Flüchtlings-Hot-Spot Berlin-Tempelhof: RT Deutsch im Gespräch mit den Menschen vor Ort

Flüchtlings-Hot-Spot Berlin-Tempelhof: RT Deutsch im Gespräch mit den Menschen vor Ort
Die Flüchtlingsunterbringung in den Hangars des ehemaligen Flughafens in Berlin-Tempelhof
Das Thema Flüchtlinge ist nach wie vor in aller Munde. RT Deutsch begab sich daher auf das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Wir sprachen mit Anwohnern, Flüchtlingen und ehrenamtlichen Helfern. Wo liegen Probleme und was denken die Anwohner in direkter Nachbarschaft?

von Dr. Kani Tuyala

Bei Minustemperaturen und Schneefall mache ich mich auf den Weg zum Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof, um spontane und unverfälschte Eindrücke zu sammeln. Als Treffpunkt für die dort untergebrachten Flüchtlinge empfahl mir Tamaja, der Betreiber der Flüchtlingsunterkunft, das „Flüchtlingscafé“. Dort bekäme ich sicher Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Ich habe mir zudem vorgenommen mit Anwohnern zu sprechen.

Tatsächlich habe ich Glück und stoße auf einen Mann, der offensichtlich gerade seinen Hund ausführt, entlang der provisorischen Mauer des Tempelhofer Flughafens. Trotz widriger Wetterbedingungen kommen wir schnell ins Gespräch. Über Bürger, die aus Angst vor Kriminalität und Gewalt die Unterbringung von Flüchtlingen in ihren Orten und Städten ablehnen, hatte ich bereits viel gehört.

Welche Erfahrungen hat wohl dieser Anwohner bisher gesammelt?

Außenbereich des Tempelhofer Flughafens

Sie sind nicht erkennbar als Flüchtlinge. Man erkennt den Flüchtling nicht, der hier untergebracht ist. Man sieht es nur daran, dass die Leute hier bei schönem Wetter in Scharen reingehen, oder rauskommen, aber mehr auch nicht.

Es interessiert mich, mehr über seine allgemeine Meinung zum Thema zu erfahren, auch im Hinblick auf die Ereignisse rund um die Kölner Silvesternacht. Während sein Hund im Schnee umher tollt, hält er nicht lange hinterm Berg:

Ich sag es mal so, die wenigen Fälle, die hier kriminell geworden sind, darf man jetzt nicht heranziehen, um jetzt allgemein ein negatives Urteil über diejenigen zu fällen, die hierhergekommen sind, um Schutz zu suchen. Kriminalität gibt es auch unter Deutschen, unter den Einheimischen hier.

Während wir sprechen, kreuzen einige junge Leute unseren Weg Richtung Flughafen-Hangar. Ob Flüchtlinge oder nicht, lässt sich aufgrund von Kapuzen, Schals und gefütterten Jacken nicht erkennen. Zumindest der Schnee und die Kälte machen an diesem Tag alle Menschen gleich.

Unser Gespräch setzt sich fort. Ob er als Anwohner in die weiteren Pläne der Stadt für die Flüchtlinge einbezogen wird, will ich wissen:

Nein, wir werden nicht einbezogen. Man liest es in der Presse. Das, was der Senat sich auf die Fahne schreibt und vornimmt. Man liest dann, dass von diesen hehren Ansprüchen, die immer wieder schön formuliert in der Zeitung zu lesen sind, ein kleiner Teil am Ende umgesetzt wird. Es ist doch alles Schaumschlägerei.

Es gibt viel zu wenig Manpower in den Behörden, um diese ganze Antragsflut, um diese ganzen Bearbeitungsprozesse zu beschleunigen. Das zeigt sich ja hier. Das sollte alles eigentlich schon längst leergeräumt sein. Und jetzt sind immer noch Leute hier, die unter miserablen Bedingungen ausharren.

Es ist schlecht organisiert. Das beste Beispiel ist diese Halle, die auf der anderen Seite aufgebaut wurde, dieses Zelt. Jetzt schon vor über einem Jahr. Eine Hauruck-Aktion, wir bauen da ein Zelt auf, wo dann Freizeitaktivitäten stattfinden können. Nichts. Das Zelt wird jetzt wieder abgebaut. Ein wahnsinniges Geld ist da reingeflossen. Es passiert aber nichts, weil jetzt im Nachhinein festgestellt wurde, das Ding ist im Sommer nicht zu kühlen und im Winter nicht zu heizen. Also wir kriegen nur mit, dass da nichts passiert.

