"Trump Today": US-Medienplattform Breitbart News will Deutschland erobern

"Trump Today": US-Medienplattform Breitbart News will Deutschland erobern
Nutzen selbst eigene Medien, die auf Expansionskurs sind: Die Anhänger von Donald Trump informieren sich am liebsten bei Breitbart
Wenige Tage nach der Wahl Donald J. Trumps zum Präsidenten der USA hat eines seiner größten Unterstützerprojekte im vorpolitischen Raum eine Expansion nach Deutschland angekündigt. Das rechtskonservative Breitbart News Network steht in den Startlöchern.

Mit dem Ausbruch der Ukrainekrise 2013/14 erlebte die deutsche Medienlandschaft ihre Götterdämmerung. Zu Tausenden machten Leser in den Kommentarspalten ihrer Wut über die nach ihrer Auffassung äußerst tendenziöse Berichterstattung Luft. Manche von ihnen behaupteten gar, die deutsche Medienlandschaft sei so gleichförmig, dass eine Befreiung von dem ihr zugrundeliegenden Konsens wie schon 1945 nur von außen kommen könnte.

Im Herbst des Jahres nahm, nachdem es bereits monatelang Forderungen danach aus der Bevölkerung gegeben hatte, RT Deutsch als deutschsprachige Medienplattform des staatlichen Auslandssenders der Russischen Föderation seinen Betrieb auf und wurde schon nach kurzer Zeit zum führenden Alternativmedium auf dem deutschen Markt.

Mit der Wahl Donald J. Trumps zum Präsidenten der USA sind nun plötzlich und unerwartet auch die Vereinigten Staaten weithin zum Feindbild des Mainstreams geworden. Zudem ist es vielen deutschen Medienkonsumenten in den letzten Wochen und Monaten nicht verborgen geblieben, dass deutsche Leitmedien nicht nur mit Blick auf Russland, sondern auch bezüglich der USA oftmals lieber ihre eigenen Meinungen als tatsächliche Fakten wiedergeben.

So war noch bis in die Wahlnacht hinein auf allen Kanälen von einem vermeintlich problemlosen Sieg Hillary Clintons - der auf nicht immer nur subtile Weise von ihnen bevorzugten Kandidatin - die Rede. Entsprechend groß war der Katzenjammer, als das tatsächliche Ergebnis feststand.

Nun scheint - um auf die zweifellos gewagte, oben erwähnte Referenz von 1945 zurückzukommen - auch für Medienschaffende aus dem Land des ehemals führenden westlichen Alliierten ein Anlass gefunden zu sein, den gleichförmig Trump-kritischen deutschen Medienmarkt von außen zu "befreien" und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. 

Wie nur wenige Tage nach dem Erfolg des Milliardärs aus Queens bei den Präsidentschaftswahlen in den Staaten bekanntgeworden war, will mit dem Breitbart News Network ein US-amerikanisches Medienunternehmen in Deutschland Fuß fassen, das nicht unwesentlich zur Mobilisierung von Wählern für Donald Trump beigetragen hat. Breitbart.com hat es infolge seiner intensiven Begleitung der Wahlkampagne Trumps inzwischen auf Platz 34 der meistgelesenen Medienseiten der USA geschafft. 

Der Chefredakteur der rechtskonservativen Medienplattform, Alexander Marlow, der bereits in London und Jerusalem über Redaktionsteams verfügt, hat angekündigt, auch in Deutschland und Frankreich einen Ableger gründen zu wollen. Breitbart will zu Beginn mit freien Journalisten zusammenarbeiten. Ob es auch ein eigenes Medienzentrum geben wird und wann dieses gegebenenfalls seine Arbeit aufnehmen wird, ist noch offen.

Über die Mission von Breitbart Deutsch hat Marlow jedoch schon sehr klare Vorstellungen. Die Plattform soll nicht nur ein Anlaufpunkt für "Trump-Versteher" sein und Informationen über die Politik der künftigen US-Regierung ohne moralisierenden Unterton bieten. Vielmehr sieht man bei Breitbart News die "Trump-Revolution" auch als möglichen Exportartikel und will jenen politischen Kräften als Sprachrohr dienen, die man als deren passende Träger ausgemacht hat. Dabei handelt es sich vor allem um den Front National (FN) in Frankreich, die Alternative für Deutschland (AfD) in Deutschland und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) im deutschsprachigen Nachbarland.

Breitbart ist in den USA nicht nur eine bedeutende alternative Newsseite, sondern verfügt offenbar sogar über einen recht kurzen Draht ins Umfeld des künftigen US-Präsidenten. So wechselte der frühere Chefredakteur, ehemalige Banker und Berater der früheren Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin, Stephen Bannon, im August in Trumps Wahlkampfteam. Er ist mittlerweile offiziell zum Chefberater des designierten Präsidenten gewählt worden.

