Die Nazi-Last der Bundeswehr: Wie Hitler-Generäle die "neue Wehrmacht" erschufen

Die Nazi-Last der Bundeswehr: Wie Hitler-Generäle die "neue Wehrmacht" erschufen
Adolf Hitler mit dem späteren Generalinspekteur des Bundeswehr, Adolf Heusinger (1.v.l.), im Jahr 1942.
Der Fall des mutmaßlich rechtsterroristischen Offiziers Franco A. hat eine öffentliche Debatte ausgelöst. In den vergangenen Jahrzehnten gab es eine Reihe ähnlicher Fälle. Jedoch ist auch die Gründung der Bundeswehr von braunen Verwicklungen überschattet.

Der Fall des mutmaßlich rechtsextremistischen, terrorverdächtigen Bundeswehrsoldaten Franco A. reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Vorfällen in der so genannten Parlamentsarmee. Politiker und Medien empören sich darüber, dass Extremisten in der Armee Fuß fassen können. Jedoch ignorieren sie oft genug in diesem Zusammenhang, dass auch die Anfänge der Bundeswehr von nationalsozialistischen Altlasten überschattet sind.

Antikommunismus als Lebensversicherung belasteter Alt-Eliten

Zunächst war gar nicht vorgesehen, die Bundesrepublik wieder zu bewaffnen. Von Deutschland aus, darin waren sich die Menschen Ost- wie Westdeutschland einig, sollte nie mehr Krieg ausgehen. Schnell jedoch überwogen die realpolitischen Interessen der Eliten, sowohl der westlichen Siegerstaaten als auch jener der neu gegründeten Bundesrepublik. Es drohte die Gefahr des russischen Kommunismus – dieselbe "rote Pest", von der einst die Nazis schwafelten. Dagegen vereinigten sich die einstigen Sieger und Besiegten, was nicht wenigen früheren Aktivposten der braunen Diktatur durchaus zupass kam, da der Verfolgungsdruck auf diese dadurch drastisch zurückging.

Symbolbild

Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nutzte die Gunst der Stunde und vereinbarte mit den westlichen Alliierten eine weitgehende Wiedererlangung der Souveränität der Bundesrepublik im Austausch für die Bereitstellung westdeutscher Truppenverbände an die NATO. Im Jahr 1955 gründete die Bundesregierung formell die Bundeswehr. Noch im gleichen Jahr trat die BRD der NATO bei. Bei der feierlichen Ernennung der ersten Offiziere sprach der Bundesverteidigungsminister Theodor Blank noch von einer "neuen Wehrmacht".

Heusinger federführend im erbarmungslosen Partisanenkrieg an der Ostfront

Die überwiegende Mehrheit der neuen Bundeswehroffiziere hatte bereits früher in der Wehrmacht des NS-Staates gedient. Mehrere Hundert waren sogar Waffen-SS-Kader gewesen. Adolf Heusinger, der erste Generalinspekteur der Bundeswehr, war während des Ersten Weltkrieges im Jahr 1915 freiwillig in das Heer des Deutschen Kaiserreiches eingetreten. Anschließend diente er sowohl in der Reichswehr der Weimarer Republik als auch in der Wehrmacht des Nazi-Regimes.

Er beteiligte sich an den strategischen Planungen der Wehrmachts-Operationen gegen die Sowjetunion an der Ostfront. Ab 1942 war Heusinger für die so genannte Partisanenbekämpfung in den von der Wehrmacht kontrollierten Gebieten zuständig. In diesem Zusammenhang verwüsteten Wehrmachtsteile und SS-Verbände weite Landesteile. Deutsche Soldaten töteten wahllos Zivilisten und erleichterten die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den von Hitlerdeutschland eroberten Gebieten. Bis zum Kriegsende diente Heusinger in der Wehrmacht.

Geheimes Terrornetzwerk innerhalb der Bundeswehr? Franco A. war wohl kein Einzeltäter.

Die sowjetischen Justizbehörden hatten im Jahr 1950 den späteren zweiten Generalinspekteur der Bundeswehr, Friedrich Foertsch, in diesem Zusammenhang wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Truppen unter seinem Kommando hatten, so die sowjetischen Ankläger

die Städte Pskow, Nowgorod und Leningrad zerstört und historische Kunstdenkmäler in den Städten Gatschina, Peterhof, Pawlowsk und Puschkin vernichtet.

Heinz Trettner, dritter Generalinspekteur der Bundeswehr, war noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieg Staffelkapitän der Legion Condor, einer deutschen Fliegereinheit, die während des Spanischen Bürgerkrieges in den 1930er Jahren den falangistischen Putschgeneral Franco gegen die demokratisch gewählte Regierung unterstützte.

Adenauer schrieb im Oktober 1955 an einen FDP-Abgeordneten und ehemaligen General:

Ich weiß schon längst, dass die Soldaten der Waffen-SS anständige Leute waren. Aber solange wir nicht die Souveränität besitzen, geben die Sieger in dieser Frage allein den Ausschlag, so dass wir keine Handhabe besitzen, eine Rehabilitierung zu verlangen... Machen Sie einmal den Leuten deutlich, dass die Waffen-SS keine Juden erschossen hat, sondern als hervorragende Soldaten von den Sowjets gefürchtet war...

Der angeblichen Parlamentsarmee, bestehend aus "Bürger in Uniform", standen also lange Zeit Personen vor, die Mitglieder einer Organisation waren, die während des Zweiten Weltkrieges Instrument der Aggressions- und Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen Staates und in zahlreiche Kriegsverbrechen involviert war.