"Nicht mit uns": Türkisch-islamische DITIB lehnt Demonstration gegen islamistischen Terror ab

"Nicht mit uns": Türkisch-islamische DITIB lehnt Demonstration gegen islamistischen Terror ab
DITIB-Generalsekretär Bekir Alboga führt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker durch die neueröffnete Zentralmoschee des türkischen Islamverbandes.
Die Türkisch-Islamische Union (DITIB), der größte Islamverband Deutschlands, hat seine Teilnahme am Friedensmarsch von Muslimen gegen islamistischen Terror abgesagt. Sein Vorwurf an die Organisatoren: "öffentliche Vereinnahmung und Instrumentalisierung".

Nach bisherigen Angaben rechnen die Organisatoren für die am Samstag in Köln stattfindende Demonstration mit etwa 10.000 Teilnehmern. Bei der Kundgebung sollen demnach unter dem Motto "Nicht mit uns" 40 weitere Verbände, zivilgesellschaftliche Initiativen und 260 Persönlichkeiten, die zur Teilnahme aufgerufen hatten, Flagge zeigen und den Protest gegen radikal-islamischen Terrorismus öffentlichkeitswirksam auf die Straße tragen.

Der größte muslimische Dachverband hat seinen Hauptsitz ebenfalls in Köln und vereint 896 Ortsgemeinden. Die DITIB betreibt dort ebenfalls ihre Zentralmoschee. Auf den Seiten seines Internetauftritts erteilt der eingetragene Verein folgende Selbstauskunft:

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Unser Vereinsziel ist es, Musliminnen und Muslime einen Ort zur Ausübung ihres Glaubens zu geben und einen Beitrag zur Integration zu leisten. Darüber hinaus engagieren wir uns intensiv im sozialen Bereich.

An der geplanten Kundgebung am Wochenende will sich der deutsche Ableger der staatlichen Religionsbehörde der Türkei aber nicht beteiligen. Vielmehr wirft die DITIB den Organisatoren eine "öffentliche Vereinnahmung und Instrumentalisierung" vor. Aus Sicht der DITIB handelt es sich bei den terroristischen Anschlägen, die in den letzten Wochen Europa erschütterten und zu denen sich regelmäßig die Terrormiliz IS bekannt hatte, nicht um tatsächlich muslimisch motivierten Terror: Daher bestehe auch keine Veranlassung, gegen diese Form des Terrors Position zu beziehen. So zumindest die Argumentation des Dachverbands:

Forderungen nach 'muslimischen' Anti-Terror-Demos greifen zu kurz, stigmatisieren die Muslime und verengen den internationalen Terrorismus auf sie, ihre Gemeinden und Moscheen.

Demonstrieren im Ramadan: 2014 noch gestattet - 2017 nicht mehr

Zudem gibt der muslimische Dachverband zu bedenken, dass es bereits zahlreiche Demonstrationen unter Beteiligung DITIBs gegeben habe:

'Muslimische' Demonstrationen, um zu zeigen, dass man sich von den Gewalttätern und ihren Taten nicht vereinnahmen lassen will, gab es bislang ebenfalls unzählige Male in Form von gemeinsamen öffentlichen Stellungnahmen, öffentlichen Gebeten und öffentlichen Initiativen.

Für Stirnrunzeln dürfte das Argument der DITIB sorgen, wonach es Muslimen während des Ramadan nicht zuzumuten sei, an Demonstrationen teilzunehmen - erst recht nicht im Sommer. Dazu erklärt DITIB, eine Teilnahme sei nicht angedacht,

da es am 22. Tag des Ramadans, an dem in Köln von 3:47 Uhr bis 21:55 Uhr gefastet, also nichts gegessen und getrunken wird, den fastenden Musliminnen schlichtweg nicht zumutbar ist, stundenlang in der prallen Mittagssonne bei 25 Grad zu marschieren und zu demonstrieren.

Stattdessen sei für den morgigen Freitag in allen DITIB angegliederten Moscheen geplant, Bittgebete gegen den Terror und für den Frieden zu halten.

