Analyse: Schulz-Effekt endgültig verpufft - vier Monate vor deutscher Bundestagswahl

Analyse: Schulz-Effekt endgültig verpufft - vier Monate vor deutscher Bundestagswahl
Geht ihm schon die Puste aus? Der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz hat nach zwei verlorenen Wahl viel Grund zum Grübeln.
Ein neuer Wind weht zwischen Nord- und Ostsee: Merkels Partei holt aus der Opposition heraus die Mehrheit, ein bisher weitgehend unbekannter CDU-Politiker könnte neuer Ministerpräsident werden. Für Martin Schulz und die SPD brechen schwere Zeiten an.

Die Christdemokraten von Bundeskanzlerin Angela Merkel haben die Landtagswahl im norddeutschen Bundesland Schleswig-Holstein gewonnen. Die „Küstenkoalition“ aus SPD, Grünen und Dänenpartei wurde abgewählt. Es zeichnet sich nun eine schwierige Regierungsbildung ab.

Nach den Hochrechnungen von ARD und ZDF holte die CDU bei der Wahl am Sonntag 33,3 Prozent. Die SPD fiel zurück auf 26,5 Prozent. Das ist ihr zweitschlechtestes Landtagswahl-Ergebnis in diesem Bundesland.

Dahinter folgen die Grünen mit 12,9 bis 13,0, die FDP mit 10,8 bis 11,2 und die AfD mit 5,5 bis 5,9 Prozent. Die Linke verpasst demnach mit 3,3 bis 3,4 Prozent den Einzug in den Landtag. Die bislang darin vertretene Piratenpartei fliegt raus.

Der SSW kommt auf 3,2 bis 3,5 Prozent. Als Vertretung der dänischen und friesischen Minderheit ist er von der Fünf-Prozent-Hürde befreit.

Die CDU mit Spitzenkandidat Daniel Günther holt im neuen Landtag 25 Sitze und die SPD 19 bis 20. Die Grünen erringen 9 bis 10 Mandate, die FDP 8, die AfD 4 und der SSW 3.

Die Anhänger von Daniel Günther (CDU) freuen sich über den überraschend deutlichen Sieg.

Das Ergebnis ist ein Rückschlag für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der bei der Bundestagswahl am 24. September Merkel herausfordern wird. Nach seiner Nominierung Ende Januar hatten die Sozialdemokraten einen Höhenflug in den Meinungsumfragen verzeichnet, der nach einigen Wochen aber wieder abflaute.

Das ist etwas, was unter die Haut geht und was uns traurig macht. Wir hatten alle mit einem besseren Ergebnis gerechnet,

sagte Schulz am Abend.

Das ist heute ein bitterer Tag für die Sozialdemokratie, ein bitterer Tag für die Regierung, ein bitterer Tag für mich,

sagte Ministerpräsident Torsten Albig, der das nördlichste deutsche Bundesland seit fünf Jahren regiert hat.

Dagegen sind die Zahlen Rückenwind für Merkel, die im September für eine vierte Amtszeit als deutsche Regierungschefin kämpft. Während ihrer bisherigen elfeinhalb Kanzlerjahre hatte die CDU sechs Ministerpräsidenten-Posten verloren und keinen einzigen neu hinzugewonnen.

Die Wahlbeteiligung stieg im Vergleich zu 2012 laut ZDF um 5,3 Punkte auf 65,5 Prozent. Auch schon bei allen anderen Landtagswahlen seit Anfang 2016 war eine höhere Partizipation verzeichnet worden. Als ein Grund gilt das Aufkommen der AfD, die zunächst Nichtwähler für sich mobilisierte, dann aber auch Gegenkräfte in Bewegung setzte.

Nach der Sitzverteilung vom Sonntagabend bräuchte die CDU neben der FDP eine der bisherigen Regierungsparteien für eine Mehrheit im Parlament. Der erst 43-jährige und bisher über sein Heimatland hinaus unbekannte Günther könnte dann zum ersten CDU-Politiker seit zwölf Jahren werden, der aus der Opposition heraus Ministerpräsident würde.

Ist der angebliche Schulz-Effekt nun endgültig vorbei?

Rechnerisch möglich wäre jetzt eine „Jamaika-Koalition“ (nach den Parteifarben Schwarz, Gelb und Grün) aus CDU, FDP und Grünen. Albig könnte theoretisch in einer „Ampel-Koalition“ aus SPD, FDP und Grünen (Rot-Gelb-Grün) weiterregieren, doch dürfte die FDP dazu nicht bereit sein. Auch eine große Koalition aus CDU und SPD (Schwarz-Rot) ist denkbar. Der SSW erklärte am Abend, nach dem Scheitern der „Küstenkoalition“ auf jeden Fall in die Opposition zu gehen.

Die AfD ist nun in 12 von 16 Landtagen vertreten. Allerdings schnitt die Partei deutlich schlechter ab als noch vor einem Jahr, als sie bei allen Landtagswahlen zweistellige Ergebnisse einfuhr und in Sachsen-Anhalt sogar 24,2 Prozent holte.

Zur Wahl aufgerufen waren in Schleswig-Holstein rund 2,3 Millionen Bürger. Erstmals durften auch 16-Jährige daran teilnehmen.

Am nächsten Sonntag stehen in Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen an. Im bevölkerungsreichsten Bundesland lebt rund ein Viertel aller deutschen Wahlberechtigten. Dort zeichnete sich in den Umfragen zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der regierenden SPD und der oppositionellen CDU ab.

Wir kämpfen um Platz 1,

sagte NRW-CDU-Chef und Spitzenkandidat Armin Laschet am Sonntag.

Dieser starke Rückenwind aus dem Norden befeuert uns, noch einmal alles zu geben, damit der Wechsel auch in Nordrhein-Westfalen gelingt.

(rt deutsch/dpa)