V-Mann „Corelli“ und der NSU – Verfassungsschutz sorgt weiter für Vertuschung

Innenminister Thomas de Maiziere im Gespräch mit dem Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen
Innenminister Thomas de Maiziere im Gespräch mit dem Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen
Dass das Bundesamt für Verfassungsschutz beim Thema NSU etwas zu verbergen hat, liegt auf der Hand. Besonders die in der rechtsradikalen Szene angeworbenen V-Leute sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Einer dieser V-Männer war Thomas R., genannt „Corelli“. Nachdem R. 2014 überraschend starb, sorgt dieser Fall noch immer für Fragezeichen. Erst jetzt tauchten "zufällig" das Diensthandy und dazugehörige SIM-Karten des Informanten auf. Ein Fund, der viele Fragen aufwirft.

Auch die ZDF-Sendung

Ohne Informanten und Verbindungspersonen würden die Ermittlungsbehörden in extremistischen Kreisen oft im Nebel stochern. Es gehört daher zur Praxis, dass Verfassungsschutz und Co. immer wieder Szene-Insider anwerben, um über diese an vertrauliche Informationen über Akteure und Aktionen zu gelangen. Lang ist die Liste der Fälle in der es dann jedoch vor allem erst V-Leute waren, die dank der „Förderung“ durch öffentliche Gelder Netzwerke erst aufbauen. Besonders in der rechtsradikalen Szene sind diese Fälle belegt. So scheiterte auch das Verbotsverfahren gegen die NPD Anfang der 2000er-Jahre wegen einer zu tiefen Verstrickung von „Verfassungsschützern“ in der nationalistischen Partei.

Häufig kommt es auch vor, dass V-Personen unversehens ableben, besonders, wenn sie in Verbindung mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) standen. Einer dieser Fälle ist auch Thomas R. Beim Verfassungsschutz war dieser als V-Mann „Corelli“ gelistet und belieferte den deutschen Inlandsgeheimdienst 18 Jahre lang mit Interna aus rechtsradikalen Kreisen. Doch nicht nur das: „Corelli“ war auch einer der Pioniere beim Aufbau rechtsradikaler Netzwerke im Internet. 2002, schon im Dienste des Verfassungsschutzes, baute „Corelli“ zum Beispiel das Portal "Nationale Demonstrationsbeobachter" auf.

2012 flog „Corelli“ auf und kam in ein Schutzproramm, doch zuvor knüpfte er auch enge Kontakte zum NSU, der sich jahrelang durch Deutschland mordete. 2014 dann der plötzliche Tod des früheren Informanten – angeblich als Folge eines diabetischen Schocks.

Die Zeugenbank im NSU-Prozess

Wenige Monate davor verbrannte Florian H., ein anderer NSU-Zeuge, in seinem Auto in Stuttgart. Im Blut ein tödlicher Medikamentenmix. Die Behörden deklarierten den Fall als Selbstmord. In Verbindung mit H. standen Sascha W. und Melisa M., die ebenfalls bereits das Zeitliche segneten. Generell gilt: Insider, die Licht ins Dunkel des NSU bringen können – insbesondere wenn es um die Beteiligung des Verfassungsschutzes an dem Netzwerk geht – leben gefährlich und meist nicht sonderlich lange.

Doch V-Mann „Corelli“ wird wohl nicht so einfach zu den Akten gelegt werden, wie die übrigen verstorbenen NSU-Zeugen. Am gestrigen Mittwoch war der Fall erneut Thema im Parlamentarischen Kontrollgremium, denn plötzlich sind in den Behördenarchiven des Verfassungsschutzes dann doch das alte, verloren geglaubte Diensthandy sowie die SIM-Karten des einstigen Informanten auftaucht, Beweismittel mit äußerst sensiblen Daten über die Akteure in „Corellis“ Netzwerk. Zurückgehalten wurden diese wohl von „Corellis“ ehemaligem V-Mann-Führer.

Aufgedeckt werden diese Versäumnisse und offensichtlichen Vertuschungsversuche nun nur, weil das Parlamentarische Kontrollgremium den Rechtsanwalt und ehemaligen Bundestagsabgeordneten (Bündnis 90/Die Grünen) Jerzey Montag als Sonderermittler eingesetzt hat. Dieser spricht in seinem Bericht von einem äußerst ungewöhnlichen Verhältnis des damals zuständigen V-Mann-Führers zu „Corelli“. Beide wollten offenbar, nachdem sie sich dienstlich kennenlernten, auch privat zusammenziehen. Nachdem der V-Mann-Führer von seinem „Klienten“ abgezogen wurde, schrieb dieser zudem weiterhin persönliche Nachrichten an Corelli. Laut Montag auch Botschaften wie diese:

Ceska - Die Tatwaffe der NSU - Quelle: Bundeskriminalamt

Wünsch dir ein schönes WE, auch wenn ich dich nicht mehr anrufen soll oder darf.

Sonderermittler Jerzy Montag berichtet so auch von einer besonders engen Verbindung seitens des Verfassungsschutzes zu seinem Top-Kontaktmann in der rechten Szene, die jede Kritikfähigkeit verunmöglichte.

Für die ungewöhnliche Beziehung interessiert sich nun auch der parlamentarische NSU-Untersuchungsausschuss im nordrhein-westfälischen Landtag, doch der Verfassungsschutz verbot dem fraglichen V-Mann-Führer jede Aussage vor dem Gremium. Anfragen seitens des WDR ist die Behörde ebenfalls nicht bereit zu beantworten

Klar ist jedoch: Dass „Corellis“ Handy und die dazu gehörigen SIM-Karten erst jetzt wiederaufgetaucht sind, stärkt nicht gerade das Vertrauen in das Bundesamt für Verfassungsschutz. Auch Bundesinnenminister Thomas des Maizière fordert nun „maximale Aufklärung“ von dem Dienst.

Ohnehin können noch weitere brisante Details aufgedeckt werden: Das Parlamentarische Kontrollgremium beauftragte Jerzy Montag nun, ein Nachtragsgutachten im Fall „Corelli“ anzufertigen.