedingungen und eine hohe Wahrscheinlichkeit, nach kurzer Zeit erneut arbeitslos zu sein.

Auch gegen diese Schlussfolgerung zieht Wirtschaftspolitologe Ernst zu Felde und argumentiert dabei mit der nicht ausreichenden Qualifizierung der Leiharbeiter. Diese sei in erster Linie dafür verantwortlich, dass die „ausgeliehenen“ Arbeiter nicht vom jeweiligen Betrieb übernommen würden:

 Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei einem Kabinetts-Treffen am 12. April 2017

Das liegt in der Regel daran, dass die Personen, die dort beschäftigt sind, eben im Vergleich zu der Stammbelegschaft qualifikatorisch nicht ganz mithalten können, und dann zögern die Unternehmen, diese Personen einzustellen.

Linken-Politiker Klaus Ernst sieht für die sehr angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt vor allem die SPD in der Verantwortung. Diese habe es versäumt, die Leiharbeit zu regulieren und stattdessen dafür gesorgt, dass sich die Situation der Leiharbeiter noch verschlechtert habe. Die Schlussfolgerung:

Leiharbeit gehört mindestens so reguliert wie in Frankreich: gleicher Lohn bei gleicher Arbeit plus zehnprozentiger Flexibilitätszuschlag. Wenn es die SPD mit sozialer Gerechtigkeit ernst meint, darf sie nicht ständig vor der Arbeitgeberlobby einknicken.