Studie: Altersarmut nimmt in Deutschland dramatisch zu - Auch private Renten reichen nicht

Studie: Altersarmut nimmt in Deutschland dramatisch zu - Auch private Renten reichen nicht
Die Studie hat auch berechnet, wie sich viele der aktuell diskutierten Renten-Reformen auswirken würden. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Vorschläge den Trend nicht stoppen können. Die Risikogruppen würden "in der aktuellen Reformdebatte zu wenig durch die Vorschläge adressiert."
Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung steigt das Risiko für Altersarmut bis zum Jahr 2036 drastisch an. Jeder fünfte Neurentner könnte dann davon betroffen sein. Gefährdet sind vor allem Frauen und Ungelernte. Der „Baby-Boomer-Generation“ droht ein böses Erwachen.

Insbesondere alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose sind einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge bis zum Jahr 2036 zunehmend von Altersarmut bedroht. Insgesamt steigt die Armutsrisikoquote in der Altersgruppe der dann 67-Jährigen in den kommenden Jahren von heute 16 auf 20 Prozent an. Bei alleinstehenden Frauen ist die Zunahme besonders stark. Demnach steigt der Anteil der Frauen, die von staatlichen Leistungen abhängig werden, weil ihr Einkommen nicht fürs Leben reicht, von heute 16,2 auf 27,8 Prozent im Jahr 2036 an.

Für die Studie, die am Montag vorgestellt werden soll, haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Simulationsberechnungen gemacht. Basis sind Haushaltsdaten, mit denen die zukünftigen Alterseinkommen aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Altersvorsorge prognostiziert werden. Rentner gelten heute als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoeinkommen unter 958 Euro liegt.

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Die Studie fußt auf Daten des sogenannten Sozioökonomischen Panels (SOEP). Für das SOEP befragt das DIW seit dem Jahr 1984 jährlich rund 30.000 Personen in etwa 15.000 Haushalten - und zwar, soweit möglich, immer die gleichen. Das Spektrum der Fragen ist groß und umfasst unter anderem Persönlichkeitsmerkmale, Bildung, Gesundheit, Einkommen und die Erwerbssituation. Dadurch gilt die Langzeitstudie als sehr zuverlässig und aussagekräftig.

Als Ursache für die wachsende Altersarmut sehen die Studien-Autoren zwei Gründe: Die Zunahme von Unterbrechungen im Arbeitsleben und unsichere Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnsektor. Zum anderen sinken das Rentenniveau durch die demografische Entwicklung und rentenrechtliche Veränderungen kontinuierlich.

Nach Auffassung der Stiftung entfalten die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge aber nicht die gewünschte Wirkung. Selbst bei einer leicht positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und damit weniger Erwerbsloser könnte das Armutsrisiko den Forschern zufolge steigen. Das gilt auch bei moderat steigenden Zinserträgen.

Wir brauchen weitere Reformen für den Ruhestand: Wenn die Baby-Boomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen. Um das Alterssicherungssystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es heute an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen,

so Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Die Ergebnisse der Studien decken sich in vielen Teilen mit dem Altersicherungsbericht, den die Bundesregierung 2016 veröffentlicht hat. Darin fordert die Politik die Menschen auf, mehr privat für das Alter vorzusorgen. Nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung aber reicht das bei weitem nicht aus. Christof Schiller, Autor der Studie, fordert eine bessere Integration der Risikogruppen in den Arbeitsmarkt.

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Es ist vermutlich ein Treppenwitz der Geschichte, dass nun ausgerechnet eine Studie der Bertelsmann Stiftung die negativen Folgen von unter anderem „unsicheren Beschäftigungsverhältnissen im Niedriglohnsektor“ anprangert. Gilt doch die Stiftung quasi als Blaupausenlieferant der sogenannten Hartz-IV-Reformen. Schon in den 2000er Jahren ließ die Bertelsmann Stiftung Studien zur vermeintlichen Notwendigkeit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV) anfertigen und publizieren.

Im Jahr 2003 legte die Konzernstiftung dann ihr Grundkonzept für die Jobcenter (Hartz III) vor. Die Idee der Personal-Service-Agenturen (Hartz I) erarbeitete Bertelsmann gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeit und der Unternehmensberatung McKinsey. Von Selbstkritik findet sich in der Studie jedoch keine Spur.