Getötete Deutsche in Afghanistan: Bisherige Erkenntnisse und Hintergründe

Getötete Deutsche in Afghanistan: Bisherige Erkenntnisse und Hintergründe
Neue Rekruten einer Spezialeinheit der afghanischen Armee beim Training in Rishkhur, Kabul.
Nach dem Tod einer deutschen Entwicklungshelferin sind die Hintergründe der Tat nach wie vor ungeklärt. Spekulationen weisen auch in Richtung einer örtlichen "Entführungsindustrie". Währenddessen erhebt das afghanische Innenministerium schwere Vorwürfe gegen die schwedische Hilfsorganisation, für die die Deutsche gearbeitet hat.

Bei einem Angriff auf das Gästehaus der schwedischen Hilfsorganisation töteten am Samstagabend Afghanen eine deutsche Entwicklungshelferin und einen afghanischen Wachmann. Eine aus Finnland stammende Frau wurde entführt. Nach wie vor sind die genauen Hintergründe des Verbrechens unklar. So ist bislang nicht erwiesen, ob es sich um Kämpfer der Taliban gehandelt hat.

Afghanisches Innenministerium: Deutsche in Kabul getötet

Auch das Auswärtige Amt scheint über keine konkreten Informationen zu verfügen. Zumindest wollte es sich bisher nicht näher äußern.

Bisherige Spekulationen weisen zudem auf die Möglichkeit hin, dass die Deutsche ein Opfer professioneller Entführer wurde und es sich damit um eine rein kriminelle Tat handelt.

Nach bisherigem Informationsstand arbeitete die Deutsche für die schwedische Hilfsorganisation „Operation Mercy“, die im Zentrum Kabuls ein unauffälliges Gästehaus unterhält, in welches die Afghanen eingedrungen sind. Dabei gingen die Täter jedoch nicht wie üblicherweise die Taliban vor. Auch ein Bekennerschreiben der Taliban oder des sogenannten Islamischen Staats (IS) liegt bisher nicht vor.

Ein Sprecher des afghanischen Innenministers äußerte sich bislang zu den Hintergründen wie folgt:

Wir können nicht sagen, ob der Zwischenfall einen kriminellen oder einen terroristischen Hintergrund hat.

Die Täter selbst konnten unerkannt vom Tatort fliehen. Nun erhebt das afghanische Innenministerium schwere Vorwürfe gegenüber der schwedischen Hilfsorganisation, deren Hauptsitz in der schwedischen Stadt Örebro liegt und die in Afghanistan Projekte im Bereich Bildung für Frauen durchführt. Vorrangig geht es bei den Programmen darum, die hohe Kindersterblichkeit zu verringern.

Ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums äußerte sich folgendermaßen:

Wir haben ihnen Polizeischutz angeboten, aber sie haben abgelehnt, weil sie keine bewaffneten Sicherheitskräfte um sich herum haben wollten. Sie gaben an, dass sie ja Hilfe leisten würden und deshalb keine Waffen zum Schutz bräuchten.

Die Hilfsorganisation hat sich bei Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht zu der Bluttat geäußert. Tatsächlich handelt es sich bei der Arbeit ausländischer Organisationen im Land am Hindukusch um eine Gradwanderung. Starke Sicherheitsvorkehrungen erwecken oftmals das Misstrauen der Einheimischen, weshalb externe Organisationen es häufig vorziehen, möglichst unauffällig zu agieren und auf Schutz zu verzichten.

Wie die Situation vor Ort seit Jahren beweist, scheint es sich bei der Annahme, dass bewaffnete Sicherheitskräfte effektiven Schutz gewährleisten könnten, ohnehin um eine Illusion zu handeln. Nicht zuletzt stellt sich nicht selten heraus, dass die afghanischen Sicherheitskräfte und staatliche Organe von den Taliban infiltriert werden.

Immer wieder werden Mitarbeiter von ausländischen Geldgebern oder aus staatlichen Quellen finanzierte Organisationen Opfer von Gewalttaten. Auch wohlhabende Afghanen zählen zu den Leidtragenden der Kriminellen. Häufig handelt es sich bei den Tätern, um mafiös organisierte Banden, die von einer regelrechten Entführungsindustrie vor Ort profitieren.

So wurden im August zwei afghanische Professoren entführt. Beide lehrten an der amerikanischen Universität in Kabul und wurden mutmaßlich an die Taliban verkauft. Deutsche Mitarbeiter einer sogenannten Hilfsorganisation wurden zuletzt vor zwei Jahren Opfer von Entführungen. Dabei handelte es sich um Mitarbeiterinnen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Anders als beim aktuellen Fall der getöteten Deutschen kamen die beiden Entführten nach zwei Monaten wieder frei.

Afghanische Polizeibeamte

2014 griffen mutmaßlich Taliban-Kämpfer die Unterkunft einer Organisation an, deren Mitglieder sie für Missionare gehalten haben sollen. Dies deutet wiederum nicht auf kriminelle Entführungsbanden hin, sondern auf religiöse Eiferer vom Schlage der Extremisten des sogenannten Islamischen Staats (IS). Seit einigen Jahren gewinnen die Extremisten des IS zunehmend an Boden im Land am Hindukusch. Dabei profitieren sie von der sich weiter verschlechternden Sicherheitslage im Land und von ausländischer Finanzierung.

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