Er muss das kurze Gespräch beenden. Sein Hund wird langsam unruhig. Ich mache mich auf den Weg in Richtung Eingang des Flughafen-Hangars. Besonders bei grauem Himmel und den winterlichen Temperaturen erscheint mir die abschüssige Zufahrt zum Hangar alles andere als einladend.

Viel ist nicht los, während ich mich an der Pforte anmelde. Während des Gesprächs stellt sich heraus, dass dies gar nicht nötig gewesen wäre. Einzelne Flüchtlinge verlassen gerade einen der angebotenen Deutschkurse. Andere schlendern vermutlich Richtung Flüchtlingscafé. Eilig scheint es jedoch trotz der Temperaturen niemand zu haben.

Auf dem verschneiten Weg zwischen Geländemauer und Flughafengebäude passiere ich eine medizinische Station und das „Sporteck“. Schließlich erreiche ich das Café am Hangar 1 und trete ein. Ich muss wohl etwas verloren wirken, denn ich werde unmittelbar gefragt, wie man mir weiterhelfen kann. Also schildere ich der Frau mein Anliegen, für RT Deutsch eine Reportage zu machen, und stoße auf spontane Neugier und Interesse. Kurzum, sie erklärt sich bereit zu einem Interview.

Zunächst will ich mich etwas umschauen. An diesem Mittwoch ist das Café nur spärlich gefüllt. Ich vermute zunächst, dass dieser Umstand wohl mit dem Wetter zu erklären ist. Ich bestelle mir einen Kaffee und erhalte mein Wechselgeld von dem hinter der Theke arbeitenden Mann, offensichtlich selbst ein Flüchtling.

Das Café ist sehr einfach eingerichtet, entbehrt jedoch nicht der gewissen Atmosphäre einer Oase im womöglich tristen Alltag der Geflüchteten. Zu meinem Erstaunen beobachte ich einen jungen Mann, der mit Headset und Laptop ausgestattet in einer Art Steh-Box vor einer Leinwand steht. Er chattet scheinbar mit Leuten aus den USA.

Die medizinische Station auf dem Gelände des Tempelhofer Flughafens

Nun geselle ich mich zu der freundlichen Dame, die zwischenzeitlich mit zwei weiteren Frauen und einem Mann in einer Ecke an einem Tisch sitzt. Die jungen Leute puzzeln. Die Dame bittet die Gruppe darum, sich zu uns zu setzen.

Dazu gehört Hassan. Nachdem ich mich nochmals vorgestellt habe, beginnt das Gespräch mit einem Statement der engagierten Dame über RT Deutsch:

Es ist ja auch sehr bitter nötig im Moment, dass wir mal andere Nachrichten bekommen.

Sie leitet als Ehrenamtliche die einfach ausgestattete Bibliothek im Flüchtlingscafé. Die beiden jüngeren Frauen engagieren sich, ebenfalls ehrenamtlich, neben ihrem Studium für die Flüchtlinge:

Wer das jetzt konzipiert hat, dass weiß ich nicht. Die Idee finden wir aber ganz toll, dass man so eine Bibliothek präsentiert. Jeden Tag von montags bis samstags sind Leute hier. So wie wir. Es sollen mindestens immer zwei sein. Es gibt Leute, die für diese Arbeit gesucht werden und dann auch andere, die andere Arbeiten machen. Es muss ja organisiert werden und katalogisiert werden und was weiß ich nicht alles.

Der Träger „Asylothek“ betreibt die Bibliothek unabhängig vom Café. Die Organisation „Tamaja“ ist für die gesamte Flüchtlingsunterbringung verantwortlich. Nun erfahre ich endlich den Namen der Dame - Ulla Wahrheit. Lachend erzählte sie mir, dass sie jetzt auch schon wüsste, was Wahrheit auf Arabisch bedeute: Al Hakika.

Vor einem halben Jahr sei hier immer alles voll gewesen. Zu ihrem Erstaunen hat sich dies jedoch geändert. Aktuell kommen kaum noch Leute in das Flüchtlingscafé. Bestätigung suchend,wendet sie sich an Hassan, der aufgrund der angebotenen Sprachkurse bereits ziemlich gut Deutsch spricht:

Viele Leute gehen zu anderen Hallen. Zuerst waren in Tempelhof 3.000 Leute, aber jetzt sind es vielleicht noch 1.000. Aber als Beispiel, an Hangar 2, waren es beim ersten Mal 700 Personen, aber jetzt sind es 200. Aber auch vorgestern sind wieder Neue gekommen in Hangar 5.

