Twitter-Schlammschlacht nach BILD-Kritik: Julian Reichelt attackiert investigative Journalistin

Twitter-Schlammschlacht nach BILD-Kritik: Julian Reichelt attackiert investigative Journalistin
Wrackteile der abgestürzten Germanwings-Maschine in den französischen Alpen.
Weil sie im Zusammenhang mit dem Germanwings-Unglück den Narrativ vom "wahnsinnigen Amok-Piloten" hinterfragt, attackiert BILD-Chef Julian Reichelt die Journalistin Petra Sorge auf Twitter. Zwei Jahre nach der Tragödie bleibt die Unglücksursache weiter ungeklärt.

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem der Absturz der Germanwings-Flugs 4U9525 in den französischen Alpen 150 Menschen in den Tod riss und zu einem medialen Gewitter führte. Das Boulevardblatt BILD witterte die ganz große Story und erklärte den Kopiloten der Maschine, Andreas Lubitz, frühzeitig zum Schuldigen. Dieser habe den Absturz absichtlich herbeigeführt, so der Narrativ des Springer-Mediums. Kameras fanden sich vor Lubnitz' Wohnhaus positioniert, Sensations-Reporter berichteten über das Grab des vermeintlichen Todespiloten und natürlich wurde – ähnlich wie in Heinrich Bölls Werk "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" – das soziale Umfeld des jungen Mannes ausgeleuchtet und bruchstückhaft in die BILD-Erzählung eingepflegt.

In weiterer Folge konzentrierten sich auch die Ermittlungsergebnisse auf die These, Lubitz habe an Depressionen gelitten und sich sowie die Passagiere der Maschine absichtlich in den Tod gerissen.

Den zweiten Jahrestag der Tragödie nahm die Journalistin Petra Sorge nunmehr zum Anlass, den Fall noch einmal in detaillierter Weise zu recherchieren. Die Journalistin traf sich zu diesem Zweck auch mit Günter Lubitz, dem Vater von Andreas. Dieser hatte mit seiner Frau zuvor eine Pressekonferenz gegeben. Auf dieser stellten die Familienmitglieder ein Gutachten vor, welches die offiziellen Ermittlungsergebnisse anzweifelt.

Es gab ganz offensichtlich Dinge, die man gar nicht erst ermittelt hat, vielleicht, weil man sie nicht ermitteln wollte", kommentierte Günter Lubitz und erklärte, sein Sohn habe zum Zeitpunkt des Absturzes nicht unter Depressionen gelitten.

In ihrer Unvoreingenommenheit kritisierte Sorge auch die BILD-Berichterstattung. Genau jenes Puzzlestück, welches das Boulevardblatt nutzte, um Lubitz medial zum Wahnsinnigen abzustempeln, stellte sich auf Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft hin als nicht haltbar heraus.

Das Kratzen an der "Wahrheit" von BILD, die den Kopiloten Andreas Lubitz posthum als eine Mischung aus Charles Manson und Mohamed Atta zeichnete, führte so auch zu einer weiteren Social-Media-Entgleisung BILD online-Chefredakteurs und frisch gebackenen Vorsitzenden der BILD-Chefredaktionen, Julian Reichelt.

Zunächst echauffierte dieser sich über Petra Sorges Mühe der Recherche, um Aussagen auch im Indikativ treffen zu können, anstatt bloße Vermutungen weiterzureichen:

Seinem Tweet hängte Reichelt nicht nur einen persönlichen E-Mail-Verkehr zwischen Petra Sorge und der BILD-Redaktion an, sondern veröffentlichte auch eine E-Mail von Sorge, die diese an den Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa geschrieben hatte. Kumpa leitet die Ermittlungen im Fall Lubitz. Wenig überraschend reagierte Sorge empört auf Reichelts Tweet und prangert "massive Indiskretion" an.

Und in der Tat: Wie Reichelt überhaupt an den persönlichen Schriftverkehr zwischen Sorge und Kumpa kam, bleibt ungeklärt. Des Weiteren ist es weit mehr als nur schlechter Stil, persönliche E-Mails Dritter zu veröffentlichen. Mit Journalismus hat ein solches Vorgehen jedenfalls nicht mehr das Geringste zu tun. Petra Sorge nutzte diese Fehlverhalten um implizit darauf hinzuweisen, dass Reichelt eine Kampagne gegen sie führe, um von eigenen Fake News abzulenken:

Es folgte eine Auseinandersetzung – ebenfalls auf Twitter – zwischen dem Mitglied der Zeit-Chefredaktion Holger Stark und Julian Reichelt:

Damit ist die schmutzige Medienposse, die keinen der Beteiligten sonderlich gut aussehen lässt, längst nicht beendet. Doch auch einen positiven Aspekt hat die digitale Schlammschlacht: Zumindest die offenen Fragen zum Germanwings-Absturz stehen zwei Jahre nach dem Unglück erneut auf der medialen Agenda.