Wohlfahrtsverbände: Armut in Deutschland auf neuem Höchststand

Wohlfahrtsverbände: Armut in Deutschland auf neuem Höchststand
Immer mehr Menschen in Deutschland können sich selbst die alltäglichsten Dinge nicht mehr leisten.
Der jährliche Armutsbericht zeichnet ein düsteres Bild von Deutschland. Die sogenannte Armutsquote ist auf 15,7 Prozent gestiegen. Rein rechnerisch sind damit 12,9 Millionen Deutsche arm. Zudem leben Wohlhabende bis zu zehn Jahre länger – auf Kosten Ärmerer.

Die Zahl der Armen in Deutschland ist den Wohlfahrtsverbänden zufolge auf einem neuen Höchststand. Der jährliche Armutsbericht benutzt zur Berechnung der Armut den auch in offiziellen Statistiken verwendeten, so genannten relativen Einkommensarmutsbegriff. Nach dieser Methode gelten alle Menschen als arm, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesellschaft verfügen.

Zudem belegt der Bericht einmal mehr einen Zusammenhang zwischen Armut und kürzerer Lebenserwartung. Laut der Untersuchung haben arme Männer eine durchschnittliche Lebenserwartung von 70,1 Jahren. Wohlhabende Männer dagegen kommen auf 80,9 Jahre.

Wieviel Ungerechtigkeit verträgt die Gesellschaft?

Bei armen Frauen liegt die Lebenserwartung bei 76,9 Jahren und 85,3 Jahre bei wohlhabenden Frauen. Der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Professor Rolf Rosenbrock, äußerte sich gegenüber der ARD-Sendung Panorama besorgt:

Die Lebenserwartung steigt für die wohlhabenden Menschen in jedem Jahr stärker an als für die ärmeren Menschen und deshalb vergrößert sich der Abstand.

Die Gründe für die weiter aufgehende Schere lägen unter anderem in einem riskanteren Gesundheitsverhalten im Hinblick auf Ernährung, Bewegung, Rauchen und Alkohol. Dies erkläre den Unterschied jedoch nur zur Hälfte, so Rosenbrock:

Die Menschen sterben auch früher, weil sich der psychische Druck durch die insgesamt beengte Lebenssituation, meist auch schlechtere Arbeitsbedingungen oder auch durch Arbeitslosigkeit negativ auf das eigene Leben und die Möglichkeiten der Teilhabe auswirkt.

Auch was chronische Krankheiten betrifft, zeigen sich offenbar deutliche Unterschiede zwischen arm und reich. Das betrifft vor allem schwere chronische Erkrankungen wie Herzschwäche, Diabetes mellitus, Erkrankungen des zentralen Nervensystems infolge eines Schlaganfalls oder chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen.

Lange Schlangen vor den Tafeln: Die neueste Hartz IV-Reform schafft ein neues Heer an Armen.

Wir können davon ausgehen, dass das Risiko, an diesen Leiden zu erkranken, bei Personen, die von Armut betroffen sind, zwei bis drei Mal höher ist",

so Dr. Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut gegenüber der ARD. Hinzukommt, dass laut der Studie arme Menschen indirekt das längere Leben der Reicheren finanzieren. Was die gesetzliche Rentenversicherung betrifft, findet offenbar eine Umverteilung von unten nach oben statt. Professor Rolf Rosenbrock erläuterte warum:

Die armen Menschen, die ihr Leben lang Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt haben und dann im Durchschnitt vielleicht noch für vier oder fünf Jahre die Rente genießen können, finanzieren im Grunde genommen die Rente der Wohlhabenderen, länger Lebenden mit. Und das ist, wenn man genau hinguckt, natürlich ein sozialpolitischer Skandal erster Güte.

Als ein weiterer sozialpolitischer Skandal erweist sich auch die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag. Aus der Antwort der Bundesregierung geht nämlich hervor, dass mehr als 330.000 Haushalten in Deutschland zuletzt binnen eines Jahres der Strom abgestellt wurde. Von 2011 bis 2015 bewegte sich die Zahl der jährlichen Stromsperrungen zwischen rund 312.000 und 352.000.

Die Regierung beruft sich diesbezüglich auf Daten der Bundesnetzagentur. Zudem kam es 2015 in rund 44.000 Fällen zu Sperrungen von Gas. Mehr als 6,2 Millionen Mal wurde die Stromsperrung angedroht. Die Sprecherin der Linksfraktion für Energie und Klima, Eva Bulling-Schröter, die für die Anfrage verantwortlich ist, erklärte:

Energiearmut in Deutschland ist für Millionen von Menschen eine stille Katastrophe, besonders in den kalten und dunklen Wintermonaten.

Die SPD wird wieder sozial. Zumindest verspricht Martin Schulz dies im Wahlkampf.

Sie beklagte, dass Deutschland zwar als EU-Stromexportmeister so viel Energie ins Ausland verkaufe wie nie zuvor, gleichzeitig aber auch Europameister bei den Energiesperren sei. Trotz solcher skandalöser Ungerechtigkeiten wolle die Bundesregierung das Problem der Energiearmut nicht sehen:

Viele Menschen schämen sich ihrer Zahlungsunfähigkeit, sind stigmatisiert, ziehen sich bei Stromsperren von Freunden und sozialem Umfeld zurück, was besonders Kindern schadet.

Doch seinen Strom nicht mehr bezahlen zu können, ist nur eine Folge, wenn das Geld knapp ist. Denn mittlerweile kann sich fast jeder dritte Arbeitslose in Deutschland elementare Dinge des täglichen Lebens nicht mehr leisten. Es scheint, als ob der bekannte Satz "der Letzte macht das Licht aus" mittlerweile umformuliert werden und fortan lauten muss: Der Letzte bläst die Kerze aus.

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