Hat sich Franco A. erst bei der Bundeswehr radikalisiert? Rätsel um terrorverdächtigen Oberleutnant

Hat sich Franco A. erst bei der Bundeswehr radikalisiert? Rätsel um terrorverdächtigen Oberleutnant
Bundeswehrsoldaten 2015 während der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr.
Der unter Terror-Verdacht festgenommene Oberleutnant Franco A. stammt aus Offenbach. In der Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland wuchs er auf und ging zur Schule. Doch er fiel damals noch nicht durch eine rechtsextreme Gesinnung auf.

Die alte Schule von Franco A. in Offenbach trägt die Auszeichnung "Schule ohne Rassismus". Demokratieerziehung und die Auseinandersetzung mit Extremismus sind an der Integrierten Gesamtschule seit vielen Jahren ein Schwerpunkt, wie Direktorin Karin Marré-Harrak sagt. An ihren ehemaligen Schüler Franco A. erinnert sie sich nicht persönlich. Sie weiß aber von seinem langjährigen Klassenlehrer, dass er in seiner Zeit an der Schillerschule von 1999 bis 2005 keinerlei rechtsextreme oder ausländerfeindliche Gesinnung erkennen ließ.

Wir wundern uns auch",

sagt sie. Wann hat sich der 28-Jährige also radikalisiert?

Der mutmaßlich rechtsextreme Oberleutnant steht unter Terrorverdacht. Er soll laut Bundesanwaltschaft zusammen mit seinem Offenbacher Kumpel Mathias F. und dem am Dienstag festgenommenen Maximilian T. aus dem 30 Kilometer entfernten Seligenstadt einen Angriff auf das Leben hochrangiger Politiker und Personen des öffentlichen Lebens geplant haben, die sich in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten engagieren. Als Anschlagsopfer hätten die drei Männer unter anderem den früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) im Visier gehabt.

Keine Auffälligkeiten an der Schule

Die Lehrer von Franco A. aus Offenbach erinnern sich daran, dass er schon früh zur Bundeswehr wollte. Und:

Er war ein guter, leistungsstarker Schüler, der in die Oberstufe versetzt wurde",

sagte Marré-Harrak. Die gibt es an der Schillerschule nicht, Franco A. wechselte deshalb an ein Oberstufengymnasium ins benachbarte Frankfurt, an dem Schüler aus mehr als 50 Nationen lernen - in der Regel aber nur für drei Jahre. Integration, Toleranz, Kulturaustausch und der Dialog zwischen den Religionen werden an der Frankfurter Max-Beckmann-Schule ebenfalls seit vielen Jahren offenbar großgeschrieben.

Der Fall mache die Kollegen daher durchaus betroffen und beschäftige sie grundsätzlich, sagt Schulleiter Harald Stripp. Allerdings habe Franco A. die Schule bereits vor neun Jahren verlassen.

Das ist eine lange Zeit, in der sich Menschen weiterentwickeln und ihrem Leben eine Richtung geben können, die man als Pädagoge nur schwer voraussehen oder beeinflussen kann.

Franco A. ist in seiner multikulturellen Heimat Offenbach nicht besonders aufgefallen. "Er hat sich sehr unauffällig verhalten", berichtet Polizeisprecher Henry Faltin aus der Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland. Franco A. wuchs im Offenbacher Nordend auf - einem dicht besiedelten innerstädtischen Quartier mit zahlreichen Bewohnern nichtdeutscher Herkunft. Sein Vater soll dem Vernehmen nach Italiener sein.

A.s mutmaßlicher Komplize Mathias F. (24), der bis zu seiner Festnahme Ende April in Friedberg an der Technischen Hochschule Mittelhessen Wirtschaftsingenieurwesen studierte, sei der Polizei ebenfalls nicht bekannt gewesen.