Noch im Jahr 2014 hatten sich Medienberichten zufolge mehrere Funktionäre der DITIB an Protestkundgebungen anlässlich des Gaza-Krieges beteiligt, die auf Grund dort skandierter antisemitischer Parolen in die Schlagzeilen gekommen waren. Diese fanden jedoch ungeachtet des Ramadans statt. 

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, verfolgt eine andere Linie als der türkische Verband und stellte sich in Anbetracht der DITIB-Kritik demonstrativ hinter die geplante Veranstaltung. Dazu erklärte der Zentralratsvorsitzende und derzeitige Sprecher des Dachverbandes Koordinationsrat der Muslime, Aiman Mazyek, der Rheinischen Post:

Das Beste, was IS und Konsorten passieren kann, ist, wenn wir den Islam mit ihrem mörderischen Terror in einen Topf werfen. Dennoch müssen wir weiter auf die Straße gehen, uns zeigen, für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und den Frieden kämpfen und den Extremismus verurteilen.

Umstrittene Lizenzvereinbarung

Aufgrund dieser Sichtweise werde sich sein Verband, im Gegensatz zu DITIB, auch an den Demonstrationen in Köln und am 23. Juni in Berlin beteiligen. DITIB hingegen scheint es trotz der genannten Argumentationslinie besonders bitter aufzustoßen, dass der Dachverband nicht in die Organisation der Veranstaltungen eingebunden war. Der konkrete Vorwurf an die Veranstalter lautet denn auch, dass "für eine gemeinsame Veranstaltung Vorgespräche notwendig" gewesen wären. Als Initiatoren der für Samstag anberaumten Demonstrationen zeichnen die Duisburger Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der Friedensaktivist Tarek Mohamad verantwortlich.

Laut dem Grünen-Abgeordneten Volker Beck habe sich DITIB mit seiner Nichtteilnahme an der Kölner Demonstration "als Teil der Zivilgesellschaft abgemeldet". Der Verband werde "immer mehr zum Problembären der islamischen Verbändelandschaft". Weiter erklärte Beck:

Wer als Religionsgemeinschaft Millionen Muslime in Deutschland repräsentieren will, muss auch seine gesellschaftliche Verantwortung annehmen.

Zuletzt hatte eine Pressemitteilung der DITIB im Vorfeld des Freitaggebets für Unmut gesorgt. Mitsamt einer beigefügten "Lizenzvereinbarung" heißt es darin unter anderem, dass Foto-, Video- und Tonaufnahmen des Gebäudes, einzelner Gebäudeteile oder von DITIB-Personal "nur nach vorheriger Zustimmung ausschließlich für die Berichterstattung zur Nutzung des Gebetssaals" verwendet werden dürften.

Weiter heißt es:

Jegliche weitere Verwendung über den oben definierten Verwendungszweck hinaus bedarf der schriftlichen Zustimmung durch die Rechteinhaber über die Pressestelle der DITIB.

Dazu erklärte die Deutsche Journalistenvereinigung (DJV):

Fotografen darf nicht vorgeschrieben werden, zu welchem journalistischen Zweck sie ihre Fotos verwenden.

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Mit fünf Jahren Verspätung wurde die DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld zum Freitagsgebet am 9. Juni eingeweiht.

Türkischer Ministerpräsident an der Spitze der Entscheidungshierarchie

Die DITIB als größter islamischer Dachverband Deutschlands steht seit geraumer Zeit in der Kritik. So sollen DITIB-Imame in Deutschland für die Türkei spioniert haben. Die Generalbundesanwaltschaft leitete zumindest entsprechende Ermittlungen ein. Bei der DITIB handelt es sich um einen Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Diese 1923 von Staatsgründer Mustafa Kemal Pascha, dem späteren Atatürk, gegründete Einrichtung untersteht dem jeweiligen türkischen Ministerpräsidenten. DITIB-Imame stehen im Verdacht, im Auftrag von Diyanet im eigenen Umfeld der deutschen Moscheegemeinden Informationen über Anhänger der Gülen-Bewegung gesammelt zu haben.

Die türkische Regierung wirft der Bewegung mit ihrem geistlichen Oberhaupt Fethullah Gülen vor, in den Putsch vom Juli des Jahres 2016 verwickelt zu sein.

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