Das Breitbart-Netzwerk wurde 2005 aus den ersten Graswurzelbewegungen des Online-Journalismus in den USA geboren. Sein Name geht auf den 2012 im Alter von nur 43 Jahren verstorbenen Gründer Andrew Breitbart zurück, der in rechtskonservativen Kreisen der USA gleichsam als Legende einer Gegenöffentlichkeit von rechts gilt.

Andrew Breitbart wurde 1969 in Los Angeles geboren und vom Ehepaar Gerald und Arlene Breitbart adoptiert, die der jüdischen Community von Brentwood angehörten. Der Vater war im Bankwesen, die Mutter führte ein Restaurant. Andrew Breitbart bezeichnete sich selbst stets als stolzen Juden, der seine Religion allerdings nur oberflächlich praktizierte.

Deutsche Zeitungen auf einem Verkaufsständer, Berlin, Deutschland, 16. April 2014.

Seinen beruflichen und politischen Werdegang beschrieb Breitbart in seinem 2011 erschienenen Buch "Righteous Indignation", in dem er auch die Anfänge der New-Media-Szene in den USA beschrieb. Ursprünglich seinem Umfeld entsprechend linksliberal, sah Breitbart die Medienkampagne gegen die Ernennung des konservativen afro-amerikanischen Juristen Clarence Thomas zum Richter am Supreme Court im Jahre 1991 als sein politisches "Erweckungserlebnis". Dieser war der sexuellen Belästigung bezichtigt worden – beweisen ließen sich die Vorwürfe jedoch nicht.

Breitbart habe damals die dringende Notwendigkeit erkannt, einer voreingenommenen Medienmaschinerie entgegenzuarbeiten. Er sei politisch fortan ein "Reagan-Konservativer mit libertären Sympathien" gewesen. Vor allem aber nahm er Anstoß an kritischer Medienberichterstattung zu Israel und bezeichnete seinen Wunsch, einer von ihm wahrgenommenen Dämonisierung des jüdischen Staates entgegenzutreten, als eine seiner Hauptmotive, Journalist zu werden.

In den Jahren 2011 äußerte er gegenüber dem Jewish Journal:

Ich bin froh, Journalist geworden zu sein, denn mein Wunsch war es, für die Anliegen des israelischen Volkes zu kämpfen.

Noch in den 1990er Jahren, als das Internet für den Normalbürger noch weitgehend ein Luxusgut war und der Journalismus dort in den Kinderschuhen steckte, war Andrew Breitbart Teil der ersten bedeutenden Online-Projekte in den USA. Er war unter anderem am Aufbau der Huffington Post beteiligt und wirkte an der Expansion des Drudge Reports mit, einer beinharten Enthüllungsplattform. Letztere Seite war 1998 die erste Webpage, die den Lewinsky-Skandal des damaligen Präsidenten Bill Clinton aufbrachte, ehe sich die Mainstream-Medien des Themas annahmen.

Gleichzeitig prägten ihn rechtskonservative Talk-Radio-Größen wie Rush Limbaugh oder die Mitte der 2000er Jahre wie Pilze aus dem Boden schießenden Guerilla-Marketing-Projekte für George W. Bush und dessen Agenda. Zu diesen gehörten unter anderem "Pajamas Media", heute noch als PJ Media existent, oder das aus der Trollgruppe "Communists for Kerry" hervorgegangene Parodie-Projekt "The People's Cube" des aus der Ukraine stammenden Ex-Sowjet-Propagandazeichners Oleg Atbashian, das in Deutschland zwischen 2009 und 2012 im Satire-Blog "Bluthilde" eine Entsprechung fand. Bei PJ war Andrew Breitbart häufiger Autor.

Im Jahr 2005 ging die erste Breitbart-Seite als News-Aggregator online. Die Seite verwies auf Beiträge des Drudge Reports und enthielt Texte von Associated Press, Reuters, Agence France-Presse, Fox News, PR Newswire und dem U.S. Newswire. Zwei Jahre später fand in Jerusalem ein entscheidendes Gespräch zwischen Breitbart und dem Anwalt Larry Solow statt. In diesem ging es um das Ziel, "eine Seite zu starten, die ohne jedwede Scheu für die Freiheit und für Israel einsteht. Wir hatten die anti-israelische Tendenz der Mainstream-Medien und von J-Street satt", so Solow.

Weiter erklärte dieser:

In einer Nacht in Jerusalem, als wir uns gerade zum Abendessen fertigmachten, wandte Andrew sich mir zu und fragte mich, ob ich bereit wäre, mich der 800-Personen-Anwaltsfirma zu entpartnern, in der ich tätig war und sein Geschäftspartner zu werden. Er sagte, er bräuchte mich, um eine Medienfirma zu gründen. Er brauchte meine Hilfe, um "die Welt zu ändern". […] Wir waren völlig hingerissen vom Geist, von der Beharrlichkeit und von der Talentiertheit der israelischen Menschen auf dieser Reise. Andrew konnte sehr überzeugend sein, und erst recht inspirierend, und ich entschied mich dort an Ort und Stelle, eine perfekte, erfolgreiche und sichere Karriere "wegzuwerfen" – wie es Mama genannt hätte -, um mit Andrew Breitbart eine Firma im Bereich der "Neuen Medien" zu gründen.

