Probleme beim Fake-Check: Mainstream-Journalisten mit rabiaten Abwehrreflexen

Probleme beim Fake-Check: Mainstream-Journalisten mit rabiaten Abwehrreflexen
Keine westlichen Kameras in Sicht: Der syrische UN-Botschafter Bashar al Jaafari auf einer Pressekonferenz in Genf, 31. Januar 2016.
Die ARD schirmt sich beharrlich gegen Informationen ab, die das Weltbild der zuständigen Redakteure ins Wanken bringen könnten. Auf Hinweise von außen reagieren die gut bezahlten Gatekeeper zunehmend rabiat. Jüngst lief sogar ein Rundfunkrat verbal Amok.

Journalisten sind bekanntlich die Experten für alles und nichts. Ihr Job besteht darin, sich auf Informationen von anderen zu verlassen - den Experten, den Agenturen und nicht zuletzt aus dem Publikum. Denn dort finden sich vielfach kompetente Personen, die eine Angelegenheit sehr viel besser einschätzen können als professionelle Kommunikatoren. Leider kollidiert diese Anforderung häufig mit dem Selbstbild von Journalisten, die oftmals verkennen, dass sie sich nicht überall auskennen können. 

Der ehemalige Tagesschau-Redakteur Volker Bräutigam im Gespräch mit RT Deutsch Redakteur Kani Tuyala

Zu den Anforderungen des alten Mediensystems gehörte es, dass Journalisten die Aura des Allwissenden verbreiten. So können sie ihre Autorität selbst in Angelegenheiten geltend machen, von denen sie keinen blassen Schimmer haben. Wie hartnäckig und gefährlich diese Berufseinstellung sein kann, demonstrieren dieser Tage erneut die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und wieder geht es um Syrien, wo selbst die Experten vor Ort Probleme haben, den Überblick über unzählige Söldnerformationen und Geheimdienste zu behalten, die dort am Boden ihr Unwesen treiben.

Von deutschen Alpha-Journalisten wird hingegen erwartet, dass sie auch zu diesem Konflikt eine klare Meinung haben, die zwar meist faktenfrei daherkommt, aber umso energischer verteidigt wird. Ausgerechnet die Instrumente der Gegenrecherche und Kontrolle erweisen sich schnell als Plattform für lächerliche Rechthaberei. In dieser Woche demonstrierten dies der so genannte Fakten-Check der Tagesschau und der Rundfunkrat Gerhard Bronner beim Südwestrundfunk (SWR). 

Die erste Anregung betraf den kuriosen Umstand, dass Spiegel Online Lügenpropaganda verbreitete, indem Russland unterstellt wurde, Lügenpropaganda zu verbreiteten. Die Nachdenkseiten brachten es auf einen schönen Titel, in dem es hieß, das Magazin würde selbst Fake-News über eine angebliche russische Fake-News-Kampagne in Umlauf bringen. Pünktlich vor der Münchner Sicherheitskonferenz hatte Matthias Gebauer von einer einzelnen E-Mail in Litauen berichtet, die - an vier Empfänger adressiert - wohl falsche Behauptungen über einen Vergewaltigungsfall enthielt. 

"Nähe zu Rechten" - die Keule für alle Lebenslagen

Ohne dass russische Medien sich überhaupt um die Angelegenheit gekümmert hätten oder irgendwelche belastbaren Hinweise vorlagen, wer diese E-Mail mit welcher Absicht verschickt hatte, machte Spiegel-Redakteur Gebauer daraus eine russische Propaganda-Operation im hybriden Krieg. Selbst die Bundeskanzlerin griff diesen Blödsinn in ihrer Münchner Rede auf und alle Mainstream-Kollegen hechelten der scheinbar brisanten Enthüllung hinterher.

