Wintershall-Chef zu US-Sanktionen: "Europa bestimmt seine Energieversorgung selbst"

Wintershall-Chef zu US-Sanktionen: "Europa bestimmt seine Energieversorgung selbst"
Wer im Streit um die neuen Russland-Sanktionen am Ende in die Gas-Röhre guckt, ist noch offen.
Die neuen US-Sanktionen gegen Russland schlagen weiterhin hohe Wellen. Nun meldet sich auch der deutsche Energiekonzern Wintershall zu Wort. Demnach stehe das Unternehmen unbeirrt zum Bau der Gaspipeline Nord Stream 2.

Noch ist unklar, ob die nun auch von US-Präsident Donald Trump unterzeichneten neuen Wirtschaftssanktionen gegen Russland tatsächlich buchstabengetreu umgesetzt werden. Doch die damit verbundene wachsende Unsicherheit auch im europäisch-amerikanischen Verhältnis veranlasste nun den größten deutschen Öl- und Gaskonzern Wintershall dazu, sich klar zu positionieren:

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Mit Gazprom arbeiten wir lange und vertrauensvoll zusammen. Auch in politisch nicht einfachen Zeiten bekennen wir uns klar zur russisch-deutschen Wirtschaftspartnerschaft", erklärte Wintershall-Vorstandschef Mario Mehren in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Eine Tafel mit Wechselkursen neben der Statue von Prinz Yury Dolgoruky, dem Begründer Moskaus im Jahr 1147, Moskau, Russland, 1. Dezember 2014.

Auch das geplante neue Energieprojekt Nord Stream 2 war explizit im Sanktionstext genannt worden. Dieses gelte es zu verhindern, um einer zu großen vermeintlichen "Abhängigkeit" Europas von russischem Gas entgegenzuwirken.

Die Sanktionen richten sich unter anderem gegen gemeinsame neue Energieprojekte mit Russland - allen voran eine Erweiterung der Ostsee-Pipeline. Deren Betreiber, die Nord Stream AG, gehört mehrheitlich Gazprom.

Am vergangenen Mittwoch hatte US-Präsident Donald Trump das vom Senat und Repräsentantenhaus abgesegnete Sanktionspaket unterzeichnet.

Sanktionen bedrohen Europas Energiesicherheit

Mehren konterte dem von den USA eröffneten Gaskonflikt mit dem Hinweis, dass Energielieferungen aus Russland ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Energieversorgung seien:

Jegliche Versuche, diese Lieferungen einzuschränken, sind eine Bedrohung für die Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit Europas", gab Mehren zu Protokoll.

Washington versäumte es ebenfalls nicht, im Sanktionstext zu erwähnen, dass es den USA vor allem auch um den Export des eigenen Fracking-Gases nach Europa geht, auch um Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Dazu gelte es jedoch, die russischen Gaslieferungen zu unterbinden. Dieser Offensive erteilte Mehren allerdings eine klare Absage.

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Nach Ansicht des Wintershall-Vorstandsvorsitzenden dürften Sanktionen nicht dem eigenen wirtschaftlichen Vorteil dienen. Damit bezog er sich auf "die Durchsetzung von mehr amerikanischem Flüssiggas auf dem europäischen Markt". Bei Wintershall handelt es sich um eine Tochtergesellschaft des BASF-Konzerns. Die Kooperation zwischen Wintershall und Gazprom ist seit vielen Jahren von Vertrauen und Effektivität geprägt. Dies solle auch so bleiben, unterstrich Mehrens gegenüber der FAZ.

Umfrage: Deutsche Bevölkerung will kein US-Frackinggas

Im Zuge der augenscheinlich vor allem aus geostrategischen und wirtschaftlichen Gründen initiierten Sanktionen ließ das Kasseler Öl- und Gas-Förderungs-Unternehmen Wintershall zudem eine Umfrage vom Meinungsforschungsinstituts Forsa durchführen. Im Rahmen der Umfrage wurden mehr als 1.000 Bundesbürger befragt. In der entsprechenden Presseerklärung der Wintershall Holding GmbH verweist das Unternehmen auf deren deutliche Ergebnisse:

Eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger lehnt die von den USA geplante Erweiterung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland ab. Während sich die Hälfte der befragten Deutschen grundsätzlich für eine weitere Diversifizierung der Erdgasversorgung ausspricht, setzen dabei nur sechs Prozent auf mehr Importe von amerikanischem Flüssiggas.

Doch damit nicht genug der ablehnenden Haltung der Bundesbürger gegenüber US-Frackinggas. Auch die vermeintlichen Beweggründe zur erneuten Ausweitung der Sanktionen beurteilen die Bürger kritischer als so mancher Volksvertreter:

Der Begründung der USA, die Sanktionen seien eine Reaktion auf die mögliche Einmischung Russlands bei den US-Präsidentschaftswahlen, glauben nur wenige. Über drei Viertel (77 Prozent) der Befragten sehen vor allem eigene Wirtschaftsinteressen der USA auf dem europäischen Erdgasmarkt als Handlungsmotiv.

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Aufgrund der Forsa-Ergebnisse kann sich die 100-prozentige BASF-Tochter Wintershall auf eine beachtliche Rückendeckung seitens der Bevölkerung für ihr Festhalten an den Energievereinbarungen mit Russland stützen. Entsprechend selbstbewusst verweist Mehrens darauf, dass die Sanktionen gegen den freien Wettbewerb verstießen und Wintershall ein verlässlicher Partner von Gazprom bleiben werde:

Darauf kann Gazprom weiter bauen", erklärte der Vorsitzende des Wintershall-Vorstands.

US-Flüssiggas wäre erheblich teurer

Mehrens setzt sich bereits seit geraumer Zeit für eine unaufgeregte Diskussion über die Russland-Sanktionen ein. Das Wirtschaftsmagazin Capital kritisierte ihn dafür noch im April sehr scharf:

Vielleicht kann man von einem Konzernchef, der mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit Russland macht, nichts Anderes erwarten als eine so wirre Weltsicht", zeigte sich Capital überzeugt.

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Immer mehr Bundesbürger scheinen jedoch zwischenzeitlich davon überzeugt zu sein, dass das Zentrum der wirren Weltsicht nicht in der Wintershall-Konzernzentrale, sondern in Washington zu verorten ist.

Für die Europäer ist US-Frackinggas bisher uninteressant, weil es unter hohen Kosten für den Transport verflüssigt werden muss und folglich zu teuer ist. Der geringe Anteil an Flüssiggas, der bisher in Europa zum Einsatz kommt, stammt hauptsächlich aus dem arabischen Emirat Katar. Ob die neuen "extraterritorialen" Sanktionen gegen Russland auch tatsächlich umgesetzt werden, ist auch aufgrund des massiven Wiederstands aus Europa noch offen. Der Bau der insgesamt 1.200 Kilometer langen Pipeline soll im kommenden Jahr beginnen und 2019 abgeschlossen sein.