Umwegen und Warnung zum Trotz: Immer mehr deutsche Besuchergruppen bereisen die Krim

Die Gruppe aus Baden-Baden mit Gerhard Ell (zweiter von links) mit russischen Gastgebern. Zweiter von rechts ist Andrej Rostenko, der Chef der Stadtverwaltung von Jalta .
Die Gruppe aus Baden-Baden mit Gerhard Ell (zweiter von links) mit russischen Gastgebern. Zweiter von rechts ist Andrej Rostenko, der Chef der Stadtverwaltung von Jalta .
Trotz Krim-Warnung und Verweigerung des Auswärtigen Amtes auf diplomatischen Schutz reisen immer mehr deutsche Bürger auf die Krim. Gruppen, die auf kommunaler Ebene entstehen, engagieren sich für das Wiederbeleben lange gepflegter Kontakte.

Zwei Kurorte, die sich gut verstehen: Jalta und Baden-Baden. Vom 12. bis 20. September bereisten gleich zwei Gruppen deutscher Bürger von insgesamt über 20 Personen aus Baden-Baden und anderen Orten Jalta und andere Sehenswürdigkeiten der Halbinsel. Auf dem Programm stand vor allem der Besuch touristischer Ziele, es gab aber auch ein Treffen mit der Stadtverwaltung und Konzerte einer Musikgruppe der Föderalen Nationalen Kulturautonomie der Russlanddeutschen (FNKA) in Jalta.

Der Vorstand im Verein für Städtepartnerschaft und Leiter der Reisegruppe, Gerhard Ell, besuchte zudem am Wahltag, dem 18. September, zusammen mit seiner Frau das Wahllokal 507, um sich zu vergewissern, dass die Wahlen "demokratisch und ohne jeglichen Druck stattfinden".

Gerhard und Uta Ell waren bereits 2014 die ersten Baden-Badener, die nach der Verhängung der Sanktionen gegen die Bevölkerung der Krim der Halbinsel einen halboffiziellen Besuch in Jalta abstatteten. Im August 2015 verlieh die Kommission des Stadt- und Gemeinderates Gerhard Ell die Auszeichnung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Jalta - ein Ehrenamt, das in der Stadt einmal im Jahr und nur an eine Person verliehen wird.

Gerhard Ell und seine Frau Uta (rechts) präsentieren ein Bild einer Straße in Baden-Baden, die den Namen "Jalitischer Ring" trägt
Gerhard Ell und seine Frau Uta (rechts) präsentieren ein Bild einer Straße in Baden-Baden, die den Namen "Jalitischer Ring" trägt

Er und seine Frau gelten als "Motoren" der Städtepartnerschaft zwischen dem berühmten Seebad auf der Halbinsel und dem badischen Kurort. Im Partnerschaftsverein der Stadt Baden-Baden, der 300 Mitglieder zählt, hat der Aktivist viele Unterstützer. Die Gruppen, die zum ersten Mal seit dem Krisenjahr 2014 die Krim bereist hatten, waren hochkarätig besetzt: ehemalige Stadträte, Ärzte, Professoren. Das Studium der lokalen Presse deutscher Partnerstädte machen klar, dass für eine Reise auf die "verbotene" Halbinsel nicht nur gesellschaftliches Gewicht unverzichtbar ist, sondern auch ein bisschen Mut.

Stadträte von Heidelberg, Ludwigsburg und Baden-Baden, die jeweils mit Simferopol, Jewpatorija und Jalta seit den 1990er Jahren gesellschaftliche Kontakte unterhalten, sind seit 2014 mit den gleichen Problemen konfrontiert. Direkt nach dem Ausbruch der so genannten Krim-Krise brachen heftige interne Diskussionen darüber los, wie es mit der Städtefreundschaft weitergehen soll.

Naturparadies Krim. Foto: Gert Ewen-Ungar

Durch die vielen persönlichen Kontakte mit Menschen auf der Krim waren die Vereinsmitglieder jedoch anders informiert über die Stimmung und tatsächliche Lage auf der Krim als jene ihrer Landsleute, die ihr Weltbild aus den Mainstreammedien schöpfen. Ein Interview mit Gerhard Ell liefert ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Er wurde in August 2015 (!) vom Lokalsender goodnews4 über seine letzte Krim-Reise befragt. Noch fast eineinhalb Jahre nach dem Krim-Referendum stellten die Reporter immer noch unqualifizierte Fragen:

Frage: Hat sich die Lage in Jalta wieder beruhigt, seitdem die Krim wieder zu Russland gehört?

