Medien und Politiker gaben Russland Schuld für Telekom-Hack – Jetzt steht fest: Es war ein Brite

Medien und Politiker gaben Russland Schuld für Telekom-Hack – Jetzt steht fest: Es war ein Brite
Rund eine Million Telekom-Router wurde gehackt. Deutsche Medien und Politiker beschuldigten Russland. Doch nun gab das BKA die Festnahme eines 29-jährigen Briten bekannt.
Schnell war der Schuldige ausgemacht, als im vergangenen November ein Hacker in rund eine Million Telekom-Router eindrang: Es müssen die Russen gewesen sein. Der Hintergrund war ein politischer. Nun gab das BKA die Festnahme eines 29-jährigen Briten bekannt. Das Motiv des mutmaßlichen Straftäters war persönliches Gewinnstreben.

Um Stimmung gegen Russland zu machen, gibt es eine Geheimwaffe. Kaum eine Erzählung seitens deutscher Politiker und Mainstreammedien ist derart beliebt, wie jene über von Moskau gesteuerte dubiose Hackerangriffe. Zugegeben, es ist ein dankbares Thema für unbelegte Anschuldigungen. Zum einen verfügen die meisten Bürger nicht über das technische Know-How, um die Details von Hackerangriffen zu durchdringen, zum anderen liegt es in der Natur solcher Attacken, dass die Urheber aus dem Dunkeln agieren und – wenn überhaupt – nur dank aufwendiger forensischer Verfahren ausfindig gemacht werden können. Gelingt die Aufklärung eines Hacks, ziehen bis dahin Monate ins Land. Zeit um unliebsame Nachbarn wie Russland – oder gar Wladimir Putin persönlich – für die Datenangriffe verantwortlich zu machen und entsprechende Strafaktionen zu fordern.

Der nationale Geheimdienstdirektor James Clapper

Neben den Leaks im Umfeld Hillary Clintons, für die Russland von höchster Stelle verantwortlich gemacht wird, ereignete sich auch in Deutschland in jüngster Zeit ein Hack, dessen Urheberschaft – so wurde es vom Mainstream kolportiert – in Moskau zu finden sei: Ende November 2016 waren die Internetrouter der Deutschen Telekom Ziel eines Hackerangriffs. Bundesweit waren rund eine Million Geräte betroffen. Die Telekom selbst ermöglichte aufgrund von Schlamperei im Zusammenhang mit Fernwartungsarbeiten den Angriff, vermutete die technisch versierte Nachrichtenseite Heise online.

Ungeachtet dessen und ohne konkrete Belege für derart schwerwiegende Anschuldigungen dauerte es nicht einmal einen Tag, bis der deutsche Mainstream unisono Russland als Drahtzieher für den Hack ausmachte. Einige besonders eindrucksvolle Schlagzeilen lauteten:

Gewohnt reißerisch fragt BILD den Bundesinnenminister: "Übt Putin schon für die Bundestagswahl?"
Ohne Belege für den konkreten Fall fabuliert Die Welt von einer ganzen Reihe russischer Cyberattacken.

In der Onlineausgabe der vermeintlich seriösen Wochenzeitung Die Zeit verzichtete man auf allzu auffällige Kaffeesatzleserei und verschlagwortete die entsprechende Meldung suchmaschinenkonform schlicht mit dem Tag „Russland“.

Hauptsache Russland. Damit Suchmaschinen den Fall anzeigen, verschlagwortet die Zeit-Redaktion ihren Beitrag mit "Russland". Der Artikel selbst liefert keine Informationen dazu.

So wurde sichergestellt, dass die Suche nach „Hackerangriffe“ und „Russland“ den Vorfall als Beispiel liefert, auch wenn der Text dazu keinerlei Informationen enthielt.

Die Politik wollte da nicht fehlen. Der saarländische Innenminister Klaus Bouillon (CDU) äußerte sich ebenfalls zu der Causa -publikumswirksam zur besten Sendezeit im ZDF heute journal. Zwar betont Bouillon den spekulativen Charakter seiner Aussage „Wir gehen eigentlich davon aus, dass es Russland ist“. „Einiges“ deute auf eine Moskauer Urheberschaft hin, so der saarländische Minister. Derartig leichtfertig getätigte Anschuldigungen sind keine Kleinigkeit. De facto bezichtigt ein Vertreter einer bundesdeutschen Landesregierung die russische Seite eines Verbrechens, öffnet zumindest den Korridor für derartige Unterstellungen.

Gestern dann die Aufklärung. In einer Presseerklärung des BKA heißt es: „Die Staatsanwaltschaft Köln und das Bundeskriminalamt teilen mit: Verdächtiger Telekom-Hacker in London festgenommen“. In der Erklärung heißt es:

In den Mittagsstunden des 22.02.2017 wurde ein 29 Jahre alter britischer Staatsangehöriger an einem Londoner Flughafen von Einsatzkräften der britischen National Crime Agency (NCA) festgenommen.

Er wird verdächtigt, Ende November 2016 eine Angriffskampagne gegen Internetzugangsrouter durchgeführt zu haben, wodurch mehr als 1.000.000 Kunden der Deutschen Telekom AG ihren Internetanschluss nicht mehr nutzen konnten.

Als wahrscheinliches Motiv nennt das Bundeskriminalamt persönliches Gewinnstreben des Verdächtigen. Ein klassischer Fall von Computerkriminalität:

Ziel der Angriffswelle soll gewesen sein, die Router zu übernehmen und in ein vom Beschuldigten betriebenes Bot-Netz zu integrieren. Das Bot-Netz soll der Beschuldigte im Darknet gegen Entgelt für beliebige Angriffsszenarien wie beispielsweise sogenannte DDoS-Angriffe angeboten haben.

RT Deutsch bat in einer Presseanfrage das saarländische Innenministerium, die Äußerungen von Klaus Bouillons zu kommentieren. Sind derartige Beschuldigungen, fern jeder Beweislage, dem deutsch-russischen Verhältnis zuträglich oder ist das Ministerium bereit, die nachweislich falschen Anschuldigungen zu revidieren? Gedenkt das Ministerium derart folgenschwere Anschuldigungen gegen Russland künftig weniger leichtfertig zu verbreiten? Aufgrund welcher Hinweise hielt es Klaus Bouillon für angemessen, zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen Russland des Telekom-Hacks zu beschuldigen? Eine zuvor telefonisch zugesagte Antwort blieb bis Redaktionsschluss aus.

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