Was den Besuch des Cafés zusätzlich erschwert, besonders bei Minusgraden, sind die Entfernungen auf dem weitläufigen Flughafengelände. Viele Besucher des Flüchtlingscafés leben in Hangar 2, also dem Hangar, der noch in unmittelbarer Nähe liegt.

Ich frage nach der Motivation von Frau Wahrheit und den Studentinnen, sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge zu engagieren. Sie hätte aus der Presse erfahren, dass es Bedarf an ehrenamtlichen Helfern gäbe, sagt Frau Wahrheit. Eine der Studentinnen ergreift das Wort:

Von unserem Studiengang Angewandte Literaturwissenschaft sind relativ viele hier beschäftigt. Also sowohl hier vor Ort, als auch in der Organisation und Pressearbeit und all sowas.

Bei entspannter Atmosphäre und Kaffee erzählen sie davon, wie sie zur Flüchtlingsarbeit gekommen sind:

Also jeder von uns hat ja gedacht, was kann man denn machen. Also Deutsch-Unterricht könnte ich nicht machen, weil ich keine Grammatik kann. Das kam nicht in Frage. Und Bücher, das hat mich immer interessiert. Ich war in meinem ersten Beruf Buchhändlerin und als ich las, dass sie suchen, da war mir klar, da fragst du mal.

Ich wollte etwas für die Flüchtlinge tun und dann mit Büchern arbeiten, das ist doch ideal. Ich kenne fast nur Leute, die das Bedürfnis haben, etwas mit Flüchtlingen zu machen. Es gibt ja leider auch andere, aber im Großen und Ganzen finde ich es unheimlich beeindruckend, wie viele sich engagieren. Findet ihr nicht?

Auf die Frage hin wendet eine der Studentinnen ein:

Also ich würde sagen, dass wir nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Realität sehen. Auch in meinem Freundeskreis würde ich sagen, dass der Ausschnitt extrem beschränkt ist. Zum Beispiel in Heidelberg. Das ist so eine andere Stimmung unter den Studierenden da. Ich bin da regelmäßig und da sind die Leute ganz anders drauf. In anderen Städten auch.

Für meinen Geschmack ist dies eine sehr pauschale Aussage. Aufgrund des Themas entwickelt sich nun eine kleine Diskussion darum, ob die Mehrheit der deutschen Gesellschaft die Flüchtlinge wohl begrüßt oder eher ablehnt. Für mich jedoch wird deutlich, wie viele Menschen sich offensichtlich für geflüchtete Menschen einsetzen. Dies bringt mich zu meinem nächsten Thema, den Angeboten von Tamaja für die Tempelhofer Flüchtlinge:

Der Eingang zum Flüchtlingscafé

Die machen Deutschkurse, die machen unheimlich viel. Auch Kinder scheinen mir hier sehr gut betreut zu werden. Also ich wollte ja zuerst was mit Kindern machen, aber da sagten die mir, dass Kinder schon eine gute Betreuung haben. Es wäre nicht nötig und bislang kommen ja auch keine Kinder zu uns. Es kamen manchmal Kinder mit den Eltern und denen haben wir dann schon Bücher in die Hand gegeben. Es ist aber in dieser Kultur auch nicht üblich, das haben wir auch schon mal gehört. Hassan wie war das denn bei dir, hast du als Kind viele Bücher gehabt?

„Ja, aber auf arabisch“. Damit hatte Hassan die Lacher auf seiner Seite und fährt fort:

Warum, manchmal lesen Kinder, manchmal nicht. Nicht sehr viele Leute lesen, aber viele Kinder mögen Bücher. Lernen, lesen. Aber nicht immer kann man Bücher kaufen. Ich habe als Kind gerne gelesen.

Ich werde neugierig und möchte mehr von Hassan und seinem Leben, auch hier auf dem Gelände erfahren. Spontan erklärt er sich zu einem persönlichen Gespräch bereit. Vielleicht ist er aber auch nur froh, eine kleine Ablenkung vom Puzzeln zu erhalten. Zunächst bitte ich Hassan mir einige Informationen zu seiner Person zu geben:

Ich bin Hassan. Ich komme aus Irak. Seit einem Jahr lebe ich in Deutschland. Ich war immer in Tempelhof. Wegen dem Krieg im Irak kann ich dort nicht leben.

