SEK-Führer zu G20-Krawallen: "Wir mussten mit Schusswaffen aufseiten der Straftäter rechnen"

SEK-Führer zu G20-Krawallen: "Wir mussten mit Schusswaffen aufseiten der Straftäter rechnen"
Mit Maschinengewehren im Anschlag räumte ein Spezialeinsatzkommando ein Haus im Schanzenviertel, aus dem heraus es zu Gewalttaten gegen die Polizei gekommen war.
Scharfe Schusswaffen aufseiten der Randalierer? Laut einem SEK-Kommandoführer musste die Polizei von einer solchen Bedrohungslage ausgehen. Das wirft jedoch Fragen auf, die die Polizeiführung in neue Erklärungsnöte bringen könnte.

Nach den Krawallen in Hamburg anlässlich des G20-Gipfels geriet die Polizei in Erklärungsnöte. Für viele Beobachter war vor allem unverständlich, warum sie am Freitagabend stundenlang nicht eingegriffen hatte, als Randalierer das Schanzenviertel zerlegten. Obwohl sie am Schulterblatt – einer zentralen Straße, die die Stadtteile Sternschanze und Eimsbüttel verbindet – massiv Kräfte aufgefahren hatte, schritt die Polizei nicht gegen die Randalierer ein.

Sie habe einen Hinterhalt befürchtet, rechtfertigte die Polizeiführung im Nachhinein das Nicht-Einschreiten. Auf einem leerstehenden Haus, an das ein Baugerüst angebracht war, hätten sich Randalierer verschanzt, welche die Polizei vom Dach des Gebäudes aus massiv angegriffen hätten.

Ein Polizei-Hubschrauber beleuchtet Straßenzüge während G20-Protestler Feuer auf der Hamburger Schanze legen, 7. Juli 2017.

Erst nachdem ein herbeigeordertes Sondereinsatzkommando mit Maschinengewehren im Anschlag das Haus gestürmt und anschließend gesichert hatte, stießen die Polizeikräfte unter Einsatz von Wasserwerfern in das Schanzenviertel vor. Der Randale war daraufhin schnell ein Ende bereitet. In der Hamburger Morgenpost schilderte der SEK-Kommandoführer Sven Mewe den Einsatz der Räumung des Hauses aus seiner Sicht:

Die Ausgangslage war die, dass wir damit rechnen mussten, auch auf mit Schusswaffen bewaffnete Straftäter zu treffen. Dementsprechend war unser Vorgehen extrem robust auf Eigensicherung, aber auch auf hohe Dynamik ausgelegt. Das heißt, der Schusswaffengebrauch war für uns freigegeben, wir haben Ablenkungspyrotechnik in den Gebäuden eingesetzt und geschlossene Türen mittels Schusswaffen mit spezieller Munition geöffnet.

Haben Autonome Polizeibeamten Dienstwaffen entwendet?

Die im Gebäude beziehungsweise auf dessen Dach angetroffenen Personen hätten keinen Widerstand geleistet. "Alle, die wir angetroffen haben, haben wir sofort auf den Boden gelegt, gefesselt und anschließend abführen lassen." Insgesamt 13 Personen wurden festgenommen. An dieser Aussage und an der generellen Darstellung der Polizei sind mehrere Aspekte bemerkenswert.

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Da wäre zunächst Mewes Rede von "mit Schusswaffen bewaffneten Straftätern". Von solchen Waffen aufseiten der Randalierer war bis dato nicht die Rede. Was die Bewaffnung der Personengruppe auf dem Häuserdach betraf, so wurde bislang lediglich von Gehwegplatten, Zwillen und Molotow-Cocktails gesprochen. Mewes Aussage dürfte hingegen Gerüchten neue Nahrung geben, die sich hartnäckig halten, obwohl sie von der Polizei bestritten werden. Demnach sollen Demonstranten zwei Beamten die Schusswaffen abgenommen haben. 

Dabei wären scharfe Schusswaffen in den Reihen der Randalierer sicherlich eine überzeugende Begründung, warum sich die Polizeikräfte zur Eigensicherung so lange im Hintergrund hielten. Die offizielle Darstellung mag hingegen aus mehreren Gründen kaum zu überzeugen. Zum einen hätte die Polizei auch über andere Zufahrtsstraßen in das Schanzenviertel gelangen können, in denen es eine entsprechende Gefahrensituation nicht gab, bei der sich Randalierer auf Dächern verschanzt hielten. Es bleibt unverständlich, warum sie ausgerechnet den gefährlichsten Weg gewählt hat.

Wie groß die Gefahr am neuralgischen Schulterblatt wirklich war, ist zudem umstritten. Von den im besagten Haus festgenommenen 13 Personen wurden alle alsbald wieder auf freien Fuß gelassen. Es hätten sich keine belastbaren Anhaltspunkte für eine Beteiligung an Gewalttaten ergeben, weshalb gegen keine der kurzzeitig in Gewahrsam genommenen Personen ein Haftbefehl erlassen wurde.

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Experten bezweifeln zudem die Darstellung der Polizei im Zusammenhang mit einem von ihr veröffentlichten Video, das zeigen soll, wie von dem Dach des Hauses ein Molotow-Cocktail auf einen Wasserwerfer geworfen wurde. Es ist der einzige der Öffentlichkeit zugängliche Beleg für die Behauptung der Polizei, aufgrund eines "brutalen Hinterhalts" (Die Welt) nicht frühzeitig ins Schanzenviertel reingegangen zu sein.

Sachverständiger: Angeblicher Molotow-Cocktail war Böller

Gegenüber der Hamburger Morgenpost sagte Georg Dittié, Fachingenieur für Wärmebildtechnik und anerkannter juristischer Sachverständiger, bei dem Wurfgeschoss habe es sich wohl eher um einen Böller gehandelt, nicht um einen Molotow-Coktail.

Sollte sich das als richtig herausstellen, so dürfte die Polizeiführung erneut in schwere Erklärungsnöte geraten. Denn es wird der Öffentlichkeit nur schwer zu verkaufen sein, warum aufgrund eines Böllerwurfes Spezialeinheiten mit Maschinengewehren anrücken mussten, denen der Gebrauch der Schusswaffe freigegeben wurde.

Und warum wegen eines Böllerwurfes die massiv vor Ort vertretene Polizei stundenlang dabei zuschaute, wie Randalierer einen Stadtteil unbehelligt kurz und klein schlagen konnten. Jedenfalls hatte die Polizeiführung in der fraglichen Nacht um 23:24 Uhr ein Gerücht dementiert, dass sich unter Journalisten und Aktivisten bis heute hartnäckig hält: