Oops, he did it again: Winfried Kretschmann lobt Merkel über den „grünen Klee“

Oops, he did it again: Winfried Kretschmann lobt Merkel über den „grünen Klee“
Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der baden-württembergische Ministerpräsident, Winfried Kretschmann, gemeinsam im Bundeskanzleramt, Berlin, Germany; 16 Juni, 2016
Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann wünscht sich eine vierte Amtszeit Angela Merkels und kennt niemanden, „der diesen Job besser machen könnte“ als die amtierende Regierungschefin.

Dies sagte der Grünen-Politiker in einer ARD-Sendung am 2. November. „Das fände ich sehr gut“, so der Ministerpräsident auf die Frage nach einer erneuten Kanzlerkandidatur der CDU-Vorsitzenden. Doch damit nicht genug des Lobes für die amtierende Regierungschefin, denn laut Kretschmann sei Merkel „[…] sehr wichtig in der europäischen Krise“.

Doch nur wer nicht vertraut ist mit der aktuellen deutschen Parteienlandschaft und dem längst begonnenen Machtpoker, mag da an seinem Hörvermögen gezweifelt haben. Im Angesicht des Zweifels neigen gläubige Menschen oft dazu sich dem Gebet zu widmen, so auch Winfried Kretschmann, der sich auch aufgrund der Flüchtlingspolitik bereits vor geraumer Zeit bekehrt zeigte:

Linke-Fraktionschef ruft zum Merkel-Sturz auf.

Sie verfügt über die nötige Erfahrung als Krisenmanagerin. Welcher ihrer Amtskollegen in der EU soll denn Europa zusammenhalten, wenn sie fällt? Da ist weit und breit niemand in Sicht. Deshalb bete ich jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt.

Dem ist an Kanzlergläubigkeit wenig hinzu zu fügen und dennoch haben es Kretschmann jüngste Äußerungen in sich, denn es darf durchaus als ungewöhnlich erachtet werden, dass der einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands offensichtlich der Ansicht ist, dass die Vertreterin einer konkurrierenden Partei, einen besseren „Job“ machen würde, als das Personal der eigenen. Während sich also Kretschmann in konsequenter Lobhudelei ergeht, zögern die eigenen Koalitionsfreunde der Kanzlerin noch zu einem beachtlichen Teil damit, sich öffentlich für eine vierte Amtszeit Merkels stark zu machen.

Kretschmanns Äußerungen sorgten denn auch für gehörigen Unmut bei den Grünen. So zeigte sich Fraktionschef Anton Hofreiter „not amused“ über die Äußerungen des Ministerpräsidenten:

Wir Grünen bleiben bei unserem Kurs der Eigenständigkeit. Das heißt: Wir werben für uns und nicht für irgendein Bündnis.

Aus diesen Worten geht ziemlich direkt hervor, worum es dem Ministerpräsidenten Baden-Württembergs bei seiner nicht ersten und voraussichtlich nicht letzten verbalen Umarmung Merkels gegangen sein muss, nämlich das zärtliche Werben für eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene. Darauf verweist auch die Kritik an Kretschmanns jüngsten Äußerungen seitens des Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir:

Es bleibt dabei: Wir führen jetzt keine Koalitionsdebatten, sondern konzentrieren uns darauf, unser Wahlergebnis zu verbessern, indem wir deutlich mehr Menschen gewinnen als bei der letzten Bundestagswahl.

Trotz des kämpferisch anmutenden Wortlauts dieser Kommentare, kommt man doch nicht umhin, aus ihnen eher ein Zeichen der Schwäche als der Stärke heraus zu lesen. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen und dieser ließ in der Tat nicht lange auf sich warten. So ließ es sich der Parteichef der Linken, Bernd Riexinger, denn auch nicht nehmen Kretschmanns Äußerungen dementsprechend zu kommentieren:

Wie ein BVB-Fan der Schalke die Daumen drückt. Völlig absurd! Vielleicht sollte er die Mannschaft wechseln […] Kretschmann ist ein überzeugter Anhänger von Schwarz-Grün, der versucht, die Partei in Richtung Schwarz-Grün zu orientieren.

Weiter gibt Riexinger zu bedenken, dass „wer mit Merkel ins Bett geht, mit Seehofer im Arm aufwacht“. Die Zeiten in denen diese Vorstellung jedem Grünen schlaflose Nächte bereitet hätte, scheinen längst Teil einer nostalgischen Vergangenheit zu sein. Eine Vergangenheit als ernstzunehmende Stimme der Opposition, von der die Partei jedoch nach wie vor zehrt. Jedoch, Wähler können die Grünen mit dieser Art parteipolitischem Spagat offensichtlich nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

CSU-Politiker wollen Merkel als Kanzlerkandidatin

Bei den Grünen werden Politiker wie Winfried Kretschmann gerne als „Realos“ tituliert. Doch wieweit ist es mit dem Realitätssinn her, wenn für die Option der Macht, das eigene Profil in ein Säurebad getunkt wird?

Noch scheint es bei den Grünen „Idealos“ zu geben, in der Zwischenzeit werden sie vielsagend als „Fundis“ bezeichnet, die diese Entwicklung nicht unbedingt begrüßen. Doch der baden-württembergische Grünen-Landeschef Oliver Hildebrandt sieht angesichts der Äußerungen Kretschmanns, keinen Grund Merkel „über den grünen Klee“ hinaus zu anzupreisen und äußerte sich des Weiteren wie folgt:

Die Blockadehaltung der Union beim Klimaschutz mit Angela Merkel an der Spitze ist ökologisch verantwortungslos und ein Armutszeugnis.

Ob bei dem parteiübergreifenden Machtgeschacher noch jemand einen ernsthaften Gedanken an den eigenen Markenkern, oder gar den Wähler verliert, darf daher bezweifelt werden. Die Konsequenzen derartiger „Politik“ sind landesweit zu spüren, zu sehen und zu hören. Öffentlichkeitswirksame  Reflexion, Gebet und innere Einkehr ob dieser "Politikverdrossenheit" in weiten Teilen der Bevölkerung, Fehlanzeige.

Dennoch, Winfried Kretschmann selbst gilt als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands, was jedoch wohl weniger seiner Zugehörigkeit zur Grünen Partei, als vielmehr seiner Person als solcher und seinem oft als "unorthodox" bezeichneten Politikstil geschuldet ist.

Auf ihrem Parteitag vom 11. bis 13. November in Münster, wollen die Grünen über ihre künftige Ausrichtung debattieren.

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