Anschlag in Russland: Tendenziöse Betroffenheitspolitik des Berliner Senats sorgt für Unverständnis

Blumen vor der Botschaft in Sank-Petersburg
Blumen vor der russischen Botschaft Unter den Linden in Berlin im Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in der Sankt Petersburger Metro am Tag nach dem Attentat vom 3. April 2017.
Seit geraumer Zeit ist es angesagt, nach Terroranschlägen die jeweiligen Wahrzeichen mit den Landesfarben der davon betroffenen Ländern zu beleuchten. Es stellt sich nur die Frage, welcher Opfer aus welchem Land gedacht werden darf und welcher nicht.

von Wladislaw Sankin

Irgendwann war es auch für sie zu viel: Selbst Journalisten, deren Zeitungen bereitwillig Kommentare über vermeintliche russische Annexionen, Aggressionen und gar Kriegsverbrechen schreiben, schüttelten reihum ihre Köpfe. Die dpa-basierte Meldung ging durch alle deutsche Medien.

Der blutigste Terrorakt war die Geiselnahme von Beslan. Terroristen brachten über tausend Menschen - Schüler, Eltern und Lehrer - am 1. September 2004, dem Tag des Wissens, in ihre Gewalt. Bei der Erstürmung kamen 334 Menschen um. Hier: Gedenkaktion in der Turnhalle, wo die meisten Menschen starben.

Und sie war vielsagend. Im Wortlaut hieß es:

Nach dem Anschlag in der U-Bahn von St. Petersburg sollte das Brandenburger Tor am Montagabend nicht in den russischen Nationalfarben angestrahlt werden. Das sagte ein Senatssprecher der Deutschen Presse-Agentur. St. Petersburg sei keine Partnerstadt von Berlin, hieß es zur Begründung. Davon solle nur in Ausnahmefällen abgewichen werden.

Nach Anschlägen wie etwa in Paris, Brüssel, London, Istanbul (Partnerstädte von Berlin), Nizza und Jerusalem war das Berliner Wahrzeichen in Solidarität mit den Betroffenen in den Nationalfarben der jeweiligen Länder angestrahlt worden.

Nach dem Massaker eines islamistischen Attentäters in einem Schwulen-Club in Orlando in Florida mit rund 50 Toten im vergangenen Sommer war das Brandenburger Tor in die Regenbogenfarben der Schwulenbewegung getaucht.

Der Berliner Senat ist also nur bereit, Geld für den teuren Strom, den eine solche Geste verbraucht, auszugeben, wenn es um die "Partnerstädte" geht. Sankt-Petersburg ist nicht unter diesen. Einer der zitierten Ausnahmefälle ist bei 14 Toten und 49 Verletzten auch nicht eingetroffen. Selbst der Tagesspiegel schreibt über eine "Zwei-Klassen-Betroffenheit" und schlägt vor, auf diese sonst inflationär gewordene Art der Anteilnahme ganz zu verzichten.

Die Leser des Tagesspiegels wiederum schreiben von Scham für ihre Stadt. Die Entscheidung sei ein unfreundlicher Hinweis auf eine bewusste Abgrenzung und Geringschätzung Russlands. 

Aber steht der Berliner Senat allein da? Auch in anderen Ländern, mit Ausnahme Israels, leuchteten keine Farben Russlands am Abend des Anschlags. Als am 30. November ein russisches Flugzeug aus Sankt Petersburg infolge einer Bombe abstürzte und 225 Menschen, darunter 25 Kinder, starben, gab es auch nur in Ägypten Lichtkondolenzen. Auf Städtepartnerschaft kommt es also offenbar nicht an.

Auch ein offizielles Facebook-Avatar, so wie es im Falle des Bataklan-Anschlages in Paris der Fall war, gab es für die Russen nicht. Ist diese zur Schau gestellte Betroffenheit am Ende gar bloß Werbung für eigene Wahrzeichen und die eigene "Güte", geschminkt mit gespielter Solidarität?

Jeden Tag sterben Menschen infolge Terrors. Bleibt man konsequent, müssten das Brandenburger Tor, der Eiffelturm oder Westminster täglich in die Farben Syriens, des Iraks, Afghanistans, Pakistans usw. eingehüllt sein. Passiert das nicht, ist die ganze Betroffenheit nur noch Heuchelei.

Die ganze Betroffenheitsgeografie und sprachliche Feinmechanik der je nach Entfernung von "unseren Werten" dosierten Kondolenzen offenbaren, dass die so genannte Wertegemeinschaft immer noch in der mentalen Welt des Mittelalters lebt. Nur dass statt Ungeheuern und Fabelwesen, die außerhalb der damals bekannten Hemisphäre ihr Unwesen trieben, jetzt die Staaten der "dritten Welt" im Abseits der Wahrnehmung ihr Dasein fristen.

Packt man die Ursache des Terrors an ihren Wurzeln, nämlich in der diesem zugrundeliegenden Gedankenwelt, dann merkt man schnell, dass dieser mit mittelalterlicher Brutalität gegen die ebenso mittelalterliche Ausgrenzung aufbegehrt. Wir stecken alle noch im Mittelalter.

Blumen vor der Russischen Botschaft. Auf dem Zettel steht: "Ich bin mit dir, mein Piter. So etwas darf nie wieder passieren."

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