BILD schmeißt Russland aus Olympia-Medaillenspiegel: Erfolge russischer Sportler "null und nichtig"

Yevgenia Kanaeva, Goldmedaillengewinnerin in Rhythmischer Gymnastik bei den Olympischen Spielen von London.
Yevgenia Kanaeva, Goldmedaillengewinnerin in Rhythmischer Gymnastik bei den Olympischen Spielen von London.
Eigentlich liegt es am Internationalen Olympischen Komitee, eine Entscheidung über die Teilnahme russischer Sportler an den Spielen in Rio zu treffen. Wegen Dopingvorwürfen steht eine Komplettsperre des Teams im Raum. Nach dem Geschmack von BILD handelt das IOC jedoch nicht hart genug. So verkündet das Blatt vor jeder offiziellen Entscheidung schon einmal, Russland in der Olympia-Berichterstattung aus dem Medaillenspiegel zu streichen.

Es ist nicht das erste Mal, dass BILD aus seiner Rolle eines berichtenden Mediums herausfällt und sich aufschwingt, aktiv auf politischen Entscheidungsprozesse einzuwirken. Überliefert ist zum Beispiel eine Mail-Aktionen des Blattes aus dem Jahr 2015, die sich an sämtliche Bundestagsabgeordnete richtete. Die Parlamentarier sollten vor der Abstimmung über eines von vielen Griechenland-„Hilfspaketen“ der BILD-Redaktion mitteilen wie sie abstimmen werden und die Gründe für ihre Entscheidung nennen. Die Schreiben wurden von einigen Beobachtern als Drohbriefe interpretiert.

Ein weiteres Kapitel dieser Art ist der mediale Feldzug gegen den früheren Bundespräsidenten Christan Wulff. Nach knapp zwei Jahren im Amt musste dieser seinen Hut nehmen, Grund war eine vor allem von BILD aufgebauschte Geschichte um vorgebliche Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung von Wulffs Eigenheim. Als die Gerichte den Niedersachsen später freisprachen war das höchste Amt im Staat schon neu besetzt.

Und auch in der Doping-Debatte um Russland ist es wieder einmal BILD, das sich vom „journalistischen“ Organ zum Entscheidungsträger befördern will: In einem kurz gehaltenen Kommentar gab Walter Straten, der Sportchef des Blattes, vor zwei Tagen bekannt, BILD werde Russland in seiner Berichterstattung über Olympia aus dem Medaillenspiegel streichen, sollte das Land Athleten nach Rio schicken dürfen. Verbunden ist die Ankündigung mit der klaren Aufforderung an das IOC nach dem Motto: „Wenn ihr nicht wie gewünscht handelt, handelt BILD.“ Namentlich unter Druck gesetzt wird in dem Kurz-Beitrag IOC-Chef Thomas Bach. Im Wortlaut heißt es:

Thomas Bach und sein IOC haben sich auch gestern wieder vor einer klaren Entscheidung gedrückt.

Wir tun das nicht!

Sollte Russland an den Spielen teilnehmen dürfen, wird BILD es aus dem Medaillenspiegel streichen. Die Ergebnisse der russischen Sportler für null und nichtig erklären!

BILD entscheidet dann mal: Kein Olympia mit Russland. Quelle: Screenshot http://www.bild.de/sport/olympia/olympia-2016/kein-medaillen-spiegel-mit-russland-46895642.bild.html
BILD entscheidet dann mal: Kein Olympia mit Russland. Quelle: Screenshot http://www.bild.de/sport/olympia/olympia-2016/kein-medaillen-spiegel-mit-russland-46895642.bild.html

Die eigenwillige Ankündigung des Blattes, über einen Teil der olympischen Spiele einfach nicht zu berichten, wäre vergleichbar mit einer Ansage des ZDF, am Tag der Bundestagswahl die Stimmen der AfD in der Wahlberichterstattung nicht zu nennen. Einerseits blanke Berufsverweigerung, andererseits sollen mit solch einem Gebaren die Entscheidungsträger in einer Art unter Druck gesetzt werden, die über die eigentliche Rolle von kritischem Journalismus weit hinausgeht. Wieder einmal verschwimmen im Hause Axel Springer die Grenzen zwischen Journalismus, Lobby-Arbeit, Interessenpolitik und PR.

Warum ausgerechnet die Sportredaktion eines Boulevardblattes besser geeignet ist, die im Raum stehenden Doping-Vorwürfe gegen Russland zu bewerten als eigens dafür eingesetzte Untersuchungskommissionen, bleibt ebenfalls im Dunkeln.

Doch wenn in der BILD-Sportredaktion ähnlich gearbeitet wird, wie im Politik-Ressort des Blattes, sollte sich der Olympia-Fan besser über nichts mehr wundern.