Wie ich erfuhr, floh Hassan gemeinsam mit einem Freund aus dem Irak. Aufgewachsen ist er in einer Stadt zwei Stunden südlich von Bagdad. Ich frage ihn auch nach seinen Zukunftsplänen:

Zuerst muss ich besser deutsch lernen und danach muss ich auch arbeiten. Ich möchte eine Ausbildung als Automechaniker machen. Dann suche ich eine Wohnung. Ich mag in Deutschland bleiben.

Wie ich erfuhr, hat Hassan bereits eine Ausbildung im Irak gemacht und fünf Jahre als Kranfahrer gearbeitet. Was mich ebenfalls interessiert ist sein ganz normaler Tagesablauf. Daher bitte ich Hassan mir einen solchen Tag zu schildern:

Ich stehe um neun Uhr auf. Dann gibt es Frühstück. Dann sitze ich ein bisschen mit Freunden hier. Danach komme ich um zwei Uhr hierin und mache zusammen mit Juliane [eine der beiden Studentinnen] Deutsch-Hausaufgaben. Von sechs bis neun Uhr Abends, gibt es wieder einen Deutschkurs. Danach mache ich Fitness-Sport von neun Uhr bis elf. Dann wieder treffen mit Freunden. Das ist mein Tag, immer. Ich habe auch eine Arbeit als Kranfahrer gefunden, aber der Chef hat beim ersten Mal gesagt, dass ich zuerst einen Führerschein machen muss, danach kommt die Arbeit.

Hassan ist nun auf der Suche nach einer Wohnung, was sich jedoch als sehr schwierig erweist. Auch Heimweh ist ihm nicht unbekannt, doch erstmal möchte er in Deutschland bleiben, die Sprache lernen und sich integrieren, wie er sagt. Er hat auch einen Bruder der bereits seit 20 Jahren in Hamburg lebt.

Da Hassan noch mit Juliane einiges zu besprechen hatt müssen wir das Interview an diesem Punkt abbrechen. Ich nutze die Gelegenheit, um mit dem ehrenamtlichen Leiter der an das Flüchtlingscafé angegliederten Kleiderkammer, Frank Keup zu sprechen. Herr Keup arbeitet für den Verein THF welcome e.V. und ist aktuell für die Kleiderkammer zuständig:

Zu unserer Geschichte. Wir sind THF. THF ist ein eigenständiger Verein, der mit dem Betreiber erstmal nichts zu tun hat. Wir sind sozusagen Untermieter hier. Die Menschen die bei THF am Anfang mit dabei waren, also sprich im Oktober 2015, als es dann so richtig los ging hier in Berlin, waren die, die auch die Kleiderkammer hier aufgebaut haben. Das heißt, die haben die Spenden angenommen, haben die Sachen sortiert, gewaschen und haben die Kleidung dann hier an die Bewohner rausgegeben. Im Oktober 2015, in der ersten Zeit hier in Tempelhof hatten wir circa 4000 Menschen vor Ort. Zurzeit sind es nach meinen Informationen knapp 1200 insgesamt auf dem Gelände.

Nach wie vor ist mir nicht ganz klar, wie die Menschen auf die unterschiedlichen Hangars verteilt werden, doch Herr Keup erweist sich als gut informiert und kann mir interessante Hintergrundinformationen vermitteln:

Die Flüchtlinge sind ausschließlich in den Flugzeug-Hangars untergebracht. Hanger 1 ist unbewohnt. Da ist jetzt ein Sportfeld aufgebaut, ein kleines Fußballfeld und das war mal ursprünglich ein Hangar für Quarantäne-Fälle. Die Charité die hier auch untergebracht ist, betreut die Krankenstelle. Der Hangar 2 ist bewohnt, der Hangar 3 ist bewohnt. Der Hangar 4 ist im Moment glaube ich frei. 5, 6 und 7 sind bewohnt.

Doch wie sind die Flüchtlinge untergebracht?

Das sind immer so kleine Abteile. Also sie kennen ja bestimmt diese Stellwände. Die hat man auch hier. Das heißt sie sind oben offen. Es gibt auch keine Türen. Also die müssen da irgendwie einen Vorhang drüber schmeißen und es sind im Schnitt sechs Personen in einem dieser Abteile. Es ist bunt gemischt. Also man teilt das jetzt nicht unbedingt nach Nationen ein. Es gibt dann zwei Kantinen, die zu den Essenszeiten geöffnet sind. Vor den Kantinen finden sich dann immer Behältnisse mit Kaffee, Tee und so weiter.

Herr Keup fährt nun damit fort, das System der Kleiderkammer zu erläutern:

Also zu Tamaja, mit denen wir ja nichts zu tun haben. Wir sind also hier im Oktober 2015 rein und haben hier die Kleiderkammer geführt. Im Laufe der Zeit sind wir dann etwas professioneller geworden, das heißt: Wir haben dann im letzten Jahr einen Raum dazu genommen. Das heißt, wir haben jetzt hinten einen Lagerraum und vorne eine Ausgabestelle. Die Bewohner können jetzt zweimal die Woche kommen und zwar am Mittwoch und am Samstag, jeweils zwischen 14-16 Uhr. Die kommen ganz normal mit ihrer Bewohnerkarte, werden dann bei uns ins System eingecheckt und bekommen dann einen Voucher [Gutschein]. Der ist immer für sechs Monate gültig und in diesen sechs Monaten können die Bewohner dreimal zu uns kommen und können sich Sachen aussuchen.

Das ist das System der Kleiderkammer. Die Nachfrage ist jetzt zumindest unter der Woche rückgängig. Das hat sicherlich einmal damit zu tun, dass die Öffnungszeiten in der Woche ungünstig fallen. Viele sind ja jetzt doch draußen unterwegs. Viele haben irgendwelche Termine bei Behörden, haben ihren Sprachunterricht, die Kinder gehen in die Schule. Da ist die Öffnungszeit sicherlich ein bisschen ungünstig. Samstags haben wir einen minimalen Rückgang. Samstags haben wir durchschnittlich 80 bis 100 Personen. In der Woche hatten wir als ich hier vor einem halben Jahr anfing circa 45 Leute. Jetzt sind wir gerade mal so bei 20 bis 25 Leuten am Mittwoch.

Das Flüchtlingscafé von innen. Im Hintergrund der Eingang zur Kleiderkammer.

Obwohl Herr Keup mir am Anfang des Gesprächs sagte, dass er nur etwa fünf Minuten Zeit habe, entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch:

Das Café ist im Sommer 2016 entstanden, um auch eine Anlaufstelle für die Bewohner zu haben. Wir haben hier auch ein Programm, das heißt, jetzt am kommenden Samstag haben wir wieder eine Jam Session. Das ist eine Gruppe von Musikern die hier immer ihre Proben machen. Dann haben wir einmal im Monat in Zusammenarbeit mit German Now, die sonst Sprachkurse machen, haben wir hier Filmnachmittage und Abende. Da zeigen wir dann Filme die mit entsprechenden Untertiteln sind, also Arabisch oder Farsi. Ansonsten ist das Café immer täglich geöffnet von 13 bis 19 Uhr.

Danach wendet sich unsere Unterhaltung dem Bereich der politischen Zusammenhänge zu:

Also ich mache sehr lange ehrenamtliche Arbeit. Nicht nur mit Geflüchteten, sondern auch mit Migranten. Sprich seit Ende der 90er Jahre. Das sind jetzt zwei verschiedene Themenfelder. Also das eine ist Integrationspolitik, die ich in Deutschland weitestgehend für gescheitert halte und ich glaube man sollte diese Fehler jetzt nicht auch machen. Man muss sich das vorstellen. Man lebt ein Jahr in einer Sporthalle oder in einem Flugzeug-Hangar. Das hat natürlich irgendwann auch Konsequenzen psychischer Natur. Ich habe jetzt gerade in den letzten Wochen immer mehr Leute getroffen die gesagt haben, ich muss hier raus.

Viele stehen kurz davor zu explodieren. Es ist nach wie vor schwer Leute nach draußen zu vermitteln. Eine eigene Wohnung zu bekommen ist äußerst schwierig. Es gibt auch nur sehr begrenzte Plätze bei den Wohnheimen. Diese neuen modulen Einrichtungen die geplant sind, sind noch nicht einmal im Bau. Es gab Ausschreibungsfehler. Es müsste eigentlich auch ein neues Ausschreibungsverfahren vorangetrieben werden. Der Senat rechnet damit, dass es bis Mai, Juni dauern kann bis der Bau beginnt, aber meiner Meinung nach wäre es schon gut wenn sie es bist August schaffen. Dann wird sicherlich ein Großteil der Leute die jetzt noch hier in Tempelhof sind da einziehen.

