Kostenlose Propaganda-Sendung für Bertelsmann: Bundeswehr verschenkt "Die Rekruten" an RTL

Kostenlose Propaganda-Sendung für Bertelsmann: Bundeswehr verschenkt "Die Rekruten" an RTL
Soldaten auf der Marinebasis Technichal Marine School (MTS) in Parow, November 2016.
Beinahe acht Millionen Euro haben die Steuerzahler bereits für eine Dauerwerbesendung der Bundeswehr ausgegeben. Nun will die zum Bertelsmann-Konzern gehörige RTL-Gruppe als private Anstalt "Die Rekruten" übernehmen. Zuwendungsrechtliche Fragen bleiben offen.

Die Bundeswehr-Werbereihe "Die Rekruten" soll nun auch ins Fernsehen kommen. Bisher lief die vom Steuerzahler finanzierte Kampagne nur auf YouTube, sammelte dort aber 44 Millionen Views ein. Allerdings strahlen nicht etwa die öffentlich-rechtlichen Sender künftig die steuerfinanzierte Dauerwerbesendung aus. Vielmehr hat sich RTL2 die Fernsehrechte gesichert.

Das könnte ein Fall für die Medienaufsicht werden. Der Bertelsmann-Konzern gehört zu den größten Medienunternehmen der Welt. In Deutschland kontrolliert die zu Bertelsmann gehörige RTL Group einen wesentlichen Teil des Fernsehgeschäfts. Eigentlich sollte das Medienunternehmen den wesentlichen Teil seiner Einnahmen aus Werbung bestreiten.

Von der Nackt-Datingshow zur Truppen-PR

Laut Rundfunkstaatsvertrag müsste zudem zumindest die redaktionelle Verantwortung und Unabhängigkeit hinsichtlich des Inhalts unbeeinträchtigt bleiben. Selbst wenn die Übernahme juristisch als eine "Themenplatzierung" durch ein Ministerium interpretiert würde, müssten die RTL-Redakteure weiter einen Einfluss auf den Inhalt nehmen können. Bei einer fertig produzierten Sendung ist dies jedoch wohl kaum der Fall.

Junger Soldat der Bundesweh in Aachen; Deutschland, 5. Januar 2011.

Mit dem Ziel, die deutsche Armee für junge Menschen attraktiver darzustellen, hatte die Bundeswehr ihre Werbekampagne auf YouTube gestartet. Seit dem vergangenen Jahr produziert der Presse- und Informationsstab von Ministerin von der Leyen eine aufwändige Real-Soap - Die Rekruten. 

Wir freuen uns sehr, die Highlights der YouTube-Serie bei RTL2 einem breiten Publikum zeigen zu können und sind gespannt auf diese einzigartige Kooperation", freute sich Dirk Feldhaus, Beauftragter für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr.

Bereits 20 Prozent mehr Bewerbungen

Die Sendung zeigt knapp drei Monate lang täglich Videotagebücher der Rekruten der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund. Dabei folgt die Sendung zwölf jungen Frauen und Männern mit Fischaugenlinse und Handykameras. Angeblich hat die Bundeswehr aufgrund der Sendung bereits 20 Prozent mehr Bewerbungen bekommen als zuvor.

Zwei Wochen nach dem Serienstart im November hatten bereits 200.000 Menschen den YouTube-Kanal "Die Rekruten" abonniert. Bis November 2016 hatte die Bundeswehr nicht weniger als 1,7 Millionen Euro für die Produktion ausgegeben. Weitere Kampagnen im Radio und auf Plakaten sowie im Netz kosteten den Steuerzahler weitere 6,2 Millionen Euro.

Die Ministerin persönlich zeigte sich vom Erfolg des Projektes erfreut. "Mit der Serie 'Die Rekruten' über die Grundausbildung auf YouTube haben wir offenbar einen Nerv getroffen", so Ursula von der Leyen. Insgesamt bringen "Die Rekruten" aktuell 44 Millionen Views und 270.000 Abonnenten mit. Diese "einzigartige Kooperation", wie die Bundeswehr nun die Verbindung mit dem Bertelsmann-Konzern nennt, muss jedoch auch von den Landesmedienanstalten geprüft werden.

Die Bundeswehr während einer Parade in Berlin. Deutschland, 2015

Immerhin zahlte der Steuerzahler bereits acht Millionen Euro für das Projekt. Wie die zuwendungsrechtlichen Regelungen bisher aussehen, ist genauso wenig bekannt wie der geplante Umgang mit staatlicher Propaganda durch den privaten Rundfunk.

RTL2-Publikum "sehr jung, aber nicht sehr gut ausgebildet"

Ginge es in der Bundeswehr tatsächlich so zu wie dort gezeigt, hätte der Wehrbeauftragte nicht viel zu tun. "Dass es anders ist, weiß jeder Zeitungsleser, aber vielleicht nicht die RTL2-Zielgruppe, die sehr jung, aber nicht sehr gut ausgebildet ist", meint etwa Medienjournalistin Brigitte Baetz im Deutschlandfunk.

Sie kritisiert, dass Grenzen zwischen Berichterstattung und PR verschwimmen, wenn der Gegenstand der Berichterstattung selbst zum Berichterstatter wird.