Recherche belegt: Geschäftsmann bezahlte Flüchtlinge für Proteste bei G20-Gipfel in Hamburg

Recherche belegt: Geschäftsmann bezahlte Flüchtlinge für Proteste bei G20-Gipfel in Hamburg
War es eine bestellte und bezahlte Demonstration?
Ganze 1.000 Euro bar auf die Hand: Wie die ARD berichtet, hat ein ägyptischer Geschäftsmann offenbar Flüchtlinge dafür bezahlt, beim G20-Gipfel in Hamburg gegen Katar zu demonstrieren. Doch die Demo verlief nicht so ganz, wie es sich der Ägypter erhofft hat.

Wie die ARD auf ihrer Homepage berichtet, soll ein ägyptischer Geschäftsmann, dessen Name in dem Beitrag nicht genannt wird, Flüchtlinge dafür bezahlt haben, während des G20-Gipfels Stimmung gegen Katar zu machen. An der "Demonstration" am Rande des G20-Gipfels sollen rund 140 Menschen teilgenommen haben.

Die Teilnehmer hielten Plakate in die Luft, auf denen unter anderem "Katar fördert den Terrorismus" stand. Auf Deutsch und auf Englisch. Schon diese geringe Teilnehmerzahl genügte offenbar, um die Aufmerksamkeit arabischer Medien zu wecken. Mehrere arabische Medien sollen die Demonstration in ihrer Berichterstattung großflächig abgedeckt haben. Der Sender Sky News Arabia sogar mit einer Liveschaltung.

Ägyptische Medien sprachen von 7.000 Teilnehmern

Auch ein anderer ägyptischer Sender sowie Medien aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten berichteten über die Veranstaltung. Laut der ARD schrieb die ägyptische Zeitung "Ägypten heute" von 7.000 Menschen, die gegen Katar demonstriert hätten.

Bald darauf mehrten sich jedoch die Verdachtsmomente dahingehend, dass es sich um eine arrangierte Demo gehandelt hat. Flüchtlinge, die an der Kundgebung teilgenommen haben, berichteten offenbar übereinstimmend gegenüber dem ARD-faktenfinder und dem Flüchtlingsportal WDRforyou, dass zumindest einige Demonstranten für ihren Protest bezahlt worden sein sollen.

Ein 30-jähriger syrischer Flüchtling aus Hamburg, dessen Name in dem ARD-Beitrag geändert wurde, soll darüber berichtet haben, dass er in einem Park von zwei ägyptischen Männern namens Amro und Mohamed angesprochen worden sei. Diese hätten ihm 1.000 Euro angeboten. Dafür solle er an dem Protest gegen Katar teilnehmen und auch noch Freunde mitbringen. Jeder Teilnehmer bekäme jeweils weitere 100 Euro, sollen ihm die beiden Ägypter versichert haben.

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Als das Geld ausging, kippte die Stimmung pro Katar

Wie die ARD weiter berichtet, soll der Syrer daraufhin Freunde angerufen haben. Es seien mehrere hundert Menschen erschienen. Unter anderem aus Syrien, dem Irak, Ägypten und Nordafrika.

Ein Polizei-Hubschrauber beleuchtet Straßenzüge während G20-Protestler Feuer auf der Hamburger Schanze legen, 7. Juli 2017.

Es gab sogar Hafenarbeiter, die wegen des Geldes mitkamen",

so der syrische Flüchtling gegenüber der ARD. Und er ergänzte:

Als wir dort waren, haben sie uns aber Geld für nur 100 Leute gegeben. Weitere 300 Leute haben nichts bekommen. Die wurden sehr sauer und haben dann Parolen für Katar gerufen. Die Demo ist dadurch zu einer Pro-Katar-Demo geworden.

Andere Flüchtlinge sollen die Geschichte bestätigt haben. Ein in dem Beitrag der ARD Mustafa Hassan genannter Flüchtling aus Hamburg soll an WDRforyou geschrieben haben:

Leute im Flüchtlingscamp haben mir gesagt: Komm mit uns. Zwei Stunden für 100 Euro. Wir gehen zusammen. Wir müssen an einer Demo gegen Katar teilnehmen. Es gibt nichts zu befürchten. Ich habe das abgelehnt.

In einem Video, das einer der mutmaßlichen Flüchtlinge während der Kundgebung gemacht haben soll, behauptet eine Stimme, sie seien bezahlt worden, um gegen Katar zu demonstrieren. Laut Berichten der Polizei sollen rund 140 Personen unter dem Titel "Aufstand gegen Katar wegen Unterstützung des Terrorismus" an der Demonstration teilgenommen haben. Dass Flüchtlinge vermutlich bezahlt wurden, sei der Polizei nicht aufgefallen.

Auf Anfrage der ARD an die Pressestelle der Polizei bestätigte diese, dass sich 50 junge Männer aus der Versammlung gelöst habe sollen und deren Verlauf anschließend "erheblich störten". Diese jungen Männer seien anschließend weggelaufen. Auf einem der Videos ist zu sehen, wie sie Demonstrationsschilder mit den Füßen zertreten und Parolen für Katar rufen.

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Spannungen bleiben nach Ende des Ultimatums

Die vermeintliche Demonstration fällt mitten in eine diplomatische Krise zwischen mehreren arabischen Ländern und Katar. Saudi-Arabien und drei weitere arabische Staaten hatten bereits Anfang Juni 59 Personen und 12 Organisationen mit angeblichen Verbindungen zum Rivalen Katar auf eine "Terrorliste" gesetzt. Sie alle würden von dem Golf-Emirat finanziert oder seien dort ansässig und hätten Kontakte zu Terroristen.

Zu den Initiatoren der Sanktionen gehören neben Saudi-Arabien auch Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrain. Für die betroffenen Personen und Organisationen bedeutet der Eintrag auf der "Terrorliste" vor allem Kontensperren und erschwerte Auslandsgeschäfte. Die vier Staaten begründeten den Schritt mit ihrer "Entschlossenheit, den Terrorismus zu bekämpfen, seine Finanzierungsquellen auszutrocknen und extremistische Ideologien zu bekämpfen".

Es folgte eine Wirtschaftsblockade und eine Liste mit Forderungen, inklusive einem Ultimatum, an Katar. Das Ultimatum ist verstrichen, ohne dass es zu einer militärischen Eskalation gekommen ist – doch die Lage bleibt weiterhin gespannt.