Wie ich erfahre sind die Wohnmodule von denen Herr Keup spricht, nicht auf dem Tempelhofer Gelände geplant. Was mich jedoch ebenfalls interessiert, ist die Frage wie es nach der Unterbringung in Tempelhof mit den Leuten weitergeht:

Ja, dann sind die zwar in anderen Wohneinheiten untergebracht, aber was ändert das? Das ist eine Frage die wir alle im Moment schwer beantworten können. Ich merke hier im Kontakt mit den Leuten direkt, dass die Resignation immer größer wird. Vielen ist klar, dass sie sich wahrscheinlich hier beruflich nicht integrieren können. Es gibt ein paar Leute die schaffen das. Zum Beispiel die, die jetzt ins Studium reinkommen. Für die ist es relativ einfach, weil sie Vorkenntnisse haben, weil sie in Syrien oder den anderen Staaten vielleicht schon studiert haben. Aber das sind halt ganz, ganz wenige. Eine traditionelle Familie, die vielleicht eher aus dem ländlichen Bereich kommt, die wird auch weiterhin hier ihre Probleme haben.

Es wird deutlich, dass nach Ansicht von Frank Keup die Integration so nicht gelingen kann:

Graffitti am Eingang des Flüchtlingscafés

Wir führen die Diskussion ja wieder von der falschen Seite aus. Wir sprechen jetzt in Deutschland darüber, dass wir die Abschiebungen zügiger voranbringen. Dann gibt es jetzt solche idiotischen Diskussionen über Fußfesseln etc. Also damit macht man sicherlich keine kluge Integrationspolitik. Das Grundproblem wird nicht angegangen. Das Grundproblem ist einfach, dass Menschen hierhin gekommen sind, denen man über einen gewissen Zeitraum Hilfe anbieten muss. Ich glaube, dass man eben auch zügiger arbeiten muss, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass diese Menschen auch eben wieder zurückgehen können.

Wenn wir dann jetzt in den politischen Bereich reinkommen, dann muss man es jetzt eben auch den Menschen ermöglichen, auch wieder nach Syrien zurückzugehen und die meisten Menschen möchten nach Syrien zurückgehen. Das heißt wir müssen schauen, dass die politischen Voraussetzungen geschaffen werden, mit oder ohne Assad, damit die Menschen wieder dorthin zurückgehen können. Ein ganz großer Teil der Menschen die hier ankommen, ist im Prinzip unpolitisch. Das sind auch nicht alles Assad-Gegner. Das sind Menschen die wegen des Krieges geflüchtet sind und die erstmal rausgesprengt wurden. Wir müssen jetzt erstmal schauen, wie wir politisch handeln.

Wir können die Menschen jetzt nicht einfach in Containerdörfern  unterbringen, denn irgendwann werden die wahrscheinlich den Charakter von Ghettos annehmen. Wir haben da auch ein riesiges Aufbauprogramm vor uns. Da sollte man die Menschen auch mit hineinholen. Das heißt, Menschen sollen ihre Städte und Dörfer auch wieder mit gemeinsam aufbauen können. Meiner Meinung nach sind das Voraussetzungen die geschaffen werden müssen. Alles andere ist meiner Meinung nach völliger Blödsinn.

Wie wohl viele andere auch, hatte auch ich schon einiges über Gewalt in Flüchtlingsunterkünften gehört. Herr Keup hatte dies bisher noch nicht erwähnt. Deshalb spreche ich ihn darauf an:

Ich hatte vor Weihnachten jemanden mit dem ich auch einen etwas engeren Kontakt hatte. Der hat es wirklich nicht mehr ausgehalten. Da kam es dann hier auch mal zu einer kleineren Auseinandersetzung. Der hat dann auch am nächsten Tag seine Koffer gepackt und gesagt: Es ist mir jetzt völlig egal wo ich hingehe, ich muss hier einfach raus. Für den hat sich dann durch einen deutschen Bekannten der ihn ein bisschen unterstützt hat, auch eine Lösung gefunden. Das ist aber genau das Problem. Die Leute müssen raus. Dann hast du auch solche Leute die dann hier vielleicht den ganzen Tag nur noch auf dem Bett liegen und sich auch gar nicht mehr großartig bewegen. Die haben es im Prinzip aufgegeben. Da verlierst du auch den Spaß und die Motivation an den Deutschkursen.

