Krieg macht Karriere: Bundeswehr geht auf Youtube in die Personaloffensive

Krieg macht Karriere: Bundeswehr geht auf Youtube in die Personaloffensive
Bundeswehr-Soldaten während eines Übungs- und Informationstages in Münster; Deutschland, 9. Oktober 2015
Die Bundeswehr soll "mehr Verantwortung" übernehmen. Der Militärhaushalt soll steigen. Der Bundeswehr fehlt aber das Personal, um die Forderungen der Politik in die Tat umzusetzen. Doch Rettung naht: Die Bundeswehr soll zum Modellarbeitgeber gemacht werden.

Von dem römischen Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero sind die Worte überliefert, wonach "keine Festung so stark ist, dass Geld sie nicht einnehmen könnte". Allgemein stellt man sich unter einer Festung ja ein mächtiges Bollwerk aus Steinen vor. Doch manchmal sind die zu überwindenden Widerstände auch von ganz anderer Beschaffenheit.

In einer von TNS Infratest durchgeführten Umfrage im Auftrag der Hamburger Körber-Stiftung sprachen sich 2014 nur 13 Prozent aller Deutschen für ein stärkeres Engagement der Bundeswehr in der Welt aus. Ganze 82 Prozent meinten gar, das deutsche Militär solle sich weniger stark engagieren. Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen, um aus dem Beruf des Soldaten einen Traumjob zu machen. Oder gar, um die Bundeswehr als Modellarbeitgeber zu bewerben.

Doch Geld soll nun auch diese Festung einnehmen. Oder zumindest sturmreif schießen. Die Bundeswehr leidet unter Personalmangel. Das hat zum einen mit der Umwandlung in eine Berufsarmee zu tun, zum anderen aber auch mit den Wünschen der Politik, dass die Bundeswehr "mehr Verantwortung" übernehmen soll. Dabei geht es nicht nur um mehr Auslandseinsätze.

Auch der Einsatz im Inneren soll ausgebaut werden und verlangt nach mehr Manpower. Cyber-Kriegsführung, die Überwachung im Innern und Terrorismusbekämpfung stehen ebenfalls noch auf den Einsatz- respektive Schichtplänen. Da aber statistisch gesehen jeder Vierte, der einen freiwilligen Wehrdienst beginnt, diesen vorzeitig abbricht, werden jetzt andere Saiten aufgezogen.

Nicht kleckern, sondern klotzen lautet jetzt der Marschbefehl. Deutschland hatte 2014 noch rund 2,17 Millionen Euro für Öffentlichkeits- und Informationsarbeit der Bundeswehr ausgegeben. Hinzu kamen noch rund 3,5 Millionen für Messen und Ausstellungen im Rahmen der Personalakquise. Für das Jahr 2015 betrugen die vorgesehenen Gesamtausgaben laut Bundesregierung bereits 35,5 Millionen Euro. Besonders ins Auge sticht die dabei die fortgeschrittene Zusammenarbeit der Bundeswehr mit der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die Bundeswehr schreibt dazu:

Die gute Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und BA in den Kooperationsfeldern Personalgewinnung von Soldatinnen/Soldaten und zivilen Beschäftigten, Personalvermittlung von ausscheidenden Soldatinnen/Soldaten auf Zeit sowie Personaltransfer wird weiter ausgebaut. Vorhandene Prozesse werden optimiert und verstetigt.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums halten in den Büros von rund 200 Arbeitsagenturen und Jobcentern Berater der Bundeswehr regelmäßig Sprechstunden ab. An 160 Agenturstandorten finden Vorträge statt. Die Bemühungen der Bundeswehr in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit treiben zum Teil ganz wunderliche Blüten. So können einem Hartz-IV-Empfänger, der ein Arbeitsangebot der Bundeswehr ablehnt, die Leistungen gekürzt werden.

Auch im Bildungsbereich geht die Bundeswehr in die Offensive. Mit Zustimmung der Kultus- und Schulministerien wirbt man um Kinder und Jugendliche. Das Kooperationsvolumen steigt. An der Hochschule von Bremen gibt es jetzt sogar die Möglichkeit eines "dualen Studiengangs": Man kann sich dort für eine spätere Karriere bei der Bundeswehr ausbilden lassen.

Die Werbung um neue Rekruten und Angestellte kann aber natürlich dann nicht funktionieren, wenn das Image nicht stimmt. Deswegen soll sich die Braut Bundeswehr nun auch entsprechend aufhübschen. Im Februar 2015 wurde dafür schon ein eigenes Gesetz verabschiedet, das sogenannte Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz (BwAttraktStG). Und auf dessen Grundlage wird jetzt aus Rohren geschossen.

Das aktuellste Beispiel ist eine eigene Serie der Bundeswehr. "Die Rekruten", eine "Reality-Doku", wird ab dem 1. November auf dem YouTube-Kanal der Bundeswehr starten. Die Serie begleitet 12 Rekruten während ihrer Grundausbildung an der Marinetechnikschule in Parow (Stralsund). "Wir zeigen die Höhen und bewusst auch die Tiefen. In den drei Monaten Grundausbildung kommt jeder Rekrut an seine Grenzen", so Dirk Feldhaus, Beauftragter für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr.

Wer schneller an seine Grenzen stößt, die Rekruten oder die Zuschauer, bleibt abzuwarten. Es ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland vor sportlichen Großereignissen Kampfflugzeuge über ein Stadion donnern, wie dies in den USA schon üblich ist.

Einen Blick in die Zukunft ermöglicht auch der neue Slogan der Bundeswehr. Hieß es noch vor kurzem eher martialisch stammelnd "Wir! Dienen! Deutschland!", erfreut man sich jetzt des weicheren "Mach, was wirklich zählt." Was vielleicht im Umkehrschluss so viel bedeuten soll wie, dass Politik und Diplomatie in Zukunft sowieso ausgespielt haben. 

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