Arte-Doku zu Antisemitismus: ARD strahlt trotz des Vorwurfs handwerklicher Mängel aus

Arte-Doku zu Antisemitismus: ARD strahlt trotz des Vorwurfs handwerklicher Mängel aus
"Nieder mit Israel" lautet die Botschaft auf einem Plakat, das ein Demonstrant in Istanbul anlässlich des al-Quds-Tags in die Höhe reckt. Wo aber hört legitime Israelkritik auf und wo fängt Antisemitismus an? Auch dieser Frage will die ARD heute auf den Grund gehen.
Die ARD strahlt am Mittwochabend eine Arte-Doku über Antisemitismus aus. Wegen behaupteter handwerklicher Mängel sah der Sender bislang von einer Ausstrahlung ab. Es bleibt eine Debatte über notwendige Standards im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Der zunächst von Arte unter Verschluss gehaltene Film "Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa" wird am heutigen Mittwoch im Ersten ausgestrahlt. Die 90-minütige Doku geht um 22.15 Uhr auf Sendung. Arte hatte die Produktion der vom WDR angemeldeten Doku in Auftrag gegeben, anschließend aber nicht ausgestrahlt.

Die involvierte Produktionsfirma habe sich nicht wie verabredet um den wachsenden Antisemitismus in Europa gekümmert, sondern zumeist im Nahen Osten gefilmt, begründete der Sender seine Entscheidung. Sie habe Arte "über diese fundamentalen Änderungen bis unmittelbar vor Lieferung des Films bewusst im Unklaren gelassen". Der Sender habe sich dementsprechend auch nicht dazu erklären können.

Doku soll kritisierten Personen keine Gelegenheit zu Stellungnahme gegeben haben

Der WDR bemängelte zudem, wie es hieß, handwerkliche Fehler der Doku. "Nach der Ablehnung durch Arte, die Dokumentation zu senden, hatte der WDR den Film nochmals sehr intensiv geprüft. Dabei wurden journalistisch-handwerkliche Mängel festgestellt", erläuterte der Sender.

So enthält der Film Tatsachenbehauptungen, für die es nach jetzigem Kenntnisstand des WDR keine ausreichenden Belege gibt. Auch sind Betroffene mit den im Film gegen sie erhobenen Vorwürfen nicht konfrontiert worden. Das aber gehört zu den Standards der journalistischen Arbeit. Darüber hinaus sind offenbar auch Persönlichkeitsrechte verletzt worden.

Dass Judenhass bekämpf werden muss, darüber herrscht in Deutschland ein breiter Konsens. Zur Frage, wer überhaupt ein Antisemit ist, gehen die Meinungen jedoch weit auseinander.

Die vom WDR geäußerten handwerklichen Bedenken springen nach Meinung von Kritikern beim Betrachten der Doku schnell ins Auge. Diese, so heißt es unter anderem auf Blogs oder in sozialen Medien, arbeite mit einseitig-verkürzten Darstellungen, pauschalen Diffamierungen, fragwürdigen Definitionen und suggestiven Schnitttechniken. 

Das Anliegen der Produktion sei es, möglichst viele der in der Sendung zu Wort kommenden Protagonisten der Israelkritik des Antisemitismus überführen zu können - was ihnen einige davon durch ihre Aussagen möglicherweise auch nicht entscheidend erschweren. Gegner der Produktion führen deren behauptete Einseitigkeit in der Darstellung darauf zurück, dass sich die Macher der Sendung unverkennbar im geistigen Umfeld der neokonservativen so genannten Antideutschen bewegen. Entsprechend gleiche die Doku eher einem Propagandawerk als einer kritischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Europa.

Mit dem neokonservativen gegen den antizionistischen Holzhammer?

Tatsächlich kommen in der Dokumentation bekennende so genannte Antideutsche und Neokonservative wie der Autor Stephan Grigat zu Wort. Die Intransingenz, mit der Kommentatoren aus diesem politischen Spektrum ihre Sichtweise auf den Nahostkonflikt regelmäßig darlegen, steht jener ihrer Gegner kaum nach, die ihrerseits ihren pro-palästinensischen Narrativ gerne mit nahezu schrankenlosem Verbalradikalismus gegen Israel unterfüttern.