Wie wohl Herr Keup die Angebote vor Ort einschätzt wollte ich als nächstes erfahren:

Also hier in Tempelhof vor Ort gibt es eigentlich ziemlich gute Angebote. Also zumindest was den sportlichen Bereich angeht. Es gibt viele Vereine die von außen kommen und hier aktiv sind. Es ist auch ein bisschen einfacher mit Kindern und Jugendlichen in dieser Situation zu verfahren als mit Erwachsenen. Oft ist da auch ganz viel auf der Flucht passiert. Das muss verarbeitet werden. Ganz viele müssten zum Beispiel in eine Behandlung, aber es gibt die Plätze nicht. Es gibt auch keine Therapeuten, weil es kaum arabisch sprechende Psychologen oder Psychotherapeuten gibt. Viele hatten auch einen Beruf, oder einen kleine Laden und dann sagt man ihnen, mach doch jetzt mal einen Sprachkurs. So ein Sprachkurs ist eben auch keine richtige Beschäftigung.

Auch als Ehrenamtlicher möchtest du, dass es irgendwann mal den Menschen gut geht und das mal irgendwann Ergebnisse absehbar sind, das man zumindest weiß, wo das Ganze mit den Flüchtlingen hingehen könnte. Genau das ist aber das Problem, man weiß nicht wo die Reise hingeht und das führt nicht selten zu Frust auf beiden Seiten. Meine persönliche Meinung ist, dass solange man nicht nach globalen Lösungen sucht, wir hier keine Chancen haben. Es gibt auch viele Menschen die sagen, ich möchte in meine Heimat. Dafür müssen wir die Bedingungen schaffen. Sollten wir aber diese offene Diskussion nicht angehen, werden wir ziemliche Probleme haben.

Die Zeit vergeht schnell während des Gesprächs und nun muss sich Herr Keup tatsächlich verabschieden. Ich bestelle noch einen Kaffee. Draußen ist es zwischenzeitlich dunkel geworden und das Café füllt sich nun doch ein wenig. Zumindest ein Gespräch möchte ich noch führen und zwar mit dem jungen Mann den ich zu Beginn mit Headset und Laptop gesehen hatte. Wie auch Hassan ist er mit einigen Fragen einverstanden.

Doch zunächst muss ich warten, denn seine Unterhaltung mit den jungen US-Amerikanern ist offensichtlich noch nicht beendet. Nach einigen Minuten ist es soweit und wir setzten uns zum Gespräch. Wie ich erfahre heißt der junge Mann Omar Alshafai und scheint Tag bereits einen langen hinter sich zu haben. Ich beginne damit, ihn nach seinem persönlichen Hintergrund zu fragen. Im Gegensatz zu Hassan spricht er jedoch offensichtlich noch kaum deutsch und bittet darum uns auf Englisch zu unterhalten:

Ich heiße Omar Alshafai und komme aus Damaskus in Syrien. Ich bin seit eineinhalb Jahren in Deutschland. In Syrien habe ich Elektrotechnik studiert. Hier in Berlin habe ich gelernt zu codieren. Jetzt gerade entwickeln wir eine App Namens Bureaucrazy, um anderen Flüchtlingen und Migranten zu helfen, sich im Bürokatie-Dschungel zurecht zu finden. Wir haben schon die Informationen von den verschiedenen Job-Centern und anderen Behörden eingesammelt. Was wir jetzt noch machen müssen, ist das Ganze zu programmieren. Wir haben noch nicht so viel Erfahrung, weil wir erst hier damit angefangen haben. Wir alle drei haben hier angefangen Coding zu lernen.

Mit einem Jungunternehmer hatte ich im Flüchlingscafé nicht unbedingt gerecht. Ich frage weiter und möchte unter anderem wissen, woher sie die Unterstützung für ihre Initiative erhalten haben.

Durch eine NGO namens ReDI School of Digital Integration. Ein Co-Working Space. Sie haben uns Laptops zur freien Verfügung gestellt. Wir haben auch kostenlose Kurse erhalten, mit Mentoren und so weiter. Dort haben wir auch gelernt zu codieren.