In diesem Moment war das Breitbart News Network geboren. Die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten im Herbst 2008, die vermeintlich eine Niederlage der konservativen Alternativmedien gegen den Mainstream markierte, half der Plattform erst recht auf die Sprünge. Das Entstehen der "Tea Party" als radikal Establishment-kritischer, fundamentaloppositioneller Bewegung von rechts beflügelte auch nahestehende Medienprojekte. Andrew Breitbart war selbst gern gesehener Redner auf Tea-Party-Veranstaltungen und leistete republikanischen Kandidaten aus deren Umfeld publizistische Schützenhilfe.

In Rubriken wie Big Government, Big Journalism, Big Hollywood oder Big Sports versuchte man, Bloggerjournalismus nahe am Bürger zu betreiben und machte aus seiner Parteilichkeit keinen Hehl. Im Jahr 2011 enthüllte Breitbart News den ersten Skandal um anzügliche Fotos, die der demokratische Kongressabgeordnete und Hillary Clinton-Vertraute Anthony Weiner an Minderjährige verschickte.

Andrew Breitbarts plötzlicher Tod am 1. März 2012 und die Wiederwahl Obamas brachten das Medienprojekt wie die gesamte rechtskonservative Alternativmedien-Landschaft der USA in eine Krise. Auch das Breitbart-Network blieb davon nicht verschont. Das frühe Ableben Breitbarts und ein radikal verändertes Layout stießen ebenso auf Akzeptanzprobleme in Teilen des Publikums wie die inhaltliche Ausrichtung, die stetig ihre Schwerpunkte wechselte.

Während die neokonservativen Töne, die seit der Ära Bush einen hohen Stellenwert in der US-amerikanischen Rechten hatten, an Boden verloren, brachte das Breitbart News Network zunehmend Beiträge, wie man sie zuvor eher auf so genannten "verschwörungideologischen" Seiten wie jenen von Alex Jones oder Jesse Ventura vermutet hätte.

Darüber hinaus versuchte man das Publikum mit sehr brachialer Islamkritik bei Laune zu halten, bezüglich derer jedoch mit Frontpage oder der Seite von Pamela Geller schon längst Platzhirsche vorhanden waren. Diese Ausrichtung hatte auch zur Folge, dass der Londoner Auftritt zu Beginn stark von radikalen Exponenten aus dem Umfeld der British Freedom Party geprägt war. Später wurde die Londoner Plattform zu einem Unterstützungsforum für die EU-kritische UKIP und gehörte zu den wortgewaltigsten Protagonisten des Brexit.

Erst eine größere Investition des Hedgefonds-Managers Robert Mercer, der als Vertrauter Stephen Bannons und der späteren Trump-Kampagnenmanagerin Kellyanne Conway gilt und bereits mehrere konservative Projekte in den USA gefördert hatte, konnte dem Breitbart News Network wieder eine klare Zielrichtung geben.

Die Präsidentschaftskandidatur Trumps und das Aufkommen des Internetphänomens der so genannten "Alt-Right", der "alternativen Rechten", die sich vor allem von der religiösen Rechten und den Neokonservativen abgrenzt, die seit den 1990ern die Republikanische Partei geprägt haben, waren für das Breitbart-Netzwerk wie ein Geschenk des Himmels.

Die Erfolgsaussichten des Breitbart News Networks in Deutschland werden sehr stark von der Personalauswahl und der richtigen Nischenpositionierung abhängen. Der Markt an Alternativmedien ist in Deutschland mittlerweile zwar groß, aber sehr schnelllebig und unübersichtlich.

RT Deutsch hat es, nimmt man die Ergebnisse einer 2015 auf Telepolis ausgewertete SurveyMonkey-Umfrage als Grundlage, geschafft, in allen politischen Spektren außerhalb der etablierten Mitte Fuß zu fassen. Im politisch linksstehenden Publikum informiert man sich offenbar ebenso gerne bei RT Deutsch wie dies bei AfD-Anhängern oder Nichtwählern der Fall ist.

Progressive dürften als potenzielles Breitbart-Zielpublikum hingegen wohl von vornherein ausscheiden. Die Plattform wird daher ihre Marktnische dort finden müssen, wo sich derzeit ein Sammelsurium an rechtslibertären, religiösen, nationalkonservativen oder auch reißerischen bis verschwörungstheoretischen Projekten bewegt und in Fragen wie der Ukrainekrise, der Haltung zu Russland oder der wirtschaftspolitischen Ausrichtungen höchst heterogen ist. Vor allem aber auch mit Blick auf die Bewertung der Politik Israels - zu der Breitbart News eine sehr pointierte Position einnimmt - gehen die Einschätzungen auch auf der Rechten weit auseinander.