Bizarrer Berlin-Terror: Lutz Bachmann, ein polnischer Held und die Lügen des Innenministers

Bizarrer Berlin-Terror: Lutz Bachmann, ein polnischer Held und die Lügen des Innenministers
Gesucht: Der mutmaßliche Täter Anis Amri - doch es gibt Unklarheiten in der offiziellen Geschichte.
Der Terror-Plot vom Breitscheidplatz nimmt immer skurrilere Formen an. Lange vor Bundesinnenminister Thomas de Maizière waren Pegida-Gründer Lutz Bachmann Details über den mutmaßlichen Täter bekannt. Der Pole Lukasz U., dessen Lkw entführt wurde, verhinderte offenbar, dass der Anschlag noch mehr Menschen das Leben kostete.

Er ist wohl der stille Held von Berlin, wurde von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei deren Rede nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz jedoch nicht einmal erwähnt. Einige deutsche Medien zählten sogar nur 11 Todesopfer, statt 12 und vergessen dabei den Polen Lukasz U., der nach neuestem Erkenntnisstand noch Schlimmeres beim Lkw-Terror von Berlin verhindert hat.

Schon kurz nach der Tat am Montagabend gab der Arbeitgeber und Cousin von U., der Speditionsunternehmer Ariel Zurawski, bekannt, dass sein Fahrer auf keinen Fall für das Attentat verantwortlich gewesen sein kann.

Und tatsächlich: Auf dem Beifahrersitz sitzend, wurde U. von dem Terrorfahrer mit einem Messer traktiert und später erschossen. Dazwischen kam es laut Obduktionsergebnissen zu einem Kampf, der – so die Ermittler – stattgefunden haben muss, als der Lkw schon in die Menschenmenge raste. Offenbar griff U. ins Lenkrad, als er realisierte, was der Entführer seines Trucks im Schilde führte und sorgte so dafür, dass das Gefährt etwa in der Mitte des Breitscheidplatzes wieder auf die Budapester Straße abdrehte. Seinen Einsatz bezahlte U., der eine Frau und einen 17-jährigen Sohn hinterlässt, mit seinem Leben.

Wer nun für den Tod von U. und 11 weiteren Menschen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verantwortlich ist, ist weiterhin unklar. Als Hauptverdächtiger gilt der Tunesier Anis Amri, nach dem mittlerweile europaweit gefahndet wird. Amris Verhängnis: Der 24-jährige, registrierte Gefährder habe seine Geldbörse, in dem sich seine Duldungspapiere befanden, im Anschlags-Laster vergessen. Jedoch räumen selbst Ermittler ein, dass die Papiere gezielt auch platziert worden sein könnten, um eine falsche Fährte zu legen.

Ohnehin scheint die Story von am Anschlagsort zurückgelassener Identitätsnachweise der Attentäter nach Paris, Nizza und wieder Paris wenig glaubwürdig. Wenn sich islamistische Gewalttäter tatsächlich zu einer Tat bekennen wollen, produzieren diese in der Regel ein Video, in dem die ideologischen Überzeugungen umfangreich verbreitet werden. Dass es sich bei den „heißen Spuren“ um pure Nachlässigkeiten der Terroristen und „menschliches Versagen“ handelt, wie etwa der Sicherheitsexperte und Vize-Präsident des Analysedienstes Stratfor, Fred Burton, glauben machen will, erscheint ebenfalls wenig glaubwürdig.

Doch selbst in ihrer offiziellen Form hat die Geschichte einen Haken, was sich leicht belegen lässt. Bereits zwei Stunden nach dem Anschlag twitterte der Pegida-Gründer, interne Polizeikreise haben ihm mitgeteilt, man suche nach einem Tunesier:

Ungeachtet dessen nahm die Berliner Polizei zunächst den pakistanischen Flüchtling Navid B. fest und durchsuchte dessen Unterkunft am Tempelhofer Feld. Eine reine Ablenkung, um ohne großen Rummel nach dem eigentlichen Täter fahnden zu können? Wohl kaum. Die Berliner Morgenpost zitiert Abgeordnete, welche die Aussage von Innenminister Thomas de Maizière in einer Sondersitzung wie folgt wiedergeben: Erst nachdem die Zugmaschine vom Breitscheidplatz abgeschleppt wurde, habe ein Beamter die Geldbörse des Tunesiers Anis Amris, dem vermeintlichen Täter, entdeckt. Bis zum Fund sollen mindestens 12 Stunden seit dem Anschlag vergangen sein, so de Maizière. Angesichts des akkuraten Tweets von Lutz Bachmann, kann diese Version nicht stimmen. De Maizére wurde entweder beim Lügen erwischt oder ist schlechter informiert als der vorbestrafte Pegida-Frontmann.

Ob Amri nun tatsächlich das Tatfahrzeug steuerte, ist mehr als fraglich, jedoch denkbar. Seit der 24-Jährige im Jahr 2010 seine Heimat in Tunesien verließ, sammelte dieser umfangreiche Erfahrungen als Kleinkrimineller und tauchte immer tiefer in die salafistische Szene um den Hassprediger Abu Walaa ein. Seit Sommer dieses Jahres soll Amri sogar gezielt Anschläge in Deutschland geplant haben, wie das LKA mit Hilfe eines V-Manns herausfand.

Amri, der wegen formaler Hürden nicht in sein Heimatland abgeschoben werden konnte, wurde als “Gefährder” eingestuft und von März bis September 2016 observiert, bevor es dem 24-Jährigen gelang unterzutauchen. Amris Lebenslauf liest sich wie die perfekte Terroristenbiographie, passt zum Täterprofil, ließe sich jedoch auch ideal nutzen, um von dem eigentlichen Täter abzulenken.

Gegen Donnerstagmittag gab die Berliner Polizei zwar bekannt, nun auch die Fingerabdrücke Amris am Fahrzeug gefunden zu haben, doch Sicherheit über den Tathergang am Breitscheidplatz kann letztendlich nur ein Gerichtsprozess bringen. Zu einem solchen Verfahren käme es jedoch nur, wenn der Verdächtige aufgespürt und bei seiner Festnahme nicht erschossen wird. Ein Szenario, das angesichts des Verlaufs voriger Fahndungen nach Terroranschlägen nicht ganz realistisch erscheint.