Zwischen Suppe von Waldzwergen und gefülltem Küken: Wie der G20 nach Hamburg kam

Zwischen Suppe von Waldzwergen und gefülltem Küken: Wie der G20 nach Hamburg kam
Angela Merkel als Ehrengast beim Matthiae-Mahls 2016 im Hamburger Rathaus. An diesem Tag verkündete sie die Überraschung: "Der G20 kommt nach Hamburg."
Am 13. Februar 2016 verkündete Angela Merkel als Ehrengast des traditionellen Matthiae-Mahls im Hamburger Rathaus "im Einvernehmen mit dem ersten Bürgermeister" eine Überraschung: "Der G20 kommt nach Hamburg." Chronologie eines PR- und Demokratie-Desasters.

Es war gegen 21:30 Uhr im Festsaal des Hamburger Rathauses. Die 132 Meter langen Tafeln für das älteste heute noch begangene Festmahl waren festlich gedeckt. Nicht weniger als 118 Kellner standen bereit, um den Reichen und Schönen Hamburgs das steuerfinanzierte Vier-Gänge-Menü von Sternekoch Heinz Otto Wehmann zu servieren.

Zunächst gab es ein Parfait vom geräucherten Aal sowie hausgebeizte Forelle aus der Lüneburger Heide. Im Anschluss wurde eine klare Suppe von Waldzwergen mit Pilzmaultaschen serviert. Danach gab es gefülltes Hamburger Stubenküken mit gestowtem Porree und Knödeln. Zum Nachtisch konnte die Prominenz sich diverser Variationen von Zitrusfrüchten erfreuen.

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Nach der Suppe, zu der ein Grauburgunder "S" gereicht wurde, hielt der Ehrengast des Matthiae-Mahls, Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine Rede. Thematische Schwerpunkte des traditionellen Mahls der Hamburger Elite waren der drohende Brexit und die europäische Einheit. Doch zum Ende ihrer Rede verkündete die Bundeskanzlerin beinahe beiläufig, dass sie, im Einvernehmen mit dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, Olaf Scholz, eine Überraschung mitbringe:

Der G20 kommt nach Hamburg. Ich glaube, das trifft sich gut mit der Weltoffenheit Hamburgs. Ich freue mich sehr darauf, die Partner der G20 in meiner Geburtsstadt Hamburg willkommen zu heißen.

 Der Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz ergänzte:

Schon in der Präambel unserer Landesverfassung heißt es: 'Hamburg will im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein'.

Nach der Olympia-Pleite keine erneute Volksabstimmung

Doch informiert oder gefragt hatten Merkel und Scholz zuvor niemandem. Bei einem Ereignis dieser Größe hätte eigentlich, dem politischen Protokoll nach, die Hamburger Bürgerschaft zuvor angefragt werden müssen. Entsprechend verstimmt reagierte zunächst auch der Koalitionspartner der SPD. B'90/Die Grünen protestierten jedoch erst lautstark gegen die Entscheidung, nur um später dann doch dafür zu stimmen. 

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Auch die Bevölkerung der Hansestadt hat das Stadtoberhaupt in keiner Weise konsultiert. Hatte sich Scholz zuvor bei der Hamburger Olympia-Bewerbung noch als Superdemokrat inszeniert und sich für ein Olympia-Referendum ausgesprochen, stellte er bei der Entscheidung, den umstrittenen G20-Gipfel in Hamburg abzuhalten, die Bürgerschaft und die Einwohner Hamburgs vor vollendete Tatsachen.

Legendär ist auch seine Aussage, in der er die sicherheitspolitischen Herausforderungen des G20 in Hamburg als nicht höher bewertete als den jährlich zelebrierten Hafengeburtstag in der Hansestadt.

Wie Quellen im Hamburger Rathaus berichten, war der G20-Gipfel zudem eine Spätfolge von Hamburgs Olympia-Bewerbung. Die Durchführung eines internationalen Großereignis vom Range des G20-Gipfels sollte der Reputation der Hansestadt kurz vor der Entscheidung des IOC über den Austragungsort der Bewerbung nochmal einen kräftigen Schub geben, so die "Strategie" der Feuer-und-Flamme-Fraktion unter Bürgermeister Scholz.

Olympia wurde durch das Referendum verhindert. Bei G20 wollten Scholz und Merkel wohl das Risiko einer Volksabstimmung nicht eingehen. Die Folgen sind bekannt.

Historischer Hintergrund des Matthiae-Mahls:

Seit dem Jahr 1356 laden die Regierenden der Hansestadt zu dem Festmahl unter dem Namen Matthiae-Mahl ein. Der Name geht auf den Matthiae-Tag, den 24. Februar, zurück. An diesem Tag wurden nach historischer Überlieferung im Rathaus die Aufgaben im Senat neu verteilt und neue Bürgermeister aus den Reihen der Senatoren gewählt. Zudem galt der Tag im Mittelalter als Frühlingsbeginn und Auftakt des Geschäftsjahres. Es entwickelte sich im weiteren Verlauf zu einem Brauch, "Vertreter der Hamburg freundlich gesonnenen Mächte" am Matthias-Tag zu einem Festmahl einzuladen.

Zunächst waren bei Matthiae-Mahlzeiten immer der kaiserliche und der niederländische Gesandte Ehrengäste. Seit der Zeit der Weimarer Republik werden stets ein ausländischer und ein deutscher Ehrengast eingeladen. Im Jahr 2016 waren dies der damalige britische Premier David Cameron und Bundeskanzlerin Angela Merkel.