Offenbach ist auch weiß Gott keine Metropole der Rechten, eher im Gegenteil",

sagt Faltin. Die Stadt mit ihren rund 130.000 Einwohnern machte in den vergangenen Jahren eher mit Salafisten Schlagzeilen. Trotzdem: Zwei der drei Beschuldigten stammen aus der Lederstadt, einer aus dem Kreis Offenbach. Der Verfassungsschutz stellt fest:

Von der Leyen kündigt grundlegende Veränderungen in der Truppe an

Auch wenn in einzelnen Ballungszentren begrenzte rechtsextremistische Strukturen existieren, ist für Hessen grundsätzlich festzustellen, dass der organisierte Rechtsextremismus in ländlichen Regionen stärker ausgeprägt ist.

Eine Ausnahme sei beispielsweise die rechtsextremistische Identitäre Bewegung.

Die Identitäre Bewegung versucht, sich vorwiegend in einem städtisch und eher studentisch geprägten Umfeld zu etablieren",

sagt der Sprecher des Landesamts für Verfassungsschutz, Marcus Gerngroß.

Zum Fall Franco A. und seinen beiden mutmaßlichen hessischen Komplizen äußert sich die Behörde mit Blick auf die laufenden Ermittlungen in Karlsruhe nicht. Die Verfassungsschützer stellen aber allgemein fest, dass einzelne Rechtsextremisten an überregionalen Aktionen der Szene teilnehmen, ohne an ihren Wohnorten öffentlich mit verfassungsfeindlichen Aktionen in Erscheinung zu treten.

Mögliche Mitverschwörer im Ruderverein kennengelernt

Zumindest die beiden verdächtigen Offenbacher Franco A. und der vier Jahre jüngere Mathias F. sollen sich vom Rudern kennen. Franco A. war nach bisherigen Kenntnissen mit der Schwester von Maximilian T. liiert. Fiel Francos Gesinnung wenigstens beim Sport auf? Im Offenbacher Ruderverein 1874 dazu kein Wort. Der Vorsitzende Konrad Eberl begründet dies mit dem Datenschutz.

Ein früherer Trainer beschreibt jedoch Franco A. in der FAZ als "ehrgeizig, korrekt und offen". Eine extreme Gesinnung sei "überhaupt nicht aufgefallen". Er habe erfolgreich trainiert und sei sogar mehrfach Hessenmeister gewesen. Nach dem Abitur habe er mit dem Rudern aufgehört und der Kontakt habe sich verloren, nachdem Franco A. zur Bundeswehr gegangen wäre.

Im Zuge der voranschreitenden Ermittlungen gerät auch zunehmend der Militärische Abschirmdienst (MAD) in den Fokus. Bei der Sicherheitsüberprüfung von Franco A. durch den MAD der Bundeswehr kam es offenbar zu einer Panne. Wie die Zeitschrift Stern in ihrer am Donnerstag erscheinenden Ausgabe berichtet, wurde eine bereits vor über einem Jahr beantragte, abermalige Sicherheitsüberprüfung A.s durch den MAD nicht ordnungsgemäß abgeschlossen.

Für erweiterte Sicherheitsüberprüfung vorgesehen

Laut der offiziellen Chronik des Verteidigungsministeriums wurde der MAD bereits Ende Februar 2016 darüber informiert, dass Franco A. künftig am elsässischen Standort Illkirch "in sicherheitsempfindlicher Tätigkeit der Stufe Ü2-VS" eingesetzt sei. Für diese bedarf es einer erweiterten Sicherheitsüberprüfung, bei der zusätzliche Anfragen an Polizeidienststellen der bisherigen Wohnsitze des Betroffenen gestellt werden. Die Identität wird abermals geprüft.

Der zu Überprüfende muss zustimmen. Franco A.s Vorgesetzter stellte beim militärischen Geheimdienst offenbar den Antrag. Nach Informationen des Stern fiel jedoch nicht auf, dass Franco A. dem MAD erst im November 2016 seine Einverständniserklärung übermittelte.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte dem Stern, der Vorgang sei "noch nicht ausermittelt". Zunächst solle der am heutigen Mittwoch tagende Verteidigungsausschuss über die Sache informiert werden. Dort wird heute Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) aussagen.