Deutsch-russische Vergangenheitsbewältigung: Ein Schritt zu einer adäquaten Erinnerungskultur

"Vergessen – Gegenwärtig: Die Leningrader Blockade: Lücken, Mythen und Politik der Erinnerung" - Eine Veranstaltung der bpb wie man sie in dieser Perspektive selten erlebt.
"Vergessen – Gegenwärtig: Die Leningrader Blockade: Lücken, Mythen und Politik der Erinnerung" - Eine Veranstaltung der bpb wie man sie in dieser Perspektive selten erlebt.
Russlandkritikerin Marieluise Beck sagte den bpb-Themenabend zum Jahrestag der Leningrad-Blockade kurzfristig ab. Sie verpasste, wie Deutsche und Russen gemeinsam nach Wegen suchten, der breiten Unwissenheit über das Verbrechen gegenzusteuern.

Punktgenau zum 75. Jahrestag des Beginns der Leningrader Blockade lud die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) am 8. September 2016 in Berlin-Mitte zu einer Veranstaltung mit dem Titel "Vergessen – Gegenwärtig: Die Leningrader Blockade: Lücken, Mythen und Politik der Erinnerung" abgehalten. Es sollte dabei um den Umgang mit der Vergangenheit und insbesondere mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in der Russischen Föderation und in Deutschland gehen.

Einige Veröffentlichungen der bpb zum Thema Russland legten im Vorfeld die Annahme nahe, die Organisatoren könnten sich auch diesmal einem kritischen Ansatz verschrieben haben - möglicherweise allerdings weniger hinsichtlich der deutschen Vergangenheit als vielmehr der russischen Gegenwart.

Die Einladung politischer Prominenz mit einem ausgeprägten russlandkritischen Profil in Form der Sprecherin für Osteuropapolitik der Grünen im Bundestag, Marieluise Beck, ließ zumindest erahnen, dass die in der Ausschreibung angesprochene, vielbemühte Vergegenwärtigung der Geschichte in der "heutigen Russischen Föderation" möglicherweise nicht den Geschmack  der Veranstalter treffen würde.

Daniil Granin im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016

Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt, dass Frau Beck nicht nur als notorische Russland-Kritikerin oder als leidenschaftliche Fürsprecherin der Ukraine bekannt ist. Sie setzt sich immerhin auch erkennbar für die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen gegen die Sowjetunion ein. Dies machte sie am 22. Juni dieses Jahres sogar im Bundestag noch einmal deutlich:

Das Aushungern war eine gezielte Strategie der deutschen Kriegsführung gegen die Sowjetunion. Mehr als vier Millionen Sowjetbürgerinnen und -bürger starben den qualvollen Hungertod, davon mehr als eine Million im belagerten Leningrad."

Doch die 100 Besucher der Veranstaltung konnten sich der Anwesenheit der talentierten grünen Rednerin nicht erfreuen: Sie war an diesem Tag angeblich aus gesundheitlichen Gründen verhindert. Die verbliebenen drei Experten, PD Dr. Jörg Ganzenmüller, Dr. Ulrike Jureit, Dr. Ekaterina Makhotina ließen die gegenwärtigen politischen Komponenten völlig außer Acht und konzentrierten sich auf "Erinnerungslücken, die es im deutschen Gedächtnis hinsichtlich des Vernichtungskrieges und insbesondere der Belagerung der Millionenstadt Leningrad gibt".

Bundespräsident Joachim Gauck weilt zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion lieber in Rumänien und ehrt dort mit einer Kranzniederlegung ausgerechnet die Soldaten, die gemeinsam mit der Wehrmacht in die Sowjetunion einfielen.

Zu Russland lasse sich nur sagen, dass das dort gepflegte Heldenepos, das in Deutschland vielleicht überspitzt oder gar absurd erscheinen möge, in Hinblick auf die Grausamkeit des Erlebten verständlich sei.

Das Fazit der Historiker war eindeutig: Wenn in der Wissenschaft die Verbrechen der Wehrmacht gegen sowjetische Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung auch schon längst ein Thema sind, bedeutet das noch lange nicht, dass diese Untaten auch im deutschen Geschichtsbewusstsein präsent wären. Zwar gibt es immer mehr Ereignisse wie die Bundestagsrede des russischen Schriftstellers Daniil Granin im Januar 2014, die auch die Aufmerksamkeit der Medien erlangen, oder Veranstaltungen wie die gegenständliche von der bpb. Es ist allerdings noch ein langer Weg, bis diese Ereignisse ihren festen Platz im öffentlichen Diskurs gefunden haben.

Dafür sei entsprechende Aufklärung an den Schulen unverzichtbar. Diese findet aber nicht statt, wie Frau Makhotina im Zuge ihrer Tätigkeit als Dozentin feststellen musste. Die Blockade von Leningrad sei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Westen völlig unbekannt.

Die andere Rednerin, Frau Jureit vom Hamburger Institut für Sozialforschung, bemängelte ihrerseits, die einzelnen Aktionen wie die bekannte Wehrmachtausstellung, die das Thema der Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront zum ersten Mal breit thematisiert hätten, reichten nicht aus, um bestimmte Themen im öffentlichen Denken zu verankern. Bereits in wenigen Jahren werde eine unwissende Generation heranwachsen, wenn man an bestimmten Themen nicht festhalte.

Spätestens bei den Publikumsfragen zeigte sich jedoch deutlich, dass es nach wie vor im Osten und Westen des Landes eine geteilte Erinnerungskultur gibt. Viele der Fragesteller outeten sich als Ostdeutsche, die zur Sowjetunion und zu Russland eine besondere Beziehung hätten. Den Umgang mit dem Gedenken an die sowjetischen Opfer des Krieges in der heutigen Bundesrepublik quittierten sie mit Entsetzen. Ein Redner aus Plänterwald wies z. B. darauf hin, dass Europas größte Rock-Festival im Treptower Park eigentlich auf den Gräbern tausender gefallener sowjetischer Soldaten vonstattengeht.

Insgesamt aber waren die Besucher froh und dankbar, dass es in der Fachwelt überhaupt Personen gibt, die Dinge aussprechen, die den Menschen an Herzen liegen - und das auch noch im Rahmen einer Veranstaltung, die eine Bundesbehörde am symbolträchtigen Ort "Checkpoint Charlie" in Berlin-Mitte organisiert hat.

Die Frage ist, ob diese Gesprächsrunde tatsächlich so verlaufen ist, wie sich die Veranstalter dies gewünscht haben. Denn durch den Ausfall der Russlandkritikerin Marieluise Beck nahm sie unverkennbar eine Richtung, die den von der bpb gepflegten Ansatz zum Umgang mit Russland nicht wiedergibt.