Feindbild Russland: Laut Körber-Stiftung überwiegen die Gemeinsamkeit zwischen Russen und Deutschen

Feindbild Russland: Laut Körber-Stiftung überwiegen die Gemeinsamkeit zwischen Russen und Deutschen
Auf die Bevölkerung in Deutschland hat die Kalte-Kriegspropaganda bisher kaum einen Einfluss. Eine repräsentative Befragung in Russland und Deutschland zeigt überwiegend Gemeinsamkeiten zwischen Russen und Deutschen. Allerdings scheinen Deutsche mit „höheren Bildungsabschlüssen“ anfälliger für Feindbilder zu sein.

In den Monaten Februar und März 2016 ließ die Körber-Stiftung von Infratest eine repräsentative Befragung in Russland und Deutschland durchführen. Zwei Jahre nach dem Beginn der Ukraine-Krise lautet das überraschende Ergebnis: Die Bevölkerung in den beiden Ländern ist sich, was die gegenseitigen Beziehungen betrifft, weitgehend einig.

Überraschend: Deutlich mehr als zwei Drittel der Deutschen und der Russen wünschen sich gemeinsame Feierlichkeiten zum Ende des 2. Weltkriegs. Obwohl dieses Thema in der deutschen Politik oftmals kontrovers diskutiert wurde - Stichwort: Niederlage oder Befreiung -, herrscht in dieser Frage in beiden Ländern große Zustimmung über alle Altersgruppen hinweg.

Überhaupt zeigt die Studie, dass die jeweils andere Seite positiv wahrgenommen wird. Nach zwei Jahren hartnäckiger Anti-Putin-Propaganda und neuer Russenangst in den deutschen Medien wäre hier ein wesentlich negativeres Bild von der russischen Seite zu erwarten gewesen.

Allerdings scheint die NATO-Propaganda bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe bessere Wirkung zu erzielen: Je höher der Bildungsgrad der Befragten in Deutschland, desto eher wird die Russische Föderation als „ein bedrohliches Land“ wahrgenommen. Neben den Befragten mit höherer Bildung findet diese Aussage nur in der mittleren Altersgruppe der 45 bis 59-Jährigen eine Mehrheit.

Insgesamt betrachtet die Mehrheit der Deutschen Russland keineswegs als „bedrohlich“. Gerade die ältere Generation der über 60-Jährigen setzt in beiden Ländern auf Verständigung. Allerdings sehen die meisten Deutschen einen Prozess der Annäherung „durch die aktuellen politischen Entwicklungen“ gefährdet.

In Russland wie in Deutschland verlangt eine große Mehrheit, dass die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland wiederaufgenommen wird. Unter den befragten Deutschen votieren 69 Prozent für ein Ende der Sanktionen, in Russland verlangen sogar 79 Prozent der Befragten, dass die Zusammenarbeit wieder aufgenommen wird.

Noch mehr Menschen halten eine politische Annäherung grundsätzlich für „wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“: 84 Prozent der befragten Russen und 95 Prozent der Deutschen geben an, dass sie einer Annäherung zwischen beiden Ländern große Bedeutung beimessen. Dazu sind, nach Meinung aller Befragten, am ehesten die eigenen Regierungschefs – Wladmir Putin und Angela Merkel – in der Lage.

Mit der Befragung versuchte Infratest auch herauszufinden, wie das Bild von Europa in beiden Ländern ist. Aktuell sehen Russen den alten Kontinent sehr viel positiver, während die Deutschen sich an den aktuellen öffentlichen Debatten über die Krise der EU orientieren.

In beiden Ländern geht eine Mehrheit davon aus, dass Russland zu Europa gehört. Dabei stimmen dieser Aussage häufiger die älteren Befragten zu und diejenigen, die Europa und Russland von eigenen Besuchen kennen. In Deutschland beantwortet zudem eine klare Mehrheit der Ostdeutschen diese Frage positiv.

In beiden Ländern werden mit „Europa“ mehrheitlich positive Werte verbunden. Im Bild der Deutschen von Europa steht „Frieden“ als ein vermeintlich europäischer Wert ganz oben auf der Liste, unter den Befragten in Russland sind es „Meinungsfreiheit“, „Weltoffenheit“ und „Toleranz“ als Merkmale für Europa.

Auch bei anderen Vorstellungen über eine Gesellschaft überwiegen zunächst die Gemeinsamkeiten. Die größte Übereinstimmung zeigt sich bei der Aussage, dass Fremdenfeindlichkeit in einer modernen Gesellschaft keinen Platz haben sollte. In beiden Gesellschaften stimmen diesem Grundsatz 88 Prozent zu. Besonders große Gemeinsamkeit bestehen auch bei den Aussagen, dass eine unabhängige Justiz die Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft ist, und dass eine Demokratie ohne Opposition nicht denkbar ist.

Was das Verständnis der „Rolle der Medien in einer Gesellschaft“ betrifft, das Thema der „Partnerschaft“ und auch bei „Streiks und Demonstrationen“ zeigen sich die Deutschen jedoch sehr viel liberaler: Die große Mehrheit lehnt die Vorstellung ab, dass Medien die Aufgabe hätten, die Arbeit der Regierung zu unterstützen. Noch deutlicher weisen die Deutschen den Zwang zur heterosexuellen Partnerschaft zurück. Ganze 90 Prozent sprechen sich gegen Verbote von Demonstrationen und Streiks aus.

In allen drei Fragen gibt es bei den Befragten in Russland deutliche Unterstützung für eher konservative und autoritäre Werthaltungen. Da diese Aussagen jedoch zunächst die eigene Gesellschaft betreffen und nicht automatisch die Wertung der anderen Gesellschaft beeinflussen, überwiegt die Erkenntnis, dass Russen und Deutsche nur schwer zu trennen sind.

Die morgige Sendung 'Der Fehlende Part' beschäftigt sich mit dem 'Feindbild Russland'. Gäste in der Sendung "Russland: Der unheimliche Nachbar" sind u.a. Hauke Ritz und Hannes Hofbauer, der aktuell ein gleichnamiges Buch veröffentlichte. Ab Freitag 19:30 Uhr.