Antwort: Das kann man mit einem absoluten 'Ja' beantworten. Die Leute, mit denen wir gesprochen haben, sagen, es geht uns besser als zu jener Zeit, da wir zur Ukraine gehörten.

Frage: Das heißt, die Einheimischen sind einverstanden mit der Annexion durch Russland?

Antwort: Die Menschen sind einverstanden. Wir haben keinen Einzigen gehört, der gesagt hat, das war eine verkehrte Entscheidung. Es war eine glückliche Entscheidung für uns.

Für die Politiker vor Ort entstand ein oft schwieriger Zwiespalt zwischen gesundem Menschenverstand und dem Wunsch, nicht weiter oben anzuecken. Einerseits wollte die am Bürger stattfindende Kommunalpolitik die ideologisierte Bundespolitik, die sich auf Konfrontationskurs festgelegt hat, nicht verärgern. Deshalb rückten auch Lokalpolitiker nicht von der vorgegebenen "Annexions"-Rhetorik ab.

Andererseits wollten sie aber die entstandenen Kontakte weiterpflegen. Sie einigten sich auf die Formel, wonach die Landeszugehörigkeit der Städte eine untergeordnete Rolle spiele. Man habe die Partnerschaftsverträge mit Städten und nicht mit Ländern abgeschlossen. "Für die Städtepartnerschaft ist es letztlich egal, ob Jevpatorija russisch oder ukrainisch ist", sagte Klaus Herrmann, der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Stadtrat Ludwigsburg.

Die erste Gruppe aus Baden-Baden beim Treffen in der Stadtverwaltung Jalta.
Die erste Gruppe aus Baden-Baden beim Treffen in der Stadtverwaltung Jalta.

Trotz dieser Verlautbarungen verzichtete man jedoch auf gesellschaftliche Kontrakte, bis "die politische Situation sich wieder beruhigt". Erhalten blieben nur Kontakte im humanitären Bereich – wie Hilfeleistungen für soziale Einrichtungen, die in den Jahren während der Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine entstanden waren. Vor diesem Hintergrund fiel die Tätigkeit einiger gesellschaftlicher Aktivisten wie Gerhard Ell besonders stark auf.

Im oben angesprochenen Interview sprach er auch Klartext über die Meinung der Krimbewohner, was im Deutschland des Jahres 2015 fast einem Akt des Dissidententums gleichkam:

Was wir auf der Krim immer gehört haben, ist: 'Wir auf der Krim werden schlecht behandelt von der ganzen Welt, man akzeptiert nicht unsere Entscheidung. Wir sind mit der Welt, insbesondere mit dem Westen unzufrieden'."

Es war daher nicht verwunderlich, dass nach einem solchen Einsatz von Gerhard Ell bereits im Jahr darauf gleich zwei Bürgergruppen aus Baden-Baden kamen, die eines Empfangs auf der höchsten kommunalen Ebene der Stadt Jalta für würdig befunden waren. Die erste Delegation, die nur wenige Tage vor der Gruppe von Gerhard Ell eingereist ist, wurde vom ehemaligen medienpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Jörg Gauss, angeführt. Bei ihm klang das Statement schon politisch. Während des Treffens am 13. September in der Stadtverwaltung Jalta sagte er:

Wenn unsere Politiker dieses Problem nicht lösen können oder wollen, müssen wir ihnen helfen. Wir treten für die Aufhebung der Sanktionen gegen die Russische Föderation ein. Es wäre schön, auch ein Gesetz zu verabschieden, dem zufolge der visafreie Reiseverkehr auf die Krim möglich würde, das wäre der echte Schlag für Opponenten im Westen.

Die Vereine der deutschen Städte, die Städtepartnerschaften zur Krim pflegen, stehen untereinander in regem Austausch. Nach dem Besuch aus Baden-Baden ist nun mit weiteren Reisegruppen aus anderen Partnerstädten zu rechnen. Die Krimbewohner bereiten sich währenddessen zum ersten Mal auf das Oktoberfest vor. Es sollen Geräte zum Grillen und Zapfen aus Deutschland angeschafft werden und dem Brauch gemäß wird auch ein Oktoberfestzelt aufgebaut. Die Gastgeber rechnen mit circa 200 deutschen Gäste zum Fest.