Der Umbau des deutschen Arbeitsmarktes: Schon fast 1 Million Leiharbeiter

Besonders bei harter Industriearbeit breitet sich die Leiharbeit aus. Doch auch andere Branchen können sich nicht sicher fühlen.
Besonders bei harter Industriearbeit breitet sich die Leiharbeit aus. Doch auch andere Branchen können sich nicht sicher fühlen.
"Hire and Fire" statt soziale und wirtschaftliche Sicherheit. Neueste Zahlen belegen, dass Leiharbeitsverhältnisse in Deutschland weiterhin stark und konstant ausgebaut werden. Auf der Strecke bleiben Arbeitnehmerrechte und faire Entlohnung.

Neben Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz IV, gehört der Ausbau der sogenannten Arbeitnehmerüberlassung, im Volksmund auch als Leiharbeit bezeichnet, zu den umfangreichsten Eingriffen in den deutschen Arbeitsmarkt, den die Agenda 2010 mit sich brachte. Zwar reicht die Geschichte des modernen Arbeitskräfteverleihs bis in die 1960er Jahre zurück, 2003 fielen in Deutschland jedoch zahlreiche Regularien. Unter dem Stichwort „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“ wurde die Zahl der Leiharbeiter seitdem konstant in die Höhe getrieben.

Wie die Bundesregierung nun auf Anfrage der Linksfranktion im Bundestag bekannt gab, betrug der Zuwachs allein seit 2014 rund 5 Prozent. Insgesamt 961.000 Menschen waren im vergangenen Jahr als Leiharbeiter beschäftigt, 50.000 mehr als im Vorjahr, 100.000 mehr als zwei Jahre zuvor. Dadurch wird deutlich: Der Ausbau der Leiharbeit ist systemisch und konstant.

Während das Arbeitsmarktinstrument von seinen Fürsprechern als geniale Methode gepriesen wird, um Arbeitslose zurück in die Beschäftigung zu bringen, beklagen Kritiker einen sukzessiven Umbau des Arbeitsmarktes. Besonders wenn reguläre Festanstellungen mehr und mehr abgebaut werden, um diese durch „flexible“ Leihlösungen zu ersetzten, sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft negativ.

An die Stelle langfristiger gegenseitiger Verpflichtungen tritt ein „Just in Time“-Modell, bei dem Arbeitnehmer nur noch dann im Betrieb sind, wenn das Unternehmen unmittelbaren Bedarf an ihnen hat. Kurzfristig mag das für Arbeitgeber aus finanziellen Gründen attraktiv sein, auf der Strecke bleiben allerdings die Unternehmenskultur und Innovationen aus der Belegschaft heraus, die sich mit ihrem Betrieb identifizieren. Die Leiharbeiter zahlen zudem mit dem Wegfall ihrer sozioökonomischen Sicherheit drauf. Langfristige Planungen sind kaum noch möglich, kein besonders gutes Fundament für eine florierende Gesamtwirtschaft. Die Linke warnt so auch nachdrücklich vor der Etablierung einer Zwei-Klassen-Belegschaft.

Doch die Leiharbeit ist ganz im Sinne des neoliberalen Paradigmas. An erster Stelle steht dabei stets der unmittelbare monetäre Profit. So ist es ein Leichtes, auf sinkendende Arbeitslosenstatistiken zu verweisen, dabei jedoch zu verschweigen, welcher Qualität die „neuen Jobs“ sind. Besonders absurd wird das Ganze, wenn in Vollzeit Beschäftigte trotz einer 40-Stundenwoche nicht genug Geld zum Leben verdienen. Bei zahlreichen Leiharbeitern ist dies der Fall. In den Jobcentern sind diese dann als sogenannte „Aufstocker“ gelistet, erhalten staatliche Transferleistungen, fallen aber aus der Arbeitslosenstatistik heraus.

Ganze 65 Prozent der Leiharbeiter beziehen lediglich einen Niedriglohn, der meist sogar unter der von der OECD definierten Niedriglohnschwelle bei 1700 Euro Bruttogehalt liegt. Rund 6 Prozent aller Leiharbeiter müssen aufstocken.

Als sozialen Fortschritt würde es daher gerne die SPD wahrgenommen wissen, dass ein neues Gesetz aus dem Arbeits- und Sozialministerium von Andrea Nahles seit Neuestem verlangt, dass Leiharbeiter ab dem neunten Monat in einem Betrieb finanziell ihren festangestellten Kollegen gleichgestellt werden. Das Problem jedoch: Lediglich 25 Prozent aller Leiharbeiter erreichen überhaupt diese Schwelle. Meist spielt sich das „Hire and Fire“ in deutlich kürzeren zeitlichen Abständen ab.

Besonders betroffen sind die Arbeiter der Metall- und Elektroindustrie. Zunehmende Automatisierung sorgt dort ohnehin für immer unsicherere Arbeitsverhältnisse. Schon heute beschäftigt allein dieser Wirtschaftszweig 36 Prozent aller Leiharbeitskräfte. Es folgen der Maschinenbau mit 11 Prozent und der Fahrzeugbau mit 10 Prozent.

Jedoch, darauf deuten die aktuellen Zahlen hin, der Ausbau der Leiharbeit ist politisch gewollt und wird sich in den kommenden Jahren wohl auch in Bereichen der Wirtschaft ausbreiten, in denen Beschäftigte bisher sichere Jobs gewohnt waren. Das Ganze lässt sich auch dann wieder mit Verweis auf „sinkende Arbeitslosenzahlen“ wunderbar als Erfolg verkaufen. Eine Künstlergruppe hat dem schon einmal vorgegriffen: