BILD.de-Onlinechef Reichelt attackiert Augstein und RT Deutsch nach Snowden-Veranstaltung

Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt. Foto: Screenshot 20zwoelf.de
Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt. Foto: Screenshot 20zwoelf.de
BILD.de-Chef Julian Reichelt ist mal wieder empört. Auf Twitter sondert der fanatische Snowden-Gegner Pöbeleien gegen Jakob Augstein ab, weil dieser als Moderator einer Veranstaltung RT Deutsch-Reporterin Maria Janssen eine Frage stellen ließ.

Schon seit Bekanntwerden der ersten Enthüllungen von Edward Snowden präsentierte sich BILD.de-Chefredakteur Julian Reichelt als überzeugter Gegner des Whistleblowers und sparte dabei nicht mit heftigen Vorwürfen gegen den ehemaligen NSA-Mitarbeiter. Natürlich sei dieser ein "Verräter", der die westliche Sicherheit gefährde und Terroristen in die Hände spiele. Eine Unterstellung, die auch drei Jahre nach Snowdens Veröffentlichungen anhand keines einzigen realen Falles untermauert werden konnte. Ungeachtet dessen gibt Reichelt praktisch wortgetreu die PR-Vorlagen von NSA, BND und Co. in der Affäre wieder. Es ist nicht übertrieben, den Springer-Schreiber als mediales Sprachrohr der Abhördienste zu bezeichnen.

Laut BILD und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen ein Spion im Auftrag des Kremls: Der NSA-Whistleblower Edward Snowden.

Auch im Zusammenhang mit der jüngsten Schmutzkampagne fiel dem MDR die traute Einigkeit auf, mit der BILD und Verfassungsschutz gemeinsam versuchten, Snowden als russischen Agenten zu diskreditieren. Eine Kampagne, die ebenfalls scheiterte. Über die gesamte Breite der Gesellschaft werden Snowdens Enthüllungen zu Massenüberwachung und Datenspitzelei als äußerst wichtiger Dienst an der Zivilgesellschaft wahrgenommen.

Eine Veranstaltung der Berliner Volksbühne in der vergangenen Woche, zu der Snowden aus seinem Moskauer Exil live hinzugeschaltet wurde, erregt nun erneut das höchst emotionale Gemüt von Bild.de-Chef Reichelt. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion gab Moderator Jakob Augstein dem Publikum die Möglichkeit, direkte Fragen an den Whistleblower zu stellen. Viele Hände gingen hoch, längst nicht alle erhielten das Mikrofon. Doch wie es der Zufall so will, wurde kurz vor Schluss RT-Deutsch-Moderatorin Maria Janssen von Augstein aufgerufen und erhielt vom Spiegel-Miteigner und Moderator des Abends sogleich Komplimente für ihr T-Shirt, auf dem in großen Lettern "Free Chelsea Manning" stand. Es folgten Maria Janssens Frage und Snowdens Antwort. Natürlich auf Video festgehalten:

Für Reichelt wiegt dieser "Vorfall" schwer. Mit wüsten Anschuldigungen macht der „Journalist“ zur Stunde seinem Ärger auf Twitter Luft. RT Deutsch und Augstein werden dabei gleichermaßen attackiert. Zwar waren naturgemäß die Angestellten der Volksbühne, die sich um die Presseakkreditierungen kümmerten, nicht Augstein in seiner Rolle als Moderator des Abends. Für Reichelt jedoch kein Grund, von einem Frontalangriff als Einstieg abzusehen:

Und weiter:

Dann holt der Springer-Polterer zum ganz großen Wurf aus. Zwar war es ausgerechnert Reichelts BILD, der in einer wissenschaftlichen Studie der Anspruch aberkannt wurde, ein journalistisches Produkt zu sein, aber Angriff war ja schon immer die beste Verteidigung. Die Hauptvorwürfe der dreiteiligen Untersuchung lauteten übrigens: BILD zeichnet sich vor allem durch Parteilichkeit, Willkür in der Themenauswahl und Kampagnen-Journalismus aus. Ausgerechnet Reichelt, der eine dubiose Nähe zu US-amerikanischen und deutschen Geheimdiensten pflegt, lässt nun verlauten:

Nach der ersten Welle Reichelt'scher Auswürfe versucht der angegriffene Jakob Augstein die Wogen zu glätten:

Jedoch ohne Erfolg. Auch der Hinweis, welche Aufgaben Moderatoren einer Podiumsdiskussion übernehmen und welche nicht, bleibt ungehört:

BILD wäre nicht BILD, wenn seine Macher es nicht verstünden, sich in eine einmal losgetretene Story festzubeißen. Da wird auch ein NATO-kritisches Zitat von Bodo Ramelow in der Wochenzeitung "der Freitag", die Augstein ebenfalls herausgibt, zum schlagenden Beweis für dessen Teilhaftigkeit an der russischen Weltverschwörung. Es folgen Herleitungen, die jeden zertifizierten Aluhut vor Neid erblassen lassen würden:

Es bleibt nur die kalte Schulter und ein Moment, den jedes Stalking-Opfer nur zu gut kennt:

Die Redaktion des "Freitag" reagiert mit einem süffisanten Tweet:

Man kann gespannt sein, welche mediale Großverschwörung des Kremls Julian Reichelt als nächstes aufdeckt. Klar ist einmal mehr: Für Reichelt endet die Pressefreiheit da, wo der Widerspruch zu den "eigenen" Positionen - oder besser gesagt: jenen der NATO und NSA - beginnt. Dass eine solche Einstellung mit einer Führungsposition bei Deutschlands größtem Boulevardblatt belohnt wird, wirft kein gutes Licht auf die deutsche Presselandschaft.