Wie ich des Weiteren in Erfahrung bringe, lebt Omar nicht im Tempelhofer Flughafen und arbeitet auf Mini-Job Basis für eine Initiative namens Shared Studios. Dabei handelt es sich um ein weltumspannendes Projekt in dem sich Menschen vernetzen, mit Hilfe moderner Kommunikationsmöglichkeiten über ihre Situation und ihre Heimat berichten und sich auszutauschen. Dabei geht es um Kultur, hin und wieder Religion, Musik und ähnliche Themen. Jetzt klärt sich auch auf, was es mit der Box auf sich hatte, in der Omar mit Headset und Laptop stand.

Überall auf der Welt gibt es entsprechende „Portale“, so etwa in Afghanistan, dem Iran, oder eben in Berlin. Alle besitzen das gleiche Design. Innen Schwarz und außen golden verkleidet. Eigentlich handelt es sich um Container, doch aufgrund bürokratischer Hürden, ist das „Berlin-Portal“ im Flüchtlingscafé sehr einfach gehalten. Bevor wir begannen uns zu unterhalten, hatte sich Omar mit jungen Leuten des Holocaust Museums in Washington DC. ausgetauscht.

Hassan und Juliane nach dem Besuch im Flüchtlingscafé

Überrascht bin ich, als ich erfahre, dass Omar vor etwa einem halben Jahr bereits von RT International über seine Arbeit an Bureaucrazy interviewt wurde. Doch nicht nur RT hatte Interesse an seiner Arbeit gezeigt, auch die Washington Post, der Guardian und deutsche Medien wie Die Zeit oder die Deutsche Welle hatten bereits berichtet.

Als Omar nach Deutschland kam, kam er zunächst "in einem Zelt" auf der Turmstraße in Berlin unter. Als er dann, wie er sagt, eine „Kostenübernahme“ erhielt, zog er vorübergehend in ein Hostel für Flüchtlinge. Dort lebt er nach wie vor, da es sehr schwer sei eine Wohnung zu bekommen. Geld erhielt Omar bis zum Dezember des Jahres 2016 vom Jobcenter. Da er jetzt einen kleinen Job hat, zahlt das Jobcenter nur noch für seine Unterkunft. Omar ist als Flüchtling anerkannt und es ist ihm, wie er sagt, erlaubt für drei Jahre zu arbeiten. Jetzt hofft er bald bei Siemens eine Ausbildung beginnen zu können.

Das erste Bewerbungsgespräch hat er bereits hinter sich. Doch nebenher möchte Omar mit seinen drei Kollegen die, wie ich erfahre, ebenfalls Flüchtlinge aus Syrien sind, weiter an der „App“ arbeiten. Wie Hassan, möchte auch Omar gerne in Deutschland bleiben und deutscher Staatsbürger werden. Trotzdem zieht es ihn auch zurück in seine Heimat Syrien. Doch aufgrund des Krieges kann er aktuell leider nicht dorthin zurückkehren. Zur Finanzierung der digitalen Applikation haben Omar und seine Kollegen eine Crowdfunding Kampagne gestartet. Auch ein Unternehmen scheint bereits einen gewissen Betrag investieren zu wollen, doch da Omar und seine Kollegen Flüchtlingsstatus besitzen, darf ihnen das Geld nicht ausgezahlt werden. Darüber hinaus gilt es weitere Hürden zu überwunden. So müssen die drei Jungunternehmer zunächst ein Unternehmen anmelden.

Auch Omar muss sich nun verabschieden, da er sich noch mit seinen Kollegen treffen möchte. An einigen Tischen sitzen vereinzelt einige Flüchtlinge und trinken Kaffee oder Tee. Mir fällt auf, dass es sehr ruhig zugeht und sich die Leute hauptsächlich in gedämpften Ton unterhalten. Ich schaue mich noch einmal im Café um, bevor ich wieder hinaus in die kalte Winterluft trete. "Wahrheit heißt Al Hakika" geht es mir durch den Kopf als ich mich wieder auf den Weg mache. Auf dem Weg zum Eingangstor passiere ich Hassan und Juliane. Sicherlich begleitet sie ihn zurück in seine Unterkunft. Unsere Verabschiedung fällt etwas unbeholfen und knapp aus. Ich war Gast in einer anderen Welt und kehre nun wieder in die meine zurück.

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