Ein LKW-Fahrer berichtet: So leicht können 40-Tonner als Waffe missbraucht werden

Ein LKW-Fahrer berichtet: So leicht können 40-Tonner als Waffe missbraucht werden
Das Fahrzeug, das den Tod brachte. Am Montagabend raste der Laster in die Menschenmenge am Breitscheidplatz.
Die Behörden gehen bei der gestrigen Tragödie am Berliner Breitscheidplatz mittlerweile von einem gezielten Anschlag aus. Es wäre nach Nizza das zweite Mal in einem Jahr, dass ein LKW als Waffe eingesetzt wird. RT Deutsch befragte einen Trucker zu der Tat.

Kann ein Laie einen LKW der Größe fahren, wie er gestern in Berlin zahlreiche Menschen verletzte und tötete? Muss man für die Steuerung eines solchen Gefährts nicht besondere Fähigkeiten haben?

Einen LKW fährt man theoretisch wie einen PKW. Unten sind Pedalen, oben ein Lenkrad. Wenn man weiß, wie man den LKW startet, man den Gang einlegen kann und die Feststellbremse löst, dann geht es auch schon los. Gas geben und er rollt an.

Die allermeisten LKW haben heutzutage automatisierte Getriebe. Somit kann eigentlich jeder Trottel ein solches Fahrzeug fahren. Die Handschalter mit ihren 16 Gängen sind weitaus schwieriger zu fahren. Das erfordert Übung. Nun muss man natürlich noch die großen Ausmaße beachten. Wenn man jemanden, der keine Ahnung hat, zwingt so einen LKW zu fahren, wird er Ampeln umreißen und parkende Autos rammen und sich schließlich an engen Kurven festfahren, weil er nicht weit genug ausholt.

Wie und wo kann man einen 40-Tonner überhaupt klauen?

Einen so großen LKW kann man überall klauen. Auf größeren Raststätten und Autohöfen stehen 50 bis 200 herum. Früher oder später steigt jemand zum Pinkeln aus oder möchte duschen gehen. Viele Fahrer kochen sich auch Essen außerhalb des LKW. Die Türen stehen dabei teilweise weit offen.

Ich persönlich fühle mich in Deutschland nach wie vor sicher. Wenn ich anhalte, habe ich längst nicht immer die Türen abgeschlossen. Sobald ich ins Bett gehe natürlich immer. Doch wenn ich anhalte, um 45 Minuten Pause zu machen, oder am Straßenrand eines Industriegebietes Feierabend mache, habe ich eine Weile die Türen unverriegelt. Wenn da dann jemand rein möchte, dann kann er das auch. Der LKW soll ja nach meinem Kenntnisstand von einer Baustelle entführt worden sein. Also das ist gar kein Problem so einen LKW zu klauen, wenn man das wirklich möchte.

Der Ort des Geschehens in Berlin.

Jedoch werden heutzutage sämtliche LKW durch GPS überwacht, so dass die jeweilige Spedition auf den Meter genau weiß, wo sich der LKW in Echtzeit befindet. Und so einfach kann man das als Fahrer auch nicht abschalten, nach meinem Kenntnisstand.

Die Behörden gehen bei dem gestrigen Vorfall am Breitscheidplatz zwar aktuell von einem Anschlag aus, aber ist es grundsätzlich möglich, dass ein LKW-Fahrer die Kontrolle verliert und auf diese Art einen Unfall baut?

Natürlich kann so etwas durch einen Unfall passieren. Der LKW-Fahrer fährt sehr oft mit Tempomat, jedoch nicht unbedingt in der Innenstadt. Sollte der Fahrer durch einen Schwächeanfall plötzlich nichts mehr machen können, würde der LKW natürlich noch lange führerlos weiter rollen. Bis er irgendwo, wie zum Beispiel im aktuellen Fall, an einer Holzhütte zum Stehen kommt.

Sollte der Tempomat aktiviert sein, würde der LKW wohl noch einen kurzen Moment länger Gas geben, bis zum ersten heftigen Einschlag. Dann sollte sich der Tempomat deaktivieren. Wenn der kollabierte Fahrer den Fuß auch noch unkontrolliert auf Vollgas setzt, na dann gute Nacht. Aber LKW sind bei 90 km/h abgeriegelt. Die fahren trotz Vollgas nicht schneller.

Trauer um die Opfer des Anschlags am Breitscheidtplatz.

Nachdem dies mutmaßlich bereits der zweite Anschlag mit einem LKW in diesem Jahr ist, sind strengere Sicherheitsvorkehrungen in der Speditionsbranche zu erwarten?

Ich wüsste nicht, wie man da weitere Sicherheitsvorkehrungen treffen kann. Wenn man so ein Attentat machen will, dann kann man es immer machen. Durch die zuvor erwähnte Überwachung per GPS kann man auch in der Spedition den LKW im Falle eines Diebstahls deaktivieren. Dann kommt die Meldung, dass der LKW in einer Minute abgeschaltet wird, oder so ähnlich. Aber ich denke nicht, dass so etwas in jeder Spedition auch eingesetzt wird. Möglich wäre es aber.

Müssten Behörden aufmerksamer sein, wenn ein 40-Tonner durch die Innenstadt fährt?

Na, wenn die jeden LKW kontrollieren würden, der da rumfährt, dann wird es spaßig. Es fahren ja hunderte davon herum. Wenn man Schaden anrichten möchte, kann man das immer machen. Auch mit einem PKW. Und nur weil jetzt dieser eine LKW als Waffe missbraucht wurde, sind nicht alle LKW böse. Und schon gar nicht die Fahrer.