Schusswaffengebrauch der Polizei: Leichter Anstieg – Opfer vor allem psychisch Kranke

Schusswaffengebrauch der Polizei: Leichter Anstieg – Opfer vor allem psychisch Kranke
Die Zahl der Schusswaffeneinsätze der Polizei mit tödlichen Folgen ist im vergangenen Jahr leicht gestiegen. Vor allem psychisch Kranke fielen diesen zum Opfer.
Im Schnitt einmal pro Woche haben Polizisten in Deutschland zuletzt auf Menschen geschossen. Elf Menschen starben dadurch im vergangenen Jahr. Ein Kriminologe fordert Konsequenzen - vor allem im Umgang der Polizei mit psychisch auffälligen Kontrahenten.

Polizisten haben bei Einsätzen in Deutschland im vergangenen Jahr elf Menschen erschossen. Wie aus einer Erhebung der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster hervorgeht, wurden zudem 28 Menschen verletzt. Die Todesfälle gehen der Statistik zufolge allesamt auf Notwehr oder Nothilfe zurück - Letzteres bezeichnet Fälle, bei denen Polizisten anderen Menschen in Lebensgefahr helfen mussten. Insgesamt hat die Polizei in 52 Fällen auf Menschen geschossen. Hinzu kamen Warnschüsse.

Am häufigsten machten Polizeibeamte von der Schusswaffe Gebrauch, um gefährliche, kranke oder verletzte Tiere zu töten. Im vergangenen Jahr wurden 12.656 Fälle dieser Art in Deutschland registriert. Die Zahl der Waffeneinsätze, die sich gegen Menschen richteten, liegt etwas höher als in den Vorjahren. Im Jahr 2015 starben zehn Menschen, weitere 22 wurden verletzt. Im Jahr zuvor waren es sieben Tote und 30 Verletzte, und im Jahr 2013 waren es nach den der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Statistiken acht Tote und 20 Verletzte.

Bundeskanzlerin Merkel (2 v.r.) und der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (3 v.l.) posieren gemeinsam mit Einsatzkräften der Hamburger Polizei

Erst am Dienstag hatte die Polizei in Sachsen-Anhalt einen 28-Jährigen erschossen, als dieser nach einem Familienstreit auf die Beamten feuerte. Auch beim Einsatz von Spezialkräften während der Krawalle am Rande des G20-Gipfels in Hamburg war der Schusswaffengebrauch zur Eigensicherung freigegeben.

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Keine Schießwütige Polizei

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die „Statistik über den polizeilichen Schusswaffengebrauch gegen Menschen weitgehend gleichbleibend ist und Schüsse auf Menschen relativ selten sind“. In der GdP-Mitgliederzeitschrift „Deutsche Polizei“ hieß es kürzlich, weil in Film und Fernsehen ständig geballert werde, habe die Öffentlichkeit eine verzerrte Vorstellung von Polizeiarbeit.

Angesichts der leicht gestiegenen Zahlen betont der Kriminologe Prof. Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum:

Nein, wir hatten und haben keine ‚schießwütige‘ Polizei. Nach wie vor benutzen die allermeisten Polizeibeamtinnen und -beamten ihre Dienstwaffe ein Leben lang ausschließlich auf dem Schießstand.

Opfer sind zumeist psychisch Kranke

„Wenn man sich die Fälle des tödlichen Schusswaffengebrauchs genauer ansieht, dann stellt man fest, dass in den meisten Fällen die Opfer psychisch Kranke oder gestörte Personen sind“, erklärt Prof. Feltes. „Hier haben wir tatsächlich eine Zunahme und den dringenden Bedarf nach mehr Fortbildung für die Polizei.“

Feltes sagt, viele Beamte seien nicht im Erkennen von psychisch gestörten Personen geschult – und noch weniger in der Frage, wie man mit ihnen umgehen sollte. Zwar habe Deutschland „eine sehr gut ausgebildete Polizei“; die allermeisten Alltagssituationen würden sehr professionell gelöst.

„Aber leider wird das in der Ausbildung vermittelte Wissen nicht regelmäßig aktualisiert, was besonders im Bereich der psychischen Erkrankungen aber unbedingt notwendig ist“, betont der Kriminologe. GdP-Chef Malchow bemängelt die zunehmende Belastung der Beamten:

Die Handlungssicherheit im Umgang mit der Dienstwaffe fördert regelmäßiges Training. Weil jedoch seit der Jahrtausendwende viele Stellen bei der Polizei abgebaut wurden, die Belastungen zugenommen haben, zudem viele Kolleginnen und Kollegen wegen Krankheiten ausfallen, bleibt dafür oft nicht genügend Zeit.

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Vorwurf: Ungenügende Aufarbeitung

Nach Beobachtung von Prof. Feltes gibt es „einen gewissen Widerstand innerhalb der Polizeiführung und der Innenministerien“, wenn es um das Thema Schusswaffengebrauch geht. „Die Todesfälle werden nicht immer entsprechend aufbereitet, und vor allem werden nicht die nötigen Konsequenzen aus den Erfahrungen gezogen“, kritisiert der Wissenschaftler. Für Fälle, bei denen die Polizei mit psychisch gestörten Kontrahenten zu tun hat, fordert er etwa, entsprechend geschulte Experten wie Psychologen und Mediziner einzubeziehen – schon bei der ersten Information, also meist nach dem Notruf.

Vergleichsweise geringer Schusswaffeneinsatz

Angesichts von mehr als 300.000 Polizisten in Deutschland bewegen sich die Zahlen tödlicher Schusswaffeneinsätze trotz des Anstiegs dennoch insgesamt auf eher niedrigem Niveau. Zum Vergleich:  Nach einer Erhebung der Washington Post haben Polizisten in den USA im vergangenen Jahr 963 Menschen erschossen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl geben Polizisten in den USA 20 Mal so oft tödliche Schüsse ab, wie ihre Kollegen hierzulande.

(rt deutsch/dpa)

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