Wie die Morgenpost Netanjahu als durchgeknallten Führer betitelte aber ganz schnell zur Raison kam

Wie die Morgenpost Netanjahu als durchgeknallten Führer betitelte aber ganz schnell zur Raison kam
Die Hamburger Morgenpost ist wieder auf Linie...
Der Hamburger Morgenpost unterlief ein kleiner Fehler bei ihrer außenpolitischen Positionierung. Der konnte aber mit externer Hilfe aus Tel Aviv und der israelischen Botschaft in Berlin umgehend korrigiert werden.

von Florian Osrainik

Der Favorit auf den Titel „durchgeknallteste Zeitung Deutschlands“ dürfte wohl unbestritten, jedenfalls nach öffentlichen Rügen durch den Deutschen Presserat, das Axel-Springer-Vorzeigeprodukt Bild-Zeitung sein. Auf einem der ersten sieben Plätze könnte aber durchaus auch die Hamburger Morgenpost (MOPO) landen, unterscheiden sich die Boulevardblätter doch vom Grundsatz her kaum. Dabei würde sich zum Beispiel eine kritische Berichterstattung über westliche Außenpolitik, etwa über die zahlreichen Verstöße gegen das Völkerrecht, zur inhaltlichen Unterscheidung im bilderreichen Blätterwald gut eignen. Bei der MOPO war man dann auch mal bereit, etwas Neues auszuprobieren, zumindest für ein paar Stunden.

Unter dem Titel „Die sieben durchgeknalltesten Führer der Welt“ stellte das Hamburger Boulevardblatt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in der Ausgabe vom 10. März 2017 in eine Reihe mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un oder Syriens Baschar al-Assad. Natürlich durfte auch Wladimir Putin aus Russland oder Ajatollah Chamenei aus dem Iran nicht fehlen. Rodrigo Duterte von den Philippinen und Robert Mugabe aus Zimbabwe folgten auf den Plätzen. Die MOPO warf Netanjahu vor, den Siedlungsbau voranzutreiben, seine „palästinensischen Nachbarn“ damit zu provozieren und einen Luftschlag gegen iranische Nuklearanlagen gefordert zu haben. Eine Position, die man schließlich auch im UN-Sicherheitsrat so oder so ähnlich vertritt.

Was aber bei den Vereinten Nationen für Ärger und einen späteren Rücktritt von Rima Chalaf sorgte, offene Kritik an Israel, sollte sich auch für die MOPO als ein Fehlgriff herausstellen. Als solchen erkannte ihn jedenfalls das israelische Außenministerium umgehend und die israelische Botschaft in Berlin beschwerte sich bei der Bundesregierung über diesen „anti-semitischen“ Akt. Nur einen Tag später erkannten dann auch die Spezialisten für bunte Druckerzeugnisse bei der MOPO ihr Missgeschick. Man fand plötzlich, dass es falsch war, Netanjahu auf die Liste der „durchgeknalltesten Führer der Welt“ zu setzen und entschuldigte sich unverzüglich und zeitgemäß via Kurznachrichtendienst.

Zeichnung eines Kindes, in den palästinensischen Autonomiegebieten

Warum Netanjahu wieder aus der Liste gestrichen wurde, wo Antisemitismus und Pressefreiheit in der MOPO-Redaktion anfangen und enden oder ob man auch von anderen diplomatischen Stellen kontaktiert wurde, bleibt unklar. Auch auf die Fragen, ab wann ein Raketentest, wie etwa jene von Nordkorea oder dem Iran, eine Provokation sei, welche Beweise der MOPO für den erwähnten persönlichen Befehl Putins zum Einmarsch russischer Soldaten in der Ukraine vorliegen, wie man das Referendum auf der Krim bewertet, ab wann das Entsenden von Soldaten in den Nahen Osten als gut und wann als schlecht gilt, was außergerichtliche Drohnenmorde unter Donald Trump von außergerichtlichen Hinrichtungen unter Duterte unterscheiden, wieso keine Monarchen in der Liste auftauchten, ob auch die Methoden von Plutokraten wie Petro Poroschenko zu „dubiosen Mitteln“ der Macht zählen oder welchen Platz der übergangene Salman ibn Abd al-Aziz belegt, wollte das Blatt der DuMont Mediengruppe auf zweimaliges Nachfragen nicht verraten.

Die Grenzen der Pressefreiheit und Israelkritik lässt sich die MOPO also von außen ziehen. Da können es Regierungschefs wie Netanjahu und Trump, auch wenn sie noch so hohe Mauern bauen, mit Drohnen bomben und Menschen ausspionieren lassen oder Autokraten, wie das saudische Oberhaupt, auch noch so viele Köpfe rollen, Frauen steinigen und Haussklaven halten lassen, es unendlich schwer haben, auf eine so durchgeknallte Liste des deutschen Boulevards zu kommen. Sie schaffen es nicht einmal dann, wenn sie sich zusammentun und Krankenhäuser, Schulen oder Marktplätze samt Menschen in Schutt und Asche legen lassen.

 

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