SPD-Politiker gesteht: "Wir verstehen die Menschen nicht mehr"

SPD-Politiker gesteht: "Wir verstehen die Menschen nicht mehr"
Will wieder verstärkt auf die Wähler zugehen und das persönliche Gespräch suchen: René Schneider (SPD).
Das Ergebnis der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen war für die SPD eine Katastrophe. Nach dem vermeintlichen „Schulz-Hype“, der letztendlich nur ein Medien-Hype war, muss sich die Partei neu sortieren. Ein SPD-Abgeordneter aus NRW redet jetzt Klartext.

Von "herber Schlappe" war die Rede. Und von einem "Leberhaken." Die deftige Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen kommt für die Partei zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. In knapp 12 Wochen soll Merkel als Bundeskanzlerin abgelöst werden – so der Plan. Doch nach NRW muss die SPD erst einmal ihre Wunden lecken. Die Parteibasis, die Schulz im März noch mit 100% zum Vorsitzenden wählte, wirkt nun verunsichert. Ist die SPD am Ende in den falschen Zug gestiegen? Das SPD-Stammland ist nun erst einmal in der Hand der CDU. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, ehemals eine Hoffnungsträgerin der SPD, kündigte ihren Rücktritt an.

Auch bei René Schneider, SPD-Landtagsabgeordneter in NRW, hat der Wahlkampf deutliche Spuren hinterlassen. Schneider ist seit 2012 Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag, und führt nach eigenen Angaben seit 1997 Wahlkampf für die SPD. In einem Blog-Beitrag auf seiner Webseite beschreibt Schneider nun ausführlich, welche drei besonderen Beobachtungen er während des Wahlkampfes gemacht hat. Und wie sehr ihn diese Beobachtungen verändert haben. In drei Punkten erläutert er konkret, woran es seiner Meinung nach hapert:

1. "Der Infostand stirbt aus“

Die SPD baue nur noch rote Zelte auf Marktplätzen auf, weil man es von ihnen erwarte, schreibt Schneider. Die Aufmerksamkeit dort schwinde. Klüger sei es, Haustürbesuche zu machen und in persönliche Gespräche zu treten. Schneider schreibt:

Nicht nur quantitativ verbringe ich meine Zeit als Kandidat damit sehr viel sinnvoller. Auch qualitativ merke ich, dass der kurze Augenblick (im doppelten Wortsinne!) zwischen meinem Gegenüber und mir eine Vertrautheit schafft, die ich mit Kaffee und Kulis nur sehr viel schwerer hinbekomme.

2. "Ohne Online-Werbung geht es nicht" 

Schneiders zweiter Punkt bestätigt im Grunde genommen seinen ersten. Darin erläutert er, wie wichtig es sei, sich vor allem auch online für Wählerstimmen stark zu machen. Sein Wahlkampf-Video auf Facebook habe immerhin 25.000 Menschen erreicht. Auch Zeitungsannoncen empfinde er weiterhin als wichtiges Werbemittel.

Doch so richtig interessant wird es beim dritten Punkt:

3. "Wir verstehen uns nicht mehr"

Schneider schreibt: 

Über die vergangenen Wochen hat sich ein Gefühl in mir breit gemacht. Mir war manchmal, als gebe es da eine unsichtbare Schranke zwischen mir und den Menschen, denen ich auf Märkten und Plätzen begegnet bin.

Schneider gibt zu, dass Politiker in ihren

Filterblasen nicht mehr spüren, worum es dem anderen tatsächlich geht.

Die Berührungspunkte zwischen Politikern und Bürgern seien zunehmend verlorengegangen. Dazu erzählt Schneider von einem Schlüsselerlebnis während des Wahlkampfs:

Richtig bewusst geworden ist mir das bei der Veranstaltung eines Kollegen, bei der ich nur zu Gast war. Eine Diskussion in einer traditionellen Kneipe. Links der Tresen – vollbesetzt mit Pils trinkenden Männern – und rechterhand ein langer Tisch mit Desserttellern, die einen kleinen Imbiss versprachen. Dort das Volk, hier unsere Blase, die zum Thema "Länderfinanzausgleich" zusammen gekommen war. Vorgeblich eine Veranstaltung für alle, bei der sich aber von Beginn an eine Hälfte komplett ausgeschlossen fühlte, wie mir leider erst später bewusst wurde. "Ihr habt uns ja nicht mal an Euren Tisch gebeten", war die Kritik, die ich später am Abend beim Bezahlen meines Deckels hörte und die mich baff erstaunte. Denn mein Gefühl war, dass sich die Stammrunde wenig für uns interessierte, dass wir im Gegenteil den gemütlichen Feierabend störten,

schreibt Schneider. Die kommenden fünf Jahre wolle er dazu nutzen, aus seiner eigenen Blase herauszutreten und Menschen zu helfen mit dem, was er als Abgeordneter bewirken könne. Denn:

Für mich war dieser Abend ein Wendepunkt. Wir alle zusammen müssen wieder aufeinander zugehen. Wir müssen versuchen zu verstehen, warum jeder so fühlt und denkt wie er es tut. Dabei hilft einzig und allein das persönliche Gespräch.

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