Per Programmauftrag sind öffentlich-rechtliche Anstalten jedoch zu einer ausgewogenen und wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichtet - was generell nicht selten ein frommer Wunsch bleibt. Gibt es tatsächliche Anhaltspunkte, dass die Doku nicht diesen Kriterien entspricht, wäre ihre Nicht-Ausstrahlung die logische Konsequenz.

Andererseits mussten sich Arte und WDR den Vorwurf einer Zensur gefallen lassen. Diesen erhoben zum Teil auch berufenere Persönlichkeiten als der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, der den Verdacht äußerte, die Doku werde nicht ausgestrahlt, weil sie "politisch nicht genehm ist, weil sie ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist". Trotz fehlender Ausstrahlungsrechte hatte ausgerechnet Bild.de - also eine Publikation, die selbst regelmäßig wegen einseitig-propagandistischer Agitation gegen andere Nationen in der Kritik steht - das Gesetz in die eigenen Hände genommen und die Sendung am Dienstag vergangener Woche für einen Tag online gestellt. Seitdem kursiert die Dokumentation auch im Internet.

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Handwerkliche Mängel kein Hindernis mehr

Obgleich die Doku auch nach Meinung führender Rundfunkmitarbeiter journalistische Standards nicht einhält, strahlt ARD die Sendung am Mittwochabend aus. Im Anschluss wird dem Thema zusätzlich noch eine eigene Diskussionssendung mit Sandra Maischberger gewidmet. "Dabei werden auch die vom WDR beanstandeten handwerklichen Mängel der Dokumentation berücksichtigt", heißt es einer Mitteilung der ARD.

WDR-Intendant Tom Buhrow sagte:

Das Thema der Dokumentation war und ist uns wichtig. Und je wichtiger das Thema, desto genauer muss die journalistisch-handwerkliche Sorgfalt sein.

Man habe den Film intensiv geprüft und er selbst, so Buhrow, habe entschieden, die Dokumentation und "unsere handwerklichen Fragezeichen dazu transparent zur Diskussion zu stellen".

ARD-Programmdirektor Volker Herres erklärte zur gleichen Problematik:

Ich halte es für richtig, die umstrittene Dokumentation jetzt einem breiten Publikum zugänglich zu machen, trotz ihrer handwerklichen Mängel. Nur so kann sich das Fernsehpublikum ein eigenes Bild machen.

Mit demselben Argument hatte Arte begründet, warum es gegen den als "befremdliche Vorgehensweise" bezeichneten Verstoß gegen das Urheberrecht seitens der Bild-Zeitung keine rechtlichen Schritte einleitet. Noch vor einer Woche hatte der deutsch-französische Kultursender gegenüber RT Deutsch erklärt, den Film trotz der bereits erfolgten Ausstrahlung durch Bild.de nicht senden zu wollen.

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Arte wollte französischen Zuschauern die Doku nicht vorenthalten

Doch die Aufnahme der Doku in das ARD-Programm habe zu einer "neuen Situation" geführt.

Deutsche Zuschauer werden Zugang zu dieser Sendung erhalten. Für die französischen Zuschauer wird das nicht der Fall sein", teilte Arte mit.

Um einen identischen Kenntnisstand seines Publikums in beiden Ländern zu ermöglichen, werde der Sender den Film heute Abend zeitversetzt zum ARD-Sendertermin ausstrahlen.

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Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung: Ein Werk, dessen Umgang mit journalistischen Standards umstritten ist und das dadurch möglicherweise dem Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender widerspricht, wird nicht nur wie ursprünglich geplant im Spartensender Arte ausgestrahlt, sondern nun auch in der ARD.

Kritiker sehen darin ein zweifelhaftes Signal für zukünftige Fernsehproduktionen. Frei nach dem – an Tom Buhrow angelehnten – Motto: "Je wichtiger das Thema, desto ungenauer muss die journalistisch-handwerkliche Sorgfalt sein" – dann schafft man es auch bis ins Erste Programm.