Symbolbild

Wochen später erinnerten nun die Nachdenkseiten an die peinliche Propaganda-Ente von Spiegel Online und regten an, dass dies doch ein schönes Thema für den ARD-Faktenfinder sei. Mangels anderer Themen griffen die dortigen Kollegen den Vorschlag umgehend auf. Weil sie allerdings keinerlei zusätzliche Fakten finden konnten, erging sich das öffentlich-rechtliche Checker-Team in Beschimpfungen gegen die Nachdenkseiten. Die Seite habe laut ARD "keine Berührungsängste mit rechten Personen und Positionen und Verschwörungstheorien". Natürlich müsste bei den linken Sozialdemokraten um Albrecht Müller sehr lange recherchiert werden, um auch nur einen einzigen positiven Bezug auf "rechte Personen" zu finden. Aber man kann es ja mal in den Raum stellen.  

Immerhin mussten die Faktenfinder noch einräumen, dass Matthias Gebauer, wie bei Auslandsberichterstattern des Mainstreams üblich, mal wieder als Pressesprecher der NATO fungiert hatte. Dass allerdings Spiegel Online Propaganda betreibt, indem ein dubioser Vorgang haltlos übertrieben und aufgebauscht wurde, das wollten die Faktenfinder dann doch nicht anerkennen. Ein Faktum konnten sie immerhin beitragen: Die Ermittlungen der litauischen Behörden dazu, wer die E-Mail mit den falschen Behauptungen verbreitet hat, dauern noch an.

Ein schlichtes Weltbild, mit Schaum vor dem Mund verteidigt

Wem allerdings die rechte Ecke und angeblich nicht legitime Theorien über Verschwörungen noch nicht hart genug sind, der muss in dieser Woche lesen, wie Rundfunkrat Gerhard Bronner auf Kritik reagiert. Er beantwortete namens des SWR eine der zahlreichen Programmbeschwerden von den ehemaligen ARD-Redakteuren Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer - wie üblich abschlägig.

Die beiden Ex-Journalisten hatten darauf hingewiesen, dass die ARD-Berichterstattung über den Krieg in Syrien ausschließlich die westliche Seite zu Wort kommen lässt. Allerdings holte Gerhard Bronner etwas weiter aus, und beschimpfte die Antragsteller als "Fürsprecher von Kriegstreibern und Massenmördern". Deren "Rechenkünste" würden an "Holocaustleugner" erinnern.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite während eines Besuchs bei deutschen Truppen in Rukla, 7. Februar 2017.

Vermutlich hätten Sie auch Journalisten verleumdet, die kritisch über die Reichspogromnacht oder die Morde in Srebrenica berichtet haben.

Seinen Blick auf das medienkritische Spektrum umriss der promovierte Herr Gerhard Bronner mit "AfD, Altkommunisten, Neunationalisten, Reflex-Antiamerikanisten, Verschwörungstheoretiker". Andere Menschen scheinen seiner Ansicht nach nicht in der Lage zu sein, eine substantiierte Publikumsbeschwerde einzureichen. Das Mitglied im Rundfunkrat, eigentlich dazu bestimmt, sich mit Publikumsbeschwerden zu befassen, schloss mit dem Hinweis:

Belästigen Sie künftig nicht mehr Sender, ihre Gremien und Personen, die ihre Zeit produktiver verbringen könnten. Toben Sie sich woanders aus. Und erwägen Sie auch therapeutische Hilfe.

Der eigentliche Anlass für den erkennbaren Unmut: Gerhard Bronner hatte offenbar nicht mitbekommen, dass der Syrienkonflikt massiv von außen angefeuert worden war. Er hatte sichtlich verpasst, was die New York Times, die Washington Post, das Wall Street Journal und andere darüber berichtet hatten, nämlich dass amerikanische und saudische Geheimdienste seit dem Jahr 2012 hunderttausende Tonnen Waffen in das Land gebracht hatten, um damit dschihadistische Söldnerbanden auszurüsten. Diese Umtriebe liefen größtenteils unter dem Dach der Operation "Timber Sycamore".

Seiner Ansicht nach begann der Syrienkonflikt, weil ein blutiger Diktator unschuldige Kinder ermorden ließ. Dass er an dieser einfachen Lesart keinerlei Zweifel hat und mit möglicherweise komplexeren Einschätzungen der Weltlage nicht belästigt werden möchte, das hat er mit seinem Antwortschreiben deutlich gemacht.