Idee des Tages: MSC-Chef Ischinger schlägt offizielle "Wahrheitsinstanz fürs Internet" vor

Wolfgang Ischinger beim Weltwirtschaftsforum von Davos, wo seine neueste Idee sicher auf viel Zustimmung stößt
Wolfgang Ischinger beim Weltwirtschaftsforum von Davos, wo seine neueste Idee sicher auf viel Zustimmung stößt
Im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), die am kommenden Freitag beginnt, macht deren Chef Wolfgang Ischinger mit einem eigenwilligen Vorschlag auf sich aufmerksam. Ein "neutraler Fakten-Ombudsmann" für politische Netzdebatten solle eingerichtet werden. Dessen Aufgabe wäre es, bei strittigen Themen und hitzigen Debatten - wie etwa dem Syrien- oder dem Ukraine-Konflikt - "die Wahrheit" zu verkünden. Offenbar erhofft sich Ischinger auch die Unterstützung Russlands für diese Idee.

Schwer vorstellbar, dass jemand auf eine solche Idee kommen kann, der selbst schon an kontroversen Debatten teilgenommen hat. Leicht vorstellbar, dass, wer sich vor allem mit seinesgleichen auseinandersetzt, dies für eine wunderbare Idee hält:

Quelle: Mueller / MSC/CC BY 3.0 de

Nach den Wünschen Wolfang Ischingers, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, die am kommenden Wochenende in der bayerischen Landeshauptstadt stattfindet, sollte eine "neutrale Instanz" geschaffen werden, die "Propaganda im Netz" entgegenwirkt. Dies sei die passende Antwort des Westens auf "Desinformation im Netz".

Ein sogenannter "Fakten-Ombudsmann" soll bei besonders heiß geführten Debatten, wie etwa den Konflikten um Syrien und die Ukraine, in weiser Erhabenheit verkünden, was wahr ist. Eine geniale Idee, die schon George Orwell hatte. Anstatt in gesellschaftlichen Debatten die Fragen der Zeit argumentativ auszuhandeln, ist es doch viel zeitsparender einfach ein zentrales "Wahrheitsministerium" zu gründen.

Dass es sich bei internationalen Streitfällen natürlich um äußerst komplexe Gemengelagen handelt, bei der es auf allen Seiten auch um handfeste geostrategische, politische oder wirtschaftliche Interessen - und eben auch um unterschiedliche Ansichten - geht, kann dem MSC-Chef eigentlich nicht fremd sein.

Welche Instanz dies sein soll, die gottgleich über all diesen Interessen steht und die einzig wahre Wahrheit kennt, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Ischinger selbst womöglich? Ob der Vorschlag des Diplomaten auch in Russland auf Zustimmung stößt, hält der Ex-Botschafter jedoch für fraglich - womit die wahrste Wahrheit für alle ebenfalls schwer durchzusetzen wäre.

Seine Ausführungen machte Ischinger, wie die Internetplattform heise berichtet, am Montag anlässlich der Eröffnung des Digital Society Institutes der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin. Dort zu Gange war auch der Geheimdienstversteher, NATO-Berater und FAZ-Gastautor Sandro Gaycken.

Darüber hinaus zeigte sich der MSC-Chef hocherfreut, dass dieses Jahr auch zahlreiche Geheimdienstvertreter am kommenden Wochenende in München vor Ort sein werden. Gerade nach dem NSA-Skandal müsse man, so Ischinger, die Überwachungsapparate "aus der Verteufelung herausholen, die mit Snowden erzeugt wurde".

Ein geeigneter Fakten-Ombudsmann, eingesetzt von Ischinger und den Seinen, hätte diesen Imageverlust der Dienste sicher schon im Vorfeld gewusst zu verhindern.

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