Genitalverstümmelung: Immer mehr Mädchen in Deutschland bedroht

Genitalverstümmelung: Immer mehr Mädchen in Deutschland bedroht
Ein Mädchen, das der Volksgruppe der Massai angehört, wartet in einer kenianischen Schule auf den Beginn einer Aufklärungsveranstaltung, die sich gegen Genitalbeschneidungen richtet. In Kenia sind rund 60 Prozent der Frauen von verschiedenen Formen dieser Verstümmelungspraxis betroffen.
Terre des Femmes schlägt Alarm: Gegenwärtig sollen 13.000 Mädchen in Deutschland von einer Verstümmelung ihrer Genitalen bedroht sein. Das wäre ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Dieser sei vor allem dem Zuzug von Menschen aus Afrika geschuldet.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzt, dass in Deutschland aktuell mehr als 13.000 Mädchen von Genitalverstümmelung bedroht sind. Das sind rund 4.000 mehr als noch vor einem Jahr. „Bedingt durch den Zuzug aus Ländern wie Eritrea, Somalia und dem Irak verzeichnen wir einen enormen Anstieg bei der Zahl der betroffenen Frauen und gefährdeten Mädchen“, berichtete Terre-des-Femmes-Mitarbeiterin Charlotte Weil der Deutschen Presse-Agentur. Die Autorin einer Dunkelzifferstudie zu dem Thema geht davon aus, dass in Deutschland inzwischen rund 58.000 Frauen leben, die Opfer der sogenannten Mädchenbeschneidung sind.

Die Verstümmelung der weiblichen Sexualorgane wird in vielen afrikanischen und einigen asiatischen Ländern praktiziert. Dabei werden die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane teilweise oder gänzlich entfernt. In den meisten Fällen wird sie vor Einsetzen der Pubertät durchgeführt, aber auch erwachsene Frauen können betroffen sein. Die meist mit starken Schmerzen einhergehende Praxis kann schwere körperliche und psychische Schäden verursachen und führt nicht selten zum Tod.

Koranunterricht für Mädchen an einer Schule in Jemens Hauptstadt Sanaa. Die durch den Krieg ausgelöste soziale Katastrophe führt dazu, dass immer mehr Mädchen in eine Ehe

Das den Mädchen zugefügte Leid wird oftmals religiös begründet. Zu den Religionsgruppen, die eine solche Genitalverstümmelung praktizieren, zählen in erster Linie Muslime, aber auch Christen verschiedener Glaubensrichtungen, äthiopische Juden und Anhänger traditioneller Religionen.

Die Praxis ist aber älter als das Christentum und der Islam, die diese kulturell verwurzelte Tradition oftmals adoptiert haben. Sie steht in Deutschland unter Strafe. Seit September 2013 sieht der Gesetzgeber eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr für die Verstümmelung der äußeren weiblichen Genitalien vor. Zuvor handelte es sich dabei nach deutschem Recht lediglich um den Straftatbestand der Gefährlichen Körperverletzung.

Verstümmelungen werden im Ausland durchgeführt

„Uns sind keine Fälle bekannt, wo Mädchen in Deutschland verstümmelt wurden. Das passiert entweder während eines Heimaturlaubes, oder man sucht Beschneiderinnen aus dem Herkunftsland auf, die in anderen europäischen Städten leben, etwa in Paris oder Amsterdam“, sagte Weil.

Nach deutschem Recht ist auch die im Ausland vorgenommene Genitalverstümmelung strafbar. Zudem werden sogenannte „Ferienbeschneidungen“ stärker geahndet. Wer mit Mädchen ins Ausland reist, um dort eine Genitalbeschneidung durchführen zu lassen, dem kann der Pass entzogen werden.

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Laut der Frauenrechtsorganisation ist auch die Zahl der Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen und Ärztinnen, die sich bei Terre des Femmes meldeten, um gefährdeten Mädchen zu helfen, stark gestiegen. Seltener riefen auch Mütter an. Zuwanderer aus dem Senegal und aus Gambia zeigten sich oft offen für Aufklärungsangebote. Migranten aus Guinea und Somalia, wo über 90 Prozent der Frauen von Beschneidungen betroffen sind, seien meist nicht bereit, über diese Tradition zu sprechen. Lehrkräfte sollten hellhörig werden, wenn Schülerinnen von einem anstehenden Heimaturlaub und einem geplanten „großen Fest“ berichteten.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt der Alkoholismus in Indien stetig zu.

Hunderte Millionen Frauen weltweit betroffen

Für die Dunkelzifferstudie betrachtet Terre des Femmes die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen, die aus Herkunftsländern kommen, in denen die weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird. Außerdem wird der Prozentsatz der im Herkunftsland „beschnittenen“ Frauen berücksichtigt. Die Organisation geht davon aus, dass in der zweiten hierzulande lebenden Generation durchschnittlich nur noch halb so viele Mädchen verstümmelt werden wie in der Zuwanderergeneration.

Laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen sind heute weltweit mehr als 200 Millionen Frauen und Mädchen betroffen. Terre des Femmes schätzt jedoch, dass die realen Zahlen doppelt so hoch liegen, da es bisher nur für den Subsahararaum, Ägypten und Irak umfassende Studien gebe. Darüber hinaus seien aber auch viele Frauen und Mädchen im Nahen Osten und Südostasien betroffen.

(rt deutsch/dpa)

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