Gute Bomben auf Mossul – böse auf Aleppo: Spiegel Online beruft sich auf IS-Propagandamaterial

Gute Bomben auf Mossul – böse auf Aleppo: Spiegel Online beruft sich auf IS-Propagandamaterial
IS-Streetlife: Spiegel Online zeigt fröhliches Flanieren in der Terroristenhochburg. Quelle: "Islamischer Staat"
Für den Mainstream steht fest: Der Kampf um Mossul ist gut und gerecht, die Angriffe auf Aleppo sind Kriegsverbrechen. Um dieses Narrativ zu stützen, greift Spiegel Online bei Bedarf auch auf Propagandamaterial des "Islamischen Staates" zurück.

In den deutschen Medien geht eine große Furcht um. Es ist die Furcht davor, dass offen ausgesprochen wird, was eigentlich auf der Hand liegt: Dass sich das Vorgehen der US-geführten Anti-Terrorallianz in Mossul nicht substantiell vom Vorgehen Russlands und der syrischen Regierung in Aleppo unterscheidet.

Dabei hatte die transatlantische Presse monatelang daran gearbeitet, Aleppo zum neuen Auschwitz oder doch zumindest zum neuen Stalingrad zu stilisieren. Zivile Opfer, die es leider in jedem Krieg gibt, wurden als bewusste und gewollte Kriegsverbrechens vor allem vonseiten Russlands dargestellt. Unterlegt wurde dies stets mit schockierenden Bildern vom Leid der Menschen in der umkämpften Stadt.

Seit dem 17. Oktober lässt sich dieses Bild nur noch schwer aufrechterhalten. Seit diesem Tag attackieren kurdische und türkische Kräfte – unterstützt von US-Bombern in der Luft – die irakische Stadt Mossul. Bisher ist Mossul eine Hochburg des "Islamischen Staates", aber eben auch das Zuhause von rund einer Million Menschen.

Bild-Online-Chefredakteur Julian Reichelt ließ es sich nicht nehmen, höchstpersönlich eine Folge des RT-Deutsch-Medienmagazins 451° aufzugreifen und sich an der Erkenntnis abzuarbeiten, die da lautet: Es gibt keine "guten" und "bösen" Bomben. Natürlich lasse sich Aleppo keinesfalls mit Mossul vergleichen, so Reichelt. Und natürlich seien auch US-amerikanische Atombomben besser als russische, denn die Befehlshaber in Washington würden eine grundsätzliche Achtung vor dem Leben haben. Anders als die dunklen Mächte im Kreml. Dass die USA das einzige Land der Welt sind, welches Atombomben bisher tatsächlich eingesetzt hat, ist für Reichelt eine unbedeutende Fußnote der Geschichte. Für die Menschen von Hiroshima und Nagasaki ist es bis heute traurige Realität.

Doch Julian Reichelt kämpft nicht alleine an der medialen Front, wenn es in der aktuellen Debatte darum geht, die Kämpfe um Aleppo als Kriegsverbrechen und jene um Mossul als Befreiung zu werten. Treu an Reichelts Seite steht Christoph Sydow, eifrig schreibender Nahost-Redakteur auf Spiegel Online.

Dem aufmerksamen Medienkonsumenten ist Sydow - dessen Gesichtsbehaarung sich ohnehin an der neuesten Bartmode aus Rakka zu orientieren scheint – bereits hinlänglich bekannt. Nicht zuletzt dank Schlagzeilen wie "Die Islamisten sind Aleppos letzte Hoffnung".

Sydow schreibt per se nur vom Assad-"Regime" und lässt keine Zweifel bei der Frage aufkommen, auf wessen Seite er im Konflikt zwischen legitimer Regierung und islamistischen Kampfverbänden steht. Seinem Expertenstatus auf Spiegel Online schadet die dschihadistische Fankultur des Redakteurs bisher nicht.

Vergangene Woche dann die Selbstentlarvung: Die Gleichsetzung der Situation in Mossul und Aleppo, es wurde eingangs erläutert, ist nichts weiter als plumpe (russische) Propaganda. Um das zu belegen, produzierte Sydow eigens ein kleines Erklärvideo.

Natürlich, so Sydow, sind die beiden Städte keinesfalls vergleichbar. Das belegen allein schon die Bilder. Ausgebombte Häuser, zerstörte Straßenzüge, traumatisierte Menschen in Syrien. Hingegen Streetlife und lecker Grillspieße im Irak.

Auch für Feinschmecker ein Erlebnis - Spiegel Online präsentiert Mossuls Leckereien. Quelle: "Islamischer Staat"

Das Problem: Um die ansprechende Straßenatmosphäre in Mossul zu visualisieren, bediente sich Sydow ausgerechnet des neuesten Propagandamaterials, das der "Islamische Staat" produziert hat, der die irakische Stadt seit Mitte 2014 im Würgegriff aus Terror und Einschüchterung hält. Amaq News Agency lautet der Name des IS-Sprachrohrs, welches Sydow zunächst ohne jegliche kritische Einordnung oder Kennzeichnung als Materialquelle auffuhr.

Den Fall aufgedeckt hatte die medienkritische Plattform Bildblog und schlussfolgerte:

Wenn "Spiegel Online" sich Propagandamaterial von Terroristen zu eigen macht, dann kann man seinen harschen Kritikern, die vom "propagandaspiegel" schreiben, in diesem Fall leider nicht mal widersprechen.

Die Redaktion von Spiegel Online wollte die Kritik nicht unkommentiert lassen, entschuldigte sich für den sicherlich unintendierten Lapsus und gab bekannt, das Bildmaterial nachträglich zu kennzeichnen. Am Ende wurde das Narrativ also doch noch einmal geradegerückt: In Mossul leben, trotz der US-geführten Offensive auf die Stadt, natürlich nur glückliche Menschen. Das steht so auf Spiegel Online. Quelle: Propagandavideo des IS. Noch Fragen? Wir nicht.

Spiegel Online meldet: Gute Laune und Top-Versorgung in Mossul. Quelle: "Islamischer Staat"