"Despot vom Bosporus": Wie deutsche Politiker auf Erdoğans Nazi-Vergleich reagieren

"Despot vom Bosporus": Wie deutsche Politiker auf Erdoğans Nazi-Vergleich reagieren
Erdoğan erntete heftige Kritik für seinen Nazi-Vergleich. Die Reaktion der Bundesregierung war dagegen verhältnismäßig mild.
Erdoğans Vergleich der erzwungenen Absage von Wahlkampfauftritten türkischer Minister mit vermeintlichen Nazi-Praktiken hat die deutsche Politik empört. Seit Monaten schon kriseln die deutsch-türkischen Beziehungen. RT Deutsch hat die Reaktionen beobachtet.

Einst galt der derzeitige Staatschef Recep Tayyip Erdoğan für viele deutsche Politiker als Hoffnungsträger. Er, so dachten sie, würde demokratische Werte mit einer konservativen Auslegung des Islams erfolgreich verbinden können. Experten handelten die Türkei sogar als Modell für andere Staaten im Nahen Osten.

Zu Erdoğans engsten Partnern in Europa gehörte unter anderem Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er gehörte zu den vehementesten Befürwortern einer offiziellen Aufnahme von Beitrittsgesprächen zwischen der EU und der Türkei. Diese Tage scheinen nun weit, weit zurück zu liegen. 

Inzwischen taumeln die deutsch-türkischen Beziehungen von einer Krise zur nächsten. Die Absagen an zwei türkische Minister, die in Deutschland für Erdoğans Verfassungsreferendum werben wollten, trieben das politische Verhältnis zwischen Ankara und Berlin in einen neuen Krieg der Rhetorik. Der türkische Präsident muss außer sich geraten sein, da er zu einer selbst für seine Verhältnisse äußerst scharfen Wortwahl griff.

Eure Praktiken unterscheiden sich nicht von den früheren Nazi-Praktiken", erklärte der türkische Staatschef am Sonntag. Die Absagen seien "nichts Anderes als das, was in der Nazi-Zeit getan wurde", legte er nach.

Erdoğans Äußerungen führten zu einem Strom der Entrüstung unter deutschen Politikern.

Infam, abstrus, inakzeptabel und auf Schärfste zurückzuweisen" – so kommentierte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) den Nazi-Vergleich in der Sendung Anne Will.

Abgeordnete der Linkspartei forderten die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel auf, Konsequenzen zu ziehen.

Sie sollte die deutschen Bundeswehrsoldaten aus Incirlik abziehen und die sogenannten EU-Vorbeitrittshilfen einfrieren. Kein Geld mehr für den Autokraten Erdoğan, nicht nur kritische Worte: Das müsste die konsequente Haltung der Bundesregierung sein", erklärte Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag.

Auch Unionspolitiker zeigten sich empört.

Das ist ein unglaublicher und nicht akzeptabler Vorgang, dass der Präsident eines NATO-Mitgliedes sich so über ein anderes Mitglied äußert", sagte Volker Kauder (CDU), Chef der Unionsfraktion.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer reagierte besonders heftig.

Das ist eine ungeheuerliche Entgleisung des Despoten vom Bosporus. Der Nazi-Vergleich ist ebenso unverschämt wie abwegig", konterte er in einem Gespräch mit der Passauer Neuen Presse.

Auch aus der AfD kam Kritik. Deren umstrittener thüringischer Landes- und Fraktionsvorsitzender Björn Höcke warf Erdoğan vor, dieser trete Deutschlands Souveränität mit Füßen. Die Begeisterung vieler hier lebender Türken für "Erdoğans Diktatur" sei Ausdruck eines tiefsitzenden Loyalitätskonflikts.

Einige sind vielleicht auf dem Papier Deutsche – aber nicht mit dem Herzen. [...] Es ist unser gutes Recht, von jenen, die hier leben wollen, Loyalität einzufordern.

Die Antwort der Bundesregierung auf die Aussagen des türkischen Staatspräsidenten fiel dagegen verhältnismäßig zurückhaltend aus.

Gleichsetzungen der Politik des demokratischen Deutschlands mit der des Nationalsozialismus weisen wir entschieden zurück", erwiderte Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung. Nazi-Vergleiche würden sich immer selbst disqualifizieren.

Merkel erklärte lediglich, dass man solche Aussagen "eigentlich gar nicht [ernsthaft] kommentieren" könne. Solche Äußerungen würden sie traurig machen.