Todenhöfer vs. Tastaturhelden: "Manchmal muss man selbst seinen Arsch in Kriegsgebiete bewegen"

Ein 75-jähriger früherer Politiker und Medienmanager, der das alles nicht mehr nötig hätte, macht die Arbeit, die eigentlich der aktiven Journalistengeneration obliegen würde. 

Bild: Jürgen Todenhöfer
Ein 75-jähriger früherer Politiker und Medienmanager, der das alles nicht mehr nötig hätte, macht die Arbeit, die eigentlich der aktiven Journalistengeneration obliegen würde. Bild: Jürgen Todenhöfer
Wieder einmal ist es Jürgen Todenhöfer gelungen, den gesamten deutschen Medienmainstream und dessen Arbeit zum Syrien-Krieg vorzuführen. Und wieder einmal wird Todenhöfer dafür attackiert. Doch der Journalist reagiert mit einem treffsicheren Konter.

Auch wenn es um die Berichterstattung der deutschen Medien zum Krieg in Syrien geht, hat deren Inhalt oft wenig mit der Realität zu tun. Zum einen hält sich in den Redaktionsstuben hartnäckig die Erzählung von den so genannten "moderaten Rebellen", die offenbar die authentische Stimme des geschundenen Volkes wären. Selbst im Spiegel wurden die dschihadistischen Milizen schon als geringeres Übel im Vergleich zur Assad-Regierung gefeiert.

Zum anderen verwahren sich die Meinungsmacher aufs Schärfste gegen jeden Beleg, der aufzeigt, dass die Kämpfer von IS, al-Nusra und Co. direkt oder indirekt Unterstützung aus Washington, Riad oder sogar aus Israel erhalten. Dem übergeordneten Ziel verpflichtet, Assad zu entmachten, wäscht man sogar fundamentalistische Islamisten rein, deren Terror-Netzwerke mittlerweile längst auch nach Europa reichen, wie man spätestens nach den letzten Anschlagswellen in Frankreich und Deutschland weiß.

Dass genau diese Form und Richtung der Unterstützung existiert, gab nun sogar ein al-Nusra-Kommandant vor Jürgen Todenhöfers laufender Kamera zu. Zusammen mit seinem Sohn ist der Journalist in das umkämpfte Gebiet bei Aleppo gereist, um das aufsehenerregende Gespräch zu führen. Darin mangelt es nicht an Aussagen, die westliche Medien ziemlich alt aussehen lassen. Todenhöfers Interview mit dem Kommandanten, der sich Abu Al Ezz nennt und einige Hundert Kämpfer unter seinem Befehl hat, zeigt auf, wie tief der Westen selbst in die Kriegswirren verstrickt ist und Verantwortung dafür trägt, dass die Strukturen des Terrors auch nach fünf Jahren des Krieges in Syrien immer stärker statt schwächer werden. Dabei ist von Millionenzahlungen und Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien, den USA und Israel die Rede:

Enthüllungen, welche für den Westen durchaus unangenehm sind. Doch nachdem sich jüngst erst der Spiegel vor Gericht eine blutige Nase bei dem Versuch geholt hat, Todenhöfer zu diskreditieren und dessen Berichterstattung unglaubwürdig zu machen, agieren die Schreibtischkrieger nun vor allem von Publikationen aus der zweiten Reihe aus. So unterstellt etwa Lars Hauch auf dem mittlerweile weitestgehend irrelevanten "Autorenblog" Carta Todenhöfer, einen Fake produziert zu haben.

Jürger Todenhöfer, Journalist und Autor

Ins gleiche Horn blasen das "hippe" Vice-Magazin und die Gratisblogger-Plattform zum Mitmachen, die Huffington Post. All diese Publikationen sind bekannt dafür, in geopolitischen Fragen stets streng bis aggressiv die transatlantische Leitlinie zu verteidigen. Diesmal lässt sich jedoch eine neue Entwicklung beobachten: Der jüngste Versuch des Todfenhöfer-Bashings hat es bisher noch nicht über diese randständigen Webseiten hinaus in den Mainstream geschafft.

Nichtsdestotrotz macht sich der frühere Bundestagsabgeordnete die Mühe, auf die Attacken einzugehen. Teils handelt es sich dabei um absurde Vorwürfe, die sich mithilfe einer einfachen Recherche leicht aus der Welt schaffen lassen. So lautet ein Vorwurf, es sei unüblich, dass Todenhöfers Interview-Partner keinen Bart trägt, dafür aber einen goldenen Ring. Der genaue Aufnahmeort des Interviews wurde von Todenhöfers "Kritikern" falsch lokalisiert, um dem Journalisten und Autor dann vorzuwerfen, die Aufnahmen seien in einem Gebiet entstanden, das unter der Kontrolle von Truppen Assads steht. Wenige Bilder und Sätze reichen jedoch aus, um diese Vorwürfe in der Luft zu zerpflücken:

Todenhöfers Fazit: Dank des Internets lassen sich zwar viele Informationen in kürzester Zeit zusammentragen, doch das ersetzt noch lange nicht die traditionelle Aufgabe von Reportern, selbst in Kriegs- und Krisengebiete zu fahren und auf eigene Faust zu recherchieren:

Manche Dinge kann man eben nicht am Computer herausfinden, sondern man muss höchstpersönlich seinen Arsch unter großen Risiken in die Kriegsgebiete bewegen. Computer-Helden machen das leider nie. Und das ist nicht geschenkt, das ist dilettantisch und unverantwortlich."

In der Tat: Die Tastaurhelden wirken mit ihren Angriffen gegen den erfahrenen Reporter eher hilflos und peinlich. Für die transatlantische Mainstreampresse wird es offenbar immer schwieriger, ihr bisheriges Narrativ aufrechtzuerhalten, nach dem im Syrien-Krieg vor allem "moderate" Kräfte gegen einen schrecklichen Diktator kämpfen.

Umso mehr ist es an der Zeit, dass die Unterstützung dschihadistischer Fundamentalisten durch westliche Kanäle schonungslos aufgedeckt wird. Das wäre eine Aufgabe, der sich in einem gesunden Mediensystem jeder ernsthaft arbeitende Journalist verpflichtet sehen sollte, nicht nur ein 75-Jähriger, der auf eigene Faust nach Syrien reist, obwohl er es nicht einmal nötig hätte.