Die Wirtschaft brummt - Jeder fünfte in Deutschland von Armut bedroht

Die Wirtschaft brummt - Jeder fünfte in Deutschland von Armut bedroht
Ein Obdachloser schläft mit seinen wenigen Habseligkeiten in einer Bushaltestellte, Kreuzberg, Berlin; 8. April 2014
Laut aktuellen Erkenntnissen des Statistischen Bundesamts waren im Jahr 2015 gut 20 Prozent der Bevölkerung von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Zahlen stagnieren seit 2008.

Im europäischen Vergleich steht Deutschland damit nach aktuellen Erkenntnissen des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden, noch recht gut da. EU-weit lag der Anteil der von Armut und sozialem Abstieg bedrohten Menschen im gleichen Zeitraum mit 23,7 Prozent noch um einiges höher.

Proteste am Feiertag der Wiedervereinigung im Jahr 2015 in einem Zelt in Frankfurt, 3. Oktober 2015.

Nach Definition des Statistischen Bundesamts gilt eine Person als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn folgende drei Bedingungen gegeben sind:

Ihr Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze (die Person ist also von Einkommensarmut bedroht), ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen, oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung (bezogen auf die Erwerbsbeteiligung von Personen im Alter von 18 bis 59 Jahren).

Auch wenn die Zahlen nach Angaben der Behörde seit 2008 stagnieren, besteht aufgrund der Tatsache, dass jeder fünfte Deutsche von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht ist, kaum Grund zur Freude. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, sieht vielmehr akuten Handlungsbedarf, denn:

Trotz der anhaltend guten wirtschaftlichen Zahlen gibt es keinen deutlichen Rückgang der Armut.

Nach Ansicht von Ulrike Mascher müsse die Armut endlich wirksam bekämpft werden, etwa mit einem auf mindestens 11,60 Euro erhöhten Mindestlohn. De facto steigt dieser 2017 auf 8,84 Euro.

Noch gut in Erinnerung sind in diesem Zusammenhang vielen die apokalyptischen Prophezeiungen der Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsvertreter, wonach die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, nicht nur eine massive Abwanderung deutscher Unternehmen zur Folge gehabt, sondern auch den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen bedeutet hätte.

Eine Studie des Ökonomen Alfred Garloff vom Bundeswirtschaftsministerium ergab nun jedoch, dass das Zeichnen dieses Schreckgespensts unbegründet war. Seiner Analyse folgend waren negative Auswirkungen der Lohnuntergrenze lediglich bei den sogenannten „Minijobs“ messbar.

Positive Auswirkungen gab es hingegen bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen und dies „sei vielmehr politisch wünschenswert“.

Der Sozialverband Arbeiterwohlfahrt (AWO) kritisiert derweil, dass in Deutschland nach wie vor zu viele Menschen "abgehängt und ausgeschlossen" seien und schlussfolgert:

Ein alltägliches Bild in Berlin: Bedürftige sammeln leere Pfandflaschen aus Mülleimern.

Die tatsächlichen Lebensbedingungen der Menschen haben in Deutschland immer weniger mit der gesamtwirtschaftlichen Lage zu tun. 20 Prozent der Bevölkerung sind von Teilhabe und Wohlstand ausgeschlossen. Diese Zahl ist seit acht Jahren konstant und steht im starken Widerspruch dazu, dass wir aktuell die niedrigste Arbeitslosenzahl seit 25 Jahren haben. Hier wird eine bedenkliche Entkopplungstendenz sichtbar.

Der Sozialverband stellt des Weiteren fest:

Europaweit besteht in der Bundesrepublik die höchste Vermögensungleichheit. Während die untere Hälfte der Haushalte nur über rund ein Prozent des gesamten Nettovermögens verfügt, besitzen die oberen 10 Prozent fast 60 Prozent.

Die Daten des Statistischen Bundesamts stammen aus der Erhebung "Leben in Europa" (EU-SILC). Obwohl demnach, wie erläutert, jeder fünfte Deutsche von Armut bedroht ist, waren effektiv - sowohl in Deutschland als auch EU-weit - im vergangenen Jahr mehr Frauen als Männer betroffen. Hierzulande lag der Frauenanteil bei 21,1 Prozent und der der Männer bei 18,8 Prozent.

Von den insgesamt 12,9 Millionen Kindern in Deutschland unterliegen 2,4 Millionen einem Armutsrisiko - dies entspricht etwa jedem fünften